KNUT MELLENTHIN

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Katar schickt Bodentruppen

Saudisch geführte Koalition baut ihre Rolle im jemenitischen Bürgerkrieg aus, verliert 60 Soldaten an einem Tag.

Katar hat 1.000 Soldaten zur Teilnahme am Bürgerkrieg in den Jemen geschickt. Das meldete am Montag der Sender Al-Dschasirah, der in dem kleinen Fürstentum ansässig ist. Ziel der Truppenbewegung, an der auch 200 gepanzerte Fahrzeuge und 30 in den USA produzierte Apache-Kampfhubschrauber beteiligt sein sollen, ist angeblich die Provinz Marib. Sie liegt ungefähr 120 Kilometer von der jemenitischen Hauptstadt Sana'a entfernt, die seit September 2014 von der Miliz der schiitischen Organisation Ansarollah kontrolliert wird.

Marib ist gegenwärtig Schwerpunkt der Kämpfe zwischen Ansarollah, die von einem Teil der regulären Streitkräften unterstützt wird, und Truppen der Exilregierung von Abed Rabbo Mansur Hadi, die in der saudischen Hauptstadt Riad residiert. Seit Ende März beteiligt sich eine von Saudi-Arabien geführte Koalition am Bürgerkrieg. Ihr gehören unter anderem die Vereinigten Emirate, Katar, Bahrain, Jordanien und Ägypten an. Die Koalition hat angekündigt, Sana'a innerhalb zweier Monate zurückzuerobern.

Am Freitag erlitten die Interventionstruppen ihre bisher schwersten Verluste. Beim Angriff von Ansarollah auf einen Stützpunkt in Marib wurden 45 Soldaten aus den Emiraten, zehn aus Saudi-Arabien, fünf aus Bahrain und vier Angehörige der Hadi-Streitkräfte getötet. Ursache war die Explosion eines Munitions- und Waffendepots, das von einer Rakete getroffen wurde. Der Zwischenfall demonstriert, welchen Umfang die ausländische Beteiligung am Krieg im Jemen mittlerweile erreicht hat. Die saudisch geführte Koalition macht in der Regel keine öffentlichen Angaben über ihre Verluste. Bekannt ist lediglich, dass bis zum vorigen Freitag mindestens fünf Soldaten aus den Emiraten und etwa 50 saudische Militärangehörige ums Leben gekommen waren. Letztere überwiegend bei Vorstößen von Ansarollah auf das südliche Grenzgebiet Saudi-Arabiens.

Die Vereinigten Emirate kündigten nach dem Zwischenfall in Marib „umgehende Rache“ an. „Wir machen weiter, bis Jemen vom Abschaum gesäubert ist“, drohte Kronprinz Scheikh Mohammed bin Zajed, der Generalsrang hat und stellvertretender Chef der Streitkräfte seines Landes ist. Am Sonnabend flog die Luftwaffe der Emirate ihre bisher schwersten Angriffe gegen Sana'a. Angeblich wurden nur militärische Ziele getroffen. Berichten aus den Krankenhäusern der Hauptstadt zufolge wurden jedoch mindestens 24 Zivilpersonen getötet und viele weitere verletzt. Die Zahl der zivilen Opfer des Luftkriegs der saudisch geführten Koalition liegt hoch in den Hundertern, vermutlich weit über tausend. So wurden Ende August in der nordjemenitischen Provinz Hadschah mindestens 36 Arbeiter einer Abfüllfabrik für Trinkwasser getötet. Ein saudischer Militärsprecher behauptete, die angegriffene Anlage sei ein Stützpunkt gewesen, in dem Ansarollah Migranten aus Afrika militärisch ausgebildet habe. In der Vergangenheit flüchteten Zehntausende von Somalis, oft unter Lebensgefahr, über das Meer in den Jemen, um dort oder in Saudi-Arabien Arbeit zu finden.

Am Sonntag wurde gemeldet, dass die Polizei in Aden ihren Dienst wieder aufgenommen habe. Die südjemenitische Hafenstadt war im April von Ansarollah besetzt und Mitte Juli von einer Separatistenmiliz, die sich zeitweise mit der Exilregierung verbündet hat, erobert worden. Beteiligt waren außerdem eine zahlenmäßig kleine, aber kampfstarke Einheit der Hadi-Truppen und Offiziere der Interventionskoalition als Berater. Die Exilregierung hat in den seither vergangenen sieben Wochen keine Anstalten gemacht, nach Aden zurückzukehren oder dort wenigstens eine Zivilverwaltung aufzubauen. Einen entscheidenden Grund demonstrierten zwei Morde am 29. August: Im Abstand von zehn Stunden erschossen Unbekannte einen hochrangigen Kommandeur der Separatistenmiliz und den von Hadi eingesetzten Sicherheitschef der Stadt. Es gibt bis jetzt keine „Bekennererklärung“.

Knut Mellenthin
Junge Welt, 8.9.2015