KNUT MELLENTHIN

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Das Pentagon will mehr Soldaten

Während die NATO-Besatzungstruppen in Afghanistan derzeit ihre schwersten Verluste seit Kriegsbeginn vor acht Jahren erleiden, hat Verteidigungsminister Robert Gates am Montag eine Verstärkung der US-amerikanischen Streitkräfte um 22.000 Soldaten angekündigt.

Durch die Aufstockung wird der aktive Personalbestand des Heeres auf 569.000 Männer und Frauen angehoben. In dieser Gesamtzahl enthalten sind 65.000 Soldaten, um die die Army vor zwei Jahren unter Präsident George W. Bush verstärkt wurde. Insgesamt haben die Streitkräfte der USA eine Aktivstärke von rund 1,45 Millionen Männern und Frauen. Hinzu kommen 850.000 Reservisten und mehrere Hunderttausend „zivile“ Angestellte.

Die jetzt bekannt gegebene Verstärkung wird als „vorübergehend“ bezeichnet, doch ist sie zeitlich nicht befristet. Wohl um die Maßnahme leichter durch den Kongress zu bringen, hat der Verteidigungsminister angekündigt, er werde dafür in den Haushalten 2009 und 2010 keine zusätzlichen Finanzmittel beantragen. Die Erhöhung der Soldatenzahl soll laut Gates vor allem ermöglichen, die Ruhezeit zwischen den Einsätzen, die die Armeeangehörigen zu Hause verbringen können, zu verlängern. Derzeit liegt sie, zumindest theoretisch, bei einem Jahr nach einem ebenso langen Kampfeinsatz. In Wirklichkeit wird aber die Einsatzzeit oft verlängert, um militärische Engpässe zu überbrücken. Die Aufstockung des Personalbestands ist zudem darin begründet, dass immer mehr Soldaten dienstunfähig sind, weil sie Verletzungen auskurieren müssen.

Bis Ende des Jahres soll die Zahl der US-Soldaten in Afghanistan auf 68.000 erhöht werden. Das ist mehr als eine Verdoppelung gegenüber den 32.000 Männern und Frauen, die im Dezember 2008 im Einsatz waren. Möglicherweise wird sich auch diese Zahl noch als zu niedrig erweisen, um die angestrebten schnellen militärischen Erfolge zu erzwingen. Auf der anderen Seite hat der Truppenabzug aus Irak, den Obama im Wahlkampf versprach, noch gar nicht richtig begonnen. Derzeit unterhalten die USA dort immer noch 128.000 Soldaten. Bis zum August 2010 soll ihre Zahl um 35.000 bis 50.000 sinken.

Alle jetzt schon eng kalkulierten Berechnungen würden völlig über den Haufen geworfen, falls sich die US-Regierung zur Eröffnung einer neuen Kriegsfront gegen Iran entschließt oder sich durch israelische Militärschläge in einen Krieg hineinziehen lässt. In diesem Fall wäre auch die in Aussicht gestellte Reduzierung der US-Truppen im Irak weitgehend hinfällig, da zumindest Teile dieses Landes zum Kampfgebiet werden würden.

Unterdessen ist die militärische und politische Situation in Afghanistan heute erheblich schlechter als zu Beginn des Krieges. Die NATO-Truppen haben in den ersten drei Juliwochen mit 56 Toten die bisher schwersten Verluste erlitten. Im Juni und August vorigen Jahres hatten sie jeweils 46 Soldaten verloren. Unter den Toten sind 30 US-Amerikaner und 17 Briten. Etwa zwei Drittel der Opfer kommen auf das Konto von Straßenminen. Die gestiegenen Verluste der NATO-Besatzer sind in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die afghanischen Aufständischen ihre Technik stark verbessert haben.

Am Dienstag griffen 15 Kämpfer in einer koordinierten Aktion gleichzeitig vier Objekte in Gardez, der Hauptstadt der Provinz Paktia, und den US-Militärstützpunkt am Flughafen von Jalalabad an. In Gardez sprengte sich ein Kämpfer vor dem Hauptquartier des afghanischen Geheimdienstes in die Luft, wobei drei Agenten getötet wurden.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 22. Juli 2009