KNUT MELLENTHIN

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Bildet die Bundeswehr Kindersoldaten aus?

Bildet die Bundeswehr in Afghanistan Minderjährige für den Kriegsdienst aus, wie die Junge Welt am 25. Februar gemeldet hatte? Nein, auf gar keinen Fall, dementierte ein Bundeswehrsprecher am Dienstag. Ja, selbstverständlich, behauptet hingegen Spiegel Online - und findet das auch völlig normal und in Ordnung.

Die Junge Welt hatte am Montag unter Berufung auf eine Insiderquelle berichtet, "dass einige der von deutschen Offizieren ausgebildeten Afghanen höchstens 16 Jahre alt sind. Die Umstände, unter denen solche Jugendliche für den Kriegsdienst angeheuert werden, seien oft nicht wirklich als freiwillig zu bezeichnen."

Am Dienstag verurteilte der verteidigungspolitische Sprecher der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, Paul Schäfer, die deutsche Beteiligung an der Ausbildung von Kindersoldaten. Er bezog sich dabei auch auf die Internetseiten der Bundeswehr. In einem Artikel über die "Grundausbildung" in Afghanistan heißt es dort: "So ist die Altersspanne breit. Der Jüngste ist gerade 16 Jahre alt, die Älteren bereits Mitte Dreißig..." Der Verfasser verschweigt auch nicht, was Afghanen zu den Streitkräften zieht: "Das Angebot ist lukrativ für hiesige Verhältnisse, etwa 100 Dollar im Monat verdient ein Soldat."

In ihrem Dementi verweist die Bundeswehr darauf, dass in dem Artikel ein Lehrgang der afghanischen Armee beschrieben wird, an dem lediglich ein deutscher Offizier als beratender "Mentor" beteiligt war. Hingegen seien die Rekruten der von der Bundeswehr ausgebildeten afghanischen Bataillone "alle mindestens 18 Jahre alt".

Gaubwürdiger klingt die kaltschnäuzige Rechtfertigung der Kindersoldaten-Ausbildung durch Spiegel Online: "An der Realität Afghanistans geht der Vorwurf der Linken weit vorbei. In dem noch immer schwer zerrütteten Land gehört das Training an der Waffe für Jugendliche noch immer eher zur Ausbildung als der Besuch einer Schule. Zudem wäre es eine nahezu unlösbare Aufgabe für die Bundeswehr, wollte sie vor Beginn der Soldaten-Ausbildung die Rekruten auf Volljährigkeit überprüfen. Viele von ihnen werden den Ausbildern noch nicht einmal ihr genaues Alter nennen können - von gültigen Personalpapieren mal ganz abgesehen."

Mit der "afghanischen Realität" lässt sich vermutlich auch begründen, dass sich viele Jugendliche nur gezwungenermaßen zum Kriegsdienst melden. Nach uns vorliegenden Berichten werden manche Rekruten von den Familienältesten zur Armee geschickt, um Geld zum Lebensunterhalt zu verdienen. Einige flüchten, sobald sie ihren ersten Sold in der Tasche haben. Die Bundeswehr spricht dann beschönigend von "Fluktuation". Nicht unüblich soll auch sein, dass die Behörden ein Dorf oder eine Großfamilie verpflichten, eine bestimmte Zahl von Rekruten "abzuliefern".

Unter Berufung auf die Insiderquelle hatten wir am Montag auch berichtet: "Bundeswehroffiziere ‚begleiten’ von ihnen ausgebildete afghanische Einheiten bei Kampfeinsätzen im Süden und Südosten des Landes." Wenn das stimmt, wäre es eine an der Öffentlichkeit und am Bundestag vorbeigesteuerte Geheimoperation. Dass es solche "begleiteten" Einsätze gibt, wird offiziell nicht bestritten. Doch fänden sie ausschließlich in der Region Nord statt, die der Bundeswehr unterstellt ist.

In diesem Zusammenhang gibt es auch Vermutungen, dass der Einsatz deutscher Polizeiausbilder ebenfalls nicht strikt auf Nordafghanistan und die Hauptstadt Kabul beschränkt ist.

Knut Mellenthin

28. Februar 2008