KNUT MELLENTHIN

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Kollateralschäden

Afghanische Regierungskommission stellt Tod von 65 Zivilisten während eines NATO-Angriffs fest. Besatzungstruppen wollen höchstens sieben Verletzte zugeben.

65 „Zivilisten“, darunter 40 Kinder unter 13 Jahren, wurden am 17. Februar während einer Offensive der NATO-Truppen in der ostafghanischen Provinz Kunar getötet. Das ist das Ergebnis einer Regierungskommission, das am Sonntag vorgelegt wurde. Präsident Hamid Karsai hatte die Untersuchungsgruppe unter Leitung seines Beraters für Stammesangelegenheiten, Schahsada Masud, nach dem Bekanntwerden des Massakers eingesetzt. Das Team führte vier Tage lang Gespräche mit Stammesältesten und anderen örtlichen Autoritäten, Bewohnern, Krankenhauspersonal und Sicherheitsheitskräften. Ihre Erkenntnisse bestätigen Anschuldigungen, die der Gouverneur der Provinz, Fazulah Wahidi, schon vor über einer Woche erhoben hatte. Wahidi sprach von 29 Kindern und 20 Frauen unter den Todesopfern.

Aus den Berichten Überlebender ergibt sich, dass zahlreiche Dorfbewohner aus ihren Häusern geflüchtet waren, als sie Schüsse und das Dröhnen von Kampfhubschraubern und Flugzeugen hörten. Viele suchten Deckung in alten Unterständen aus der Zeit des Kampfes gegen die sowjetischen Interventionstruppen und kamen ums Leben, als diese unter Bomben und Raketenbeschuss einstürzten. Andere wurden auf freiem Feld von Hubschraubern aus getötet. Der nächtliche Angriff war der Höhepunkt einer dreitägigen Operation der NATO-Truppen in Bergtälern des Bezirkes Ghaziabad. Die Untersuchungskommission will in den nächsten Tagen eine Liste mit Namen und Alter sämtlicher Opfer veröffentlichen.

Völlig anders stellt hingegen die NATO die Ereignisse dar. Danach seien im Kampf gegen eine Gruppe von etwa 30 Aufständischen in einer unbewohnten Gegend ausschließlich bewaffnete Männer getötet worden. Nicht-Kombattanten seien überhaupt keine in der Nähe gewesen. Nachträglich räumte NATO-Sprecher Vic Beck am Sonntag ein, dass nach vorläufigen Erkenntnissen vielleicht versehentlich auch sieben bis neun „Zivilisten“ verletzt worden sein könnten. General David Howell Petraeus, der Oberkommandierende der NATO-Streitkräfte in Afghanistan, hatte vor einer Woche in einem Gespräch mit Karsai behauptet, einige Eltern hätten absichtlich Hände und Füße ihrer Kinder verbrannt und sie dann ins Krankenhaus gebracht, um falsche Beschuldigungen zu erheben.

Die Unabhängige Menschenrechtskommission Afghanistans und die UNO haben ebenfalls Untersuchungen zu den Vorfällen in Kunar eingeleitet, die aber noch nicht abgeschlossen sind. Die zahlreichen „Zivilisten“, die im Verlauf der NATO-Kampfeinsätze getötet werden, sind schon seit Jahren ein Streitpunkt zwischen den Besatzungstruppen und Karsai. Der Präsident schlägt zwar von Zeit zu Zeit aufmüpfige Töne an, ist andererseits aber auf die Präsenz der Interventen angewiesen, um sich an der Macht zu halten.

Am Donnerstag wurde ein weiterer Zwischenfall in der Provinz Kapisa, nordöstlich von Kabul, bekannt. Im Bezirk Alasai wurden nach Angaben des stellvertretenden Provinzgouverneurs Mohammad Scharif Hakim fünf Dorfbewohner, die frühmorgens vor Sonnenaufgang auf der Jagd waren, bei einem Hubschrauberangriff getötet. Unter den Opfern waren zwei Jungen im Alter von 12 und 13 Jahren. Die Jagd ist in dieser bitter armen Gegend kein Zeitvertreib, sondern dient der Beschaffung von Nahrungsmitteln.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 1. März 2011