KNUT MELLENTHIN

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"Brachiale Taliban-Jagd"

Scheinheilige deutsche Entrüstung über US-Kriegführung in Nordafghanistan.

US-amerikanische Spezialeinheiten und Kampfflugzeuge haben Anfang November in der Umgebung der nordafghanischen Stadt Kunduz mindestens 133 Menschen getötet. Das berichtete Spiegel Online am Wochenende. Die fünftägigen Kriegshandlungen erfolgten im Rahmen der „Operation Enduring Freedom“ (OEF), also außerhalb der Strukturen der NATO und der internationalen Interventionstruppen (ISAF).

Die besondere politische Bedeutung dieser Operationen liegt darin, dass die Verantwortung für die Aufstandsbekämpfung in Kunduz bisher bei der Bundeswehr lag. Deutsche Politiker pflegten damit zu prahlen, dass man dort mit wesentlich geschickteren Methoden vorgehe als die US-Streitkräfte in anderen Landesteilen, und dass die Bundeswehr damit „das Vertrauen der Bevölkerung“ gewonnen habe. Die Tatsache, dass Nordafghanistan, wo die Taliban niemals stark gewesen waren, jahrelang vergleichsweise „ruhig“ war, wurde zu einem deutschen Verdienst umgefälscht und mit grober Arroganz den anderen NATO-Partnern als leuchtendes Vorbild hingestellt. Seit dem Massaker von Kunduz Anfang September, bei dem auf deutschen Befehl über 100 Menschen getötet wurden, ist dieser Mythos offensichtlich dahin.

Wenige Tage nach dem Massaker wurde die rund 300 Mann starke US-amerikanische Spezialeinheit Task Force 373 nach Masar-i-Scharif, mitten in der Besatzungszone der Bundeswehr, verlegt. Eine entsprechende „Anfrage“ der USA war schon am 7. August im Bundesverteidigungsministerium eingegangen, aber wochenlang geheimgehalten worden. Am 6. Oktober bekannte die Bundesregierung, dass keinerlei deutsches Mitspracherecht über die Operationen der Task Force 373 besteht. Deren Aufgabe bezeichnete die Bundesregierung getreu den offiziellen Formulierungen, aber wahrheitswidrig mit „Aufklärung und Festsetzung von Personen, die Al Qaida oder ggf. auch der Führungsriege der Taliban angehören“. Spätestens nach dem Vorgehen in der vorigen Woche ist eindeutig, dass die USA in Kunduz Aufstandsbekämpfung auf breiter Front betreiben. Die Opfer sind überwiegend sogenannte Low-Level-Fighter – bewaffnete Einheimische – und unbeteiligte Zivilisten.

Dem Spiegel-Bericht zufolge war die Bundeswehr vorab über die geplante US-Offensive informiert und anscheinend auch zur Teilnahme eingeladen worden. „Der deutsche General Jürgen Setzer, der das Regionalkommando Nord führt, lehnte jedoch eine Beteiligung ab.“ - Ob das wirklich stimmt und wie die Entscheidung begründet wurde, ist ungewiss. Der Spiegel versucht, die Spekulationen in eine bestimmte Richtung zu lenken: Seit der Stationierung der Task Force 373 sei es „wegen unangekündigter und teils sehr harter Zugriffe oder gezielter Tötungen“ schon mehrfach „zu Reibereien zwischen deutschen und US-Militärs“ gekommen. Man sorgt sich gar, die Bundeswehr müsse „wegen der vielen Opfer“ bei der jüngsten US-Aktion „einen Stimmungsumschwung in der Bevölkerung befürchten“. Als hätte dies nicht allerspätestens schon das Massaker von Kunduz bewirkt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 10. November 2009