KNUT MELLENTHIN

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"Deutsche Terrorzelle" aus dem Iran gesteuert?

Anmerkungen zur Produktion eines Gerüchts

In Deutschland ist es verbrecherisch leicht, Gerüchte in die Welt zu setzen, wie die folgende Geschichte zeigt, die sich leider wirklich ereignet hat. Grundlage dieses Phänomens sind die niedrigen professionellen Standards im deutschen Journalismus. Hat man erst einmal erreicht, dass über einer Meldung die drei Buchstaben "DPA" stehen, ist der Siegeszug des Gerüchts nicht mehr aufzuhalten. Ein paar hundert deutsche Journalisten kopieren ohne Nachdenken wie mittelalterliche Klosterbrüder, nur Dank der modernen Technik sehr viel schneller als damals. Das ist erheblich bequemer, als wenn man selbst noch ein bisschen nachrecherchieren würde. Ein paar Dutzend deutsche Medien verbreiten ungeprüft und nahezu wortgleich Texte, die nicht mehr als Klone von DPA-Meldungen sind. Das würde wenig schaden, wenn beispielsweise lediglich über ein Fußballspiel berichtet wird, das überhaupt nicht stattgefunden hat. Ein Autor der BILD fiel vor einigen Jahren monatelang bei der Chefredaktion in Ungnade, weil er unglücklicherweise über einen Fernsehfilm geschrieben hatte, der in Wirklichkeit aus dem Programm genommen worden war. Doch das sind eigentlich Lappalien. Der Schaden ist erheblich größer und schwerwiegender, wenn der psychologischen Vorbereitung für den nächsten Krieg Stoff geliefert wird. Genau das ist in der hier zu schildernden Geschichte geschehen.

Am Dienstag, dem 23. Oktober, um 12.50 hatte die Deutsche Presseagentur (DPA) folgende Meldung verbreitet:

ZDF: Drahtzieher geplanter Anschläge identifiziert

Einer der mutmaßlichen Drahtzieher hinter den geplanten Terroranschlägen in Deutschland ist nach Angaben des ZDF identifiziert. Danach soll ein Usbeke namens Gofir Salimov die Angriffe in Auftrag gegeben haben.

Das berichtet das ZDF unter Berufung auf deutsche Sicherheitsbehörden in seiner «Frontal21»-Dokumentation «Terrorziel Deutschland» (Ausstrahlung am Dienstagabend). Der in Usbekistan wegen Terrorverdachts gesuchte Salimov soll laut ZDF die deutschen Islam-Konvertiten Fritz G. und Daniel S. zu Anschlägen mit Autobomben gedrängt haben.

Die beiden Terrorverdächtigen waren gemeinsam mit einem Komplizen Anfang September beim Mischen von Sprengstoff in einem Ferienhaus im Sauerland verhaftet worden. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen die Planung von Bombenanschlägen und die Gründung einer Terrorzelle in Deutschland vor. Die Beschuldigten sollen Trainingslager der Dschihad-Union in Pakistan besucht haben.

Nach Erkenntnissen der Ermittler habe Salimov Ausbildungslager der Islamischen Dschihad-Union im iranisch-pakistanischen Grenzgebiet koordiniert, berichtete das ZDF. Er werde in der iranischen Stadt Zaidan vermutet und stehe weit oben in der Hierarchie der usbekischen Terrorgruppe. Die Bundesanwaltschaft wollte die Meldung nicht kommentieren.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt neben den drei Verhafteten gegen sieben weitere Terrorverdächtige, von denen zwei nur mit ihrem Decknamen bekannt waren - möglicherweise die Auftraggeber aus Nordpakistan. Generalbundesanwältin Monika Harms sprach vor wenigen Wochen von starken Anhaltspunkte für eine Einbindung der deutschen Zelle in das Netzwerk der Islamischen Dschihad-Union. «Es gibt da Verbindungen und Einflussnahmen - diejenigen, die hier agiert haben, waren nicht allein.»

Jörg Ziercke, Chef des Bundeskriminalamts (BKA), sieht Hinweise für eine Strategieänderung, «dass man Europäer ganz gezielt sucht, um solche dann auch in Deutschland oder sonst in Europa für solche Anschläge einzusetzen». Im ZDF bezeichnete er es als beunruhigend, dass junge Leute aus Deutschland nach Pakistan, Afghanistan in Ausbildungslager gingen. Heinz Fromm, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, plädierte für eine frühzeitige Beobachtung junger Extremisten aus Deutschland.

Sämtliche deutsche Mainstream-Medien übernahmen - durchweg unkritisch und ohne eigene Zusatzrecherchen, viele sogar wörtlich - diese mehrere Stunden vor der eigentlichen Sendung veröffentlichte DPA-Meldung. Manche Redakteure machten im Handumdrehen aus den nicht verifizierbaren, von DPA korrekt in indirekter Rede zitierten Behauptungen des ZDF feststehende Tatsachen.

So berichtete zum Beispiel Spiegel Online am Nachmittag des 23. Oktober:

Usbekischer Kontaktmann der deutschen Bombenbauer identifiziert

Ein Hintermann der mutmaßlichen Terrorzelle um Fritz G. und Daniel S. ist identifiziert: Es handelt sich laut ZDF um den Usbeken Gofir Salimov. Er gilt als wichtiges Mitglied der "Islamischen Dschihad-Union" und wird in Iran vermutet.

Welt Online:

Drahtzieher hinter Terrorzelle enttarnt

Die Polizei weiß offenbar, wer hinter den im Sauerland geplanten Terroranschlägen steckte. Nach ZDF-Informationen kam der Auftrag für Anschläge auf US-Einrichtungen von einem Usbeken. Er soll nun im Iran untergetaucht sein.

Focus Online:

ZDF-Recherche
Usbeke wollte Deutschland terrorisieren

Die Fäden für die im September vereitelten Terroranschläge in Deutschland liefen offenbar an der iranisch-pakistanischen Grenze zusammen: bei dem ranghohen Dschihad-Kämpfer Gofir Salimov.

Grundlage der mehrere Stunden vor Ausstrahlung der Sendung (1) verbreiteten DPA-Meldung war eine Pressemitteilung des ZDF. (2) DPA hatte diesen Text stellenweise korrekt redigiert, ansonsten aber wörtlich wiedergegeben. So wurde zum Beispiel der sachlich falsche Einleitungssatz der ZDF-Mitteilung, "Einer der Drahtzieher hinter den geplanten Terroranschlägen in Deutschland ist identifiziert", von DPA umformuliert in "Einer der mutmaßlichen Drahtzieher hinter den geplanten Terroranschlägen in Deutschland ist nach Angaben des ZDF identifiziert."

Was die für die DPA-Meldung Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt, Dienstagmittag, nicht wissen konnten: Die ZDF-Vorabmitteilung wich in mehreren wesentlichen Punkten von den Aussagen ab, die tatsächlich in der am Dienstagabend ausgestrahlten Sendung vorkamen. Ein Redakteur des Politik-Ressorts von DPA in Berlin sagte dem Autor dieses Artikels, dass so etwas gar nicht ungewöhnlich sei, sondern häufiger passiere.

So lässt sich nun im Internet genau nachverfolgen, dass alle Mainstream-Medien über die Geschichte ausschließlich auf Grundlage der DPA-Meldung berichteten, ohne Kenntnis des später wirklich vom ZDF gesendeten Textes. Das ist pressetechnisch auch völlig logisch: Erstens ist es erheblich bequemer, eine DPA-Meldung zu kopieren, als sich eine 45 Minuten lange Sendung anzusehen. Zweitens hätten die Zeitungen erst am Donnerstag, also mit einem Tag Verzögerung, berichten können, wenn sie die Ausstrahlung der Sendung am Dienstagabend abgewartet hätten. Das will selbstverständlich keine Redaktion. Journalistisch nicht sauber und durchaus nicht zwingend ist allerdings, dass anscheinend kein Mainstream-Medium nachträglich die in mehreren Punkten eindeutig falsche Berichterstattung über die ZDF-"Dokumentation" korrigierte.

Daraus lässt sich nur die betrübliche Schlussfolgerung ziehen, dass derzeit die Meldung einer Nachrichtenagentur erheblich mehr Wirkung haben kann als der Vorgang, mit dem sie sich befasst. Die Abbildung, auch wenn sie falsch ist, kann stärkere Realität als das Abgebildete gewinnen. Zumindest, wenn - wie in diesem Fall - von der Sache her absolut sichergestellt ist, dass kein Kläger auftreten wird und kann, der seinen Rechtsanwalt in Marsch setzt, um wenigstens nachträglich eine Gegendarstellung zu erzwingen.

Vergleichen wir nun die in der DPA-Meldung widergespiegelte Pressemitteilung des ZDF mit dem wirklich ausgestrahlten Text der Sendung "Terrorziel Deutschland". (3)

In einer ersten, 36 Sekunden langen Sequenz hieß es:

Wie baue ich eine Bombe? Das Handwerkliche lernen die Verdächtigen mit deutschem Pass in Trainingslagern in Pakistan. Und so könnte es dort aussehen, im Quartier der Drahtzieher von Terroranschlägen in Deutschland."Suley" und "Jaf" waren die Codenamen der beiden Hintermänner in ihren Emails und in Telefonaten über das Internet. Und das ist auch schon alles, was die Fahnder über sie wissen. "Suley" und "Jaf" drängen zur Eile, und schon beginnen Terroristen im Sauerland mit dem Mischen ihrer Bomben. Der lange Arm der Al-Kaida reicht offenbar vom fernen Hindukusch bis tief in die deutsche Provinz. (4)

Bei den Worten "...so könnte es dort aussehen" betrat der Sprecher einen kaum beleuchteten, im Studio fiktiv gestalteten Raum, der sich anscheinend in einer Höhle oder in einer Hütte befinden sollte. Nach der eben zitierten Sequenz wechselte das Bild ins nordwestpakistanische Wasiristan, wo sich angeblich an unbekannten Orten Ausbildungslager der IJU befinden sollen. Es folgte ein kurzer Ausschnitt aus einem Gespräch mit BKA-Chef Jörg Ziercke, in dem er behauptete, die IJU suche gezielt Konvertiten aus Europa, um diese Anschläge in ihren Heimatländern verüben zu lassen. Unmittelbar an Zierckes Äußerungen schloss sich die folgende, 22 Sekunden lange Sequenz an:

Die Ermittler glauben, den Drahtzieher mit dem Codenamen "Jaf" nun doch identifiziert zu haben: Gofir Salimov, ein Usbeke, der aus einem kleinen Ort an der iranisch-pakistanischen Grenze die IJU leitet. Er soll Fritz G. und seine Freunde mit einem Terrorauftrag zurück nach Deutschland geschickt haben. (5)

Die Formulierung "Die Ermittler glauben..." täuscht eine Tatsachenbehauptung vor. Durch die Verbindung mit dem unmittelbar vor diesem Satz im Bild befindlichen Ziercke wird suggeriert, dass die Mitteilung über Salimov aus dem BKA kommt. In Wirklichkeit hat sich jedoch bisher kein deutscher oder nichtdeutscher Ermittler öffentlich so geäußert oder den Namen Salimov auch nur erwähnt. Am 26. Oktober abends, drei Tage nach der ZDF-Sendung, ergab die Google-Suche nach "Gofir Salimov" 855 Treffer. Alle, wirklich ausnahmslos alle, bezogen sich auf die DPA-Meldung vom 23. Oktober und deren Klone in den Mainstream-Medien. Heute, am 17. Oktober, sind es 2.060 Treffer. Und immer noch beziehen sie sich ausschließlich auf die ZDF-Sendung vom 23. Oktober oder richtiger gesagt auf deren Vorankündigung durch DPA.

Das bedeutet, dass über einen Mann namens Gofir Salimov, sofern er denn überhaupt existiert, bis zum 23. Oktober öffentlich absolut nichts bekannt war, noch nicht einmal sein Name. Auch in den seither vergangenen drei Wochen scheinen keine neuen Erkenntnisse hinzugekommen zu sein. Angesichts der Behauptung des ZDF, Salimov sei der Führer der Islamic Jihad Union (IJU), ist diese Tatsache zumindest verblüffend. Daran scheint man sich aber weder bei DPA noch bei den Kopierern der DPA-Meldung gestört zu haben. Auch scheint bisher kein Mainstream-Journalist der Frage nachgegangen zu sein, was Angehörige der Ermittlungsbehörden veranlasst, dem ZDF anonym etwas "anzuvertrauen", was sie öffentlich nicht sagen dürfen, wollen oder können.

Objektiv betrachtet könnte es sich dabei selbstverständlich um eine bequeme und gefahrlose Methode zur Lancierung von Falschmeldungen handeln. Ein Journalist, der seine "Enthüllungen" auf solche nicht verifizierbaren, anonymen, nur vage umrissenen Quellen ("Die Ermittler") stützt, ist in der Regel auf der sicheren Seite. Denn die Sicherheitsbehörden geben zumeist aus grundsätzlichen Überlegungen keine Kommentare zu derartigen Berichten ab. Sie dementieren also auch Falschmeldungen nicht, solange sie durch diese nicht direkt geschädigt werden. So lautete denn auch der einzige Satz der DPA-Meldung, für den die Nachrichtenagentur offenbar selbst recherchiert hatte: "Die Bundesanwaltschaft wollte die Meldung" (des ZDF über Salimov) "nicht kommentieren".

Betrachten wir nun die Unterschiede zwischen der Pressemitteilung des ZDF vom Vormittag des 23. Oktober (sowie der darauf aufbauenden DPA-Meldung) und der am Abend tatsächlich ausgestrahlten "Dokumentation".

1. Die iranische Stadt Zaidan wurde in der Sendung nicht genannt. Die Formulierung "aus einem kleinen Ort an der iranisch-pakistanischen Grenze" ließ offen, in welchem Land sich Salimov angeblich aufhält. Zaidan ist eine international nicht gebräuchliche Bezeichnung für Zahedan, die Hauptstadt der iranischen Grenzprovinz Sistan und Balutschistan. Sie liegt im Dreiländereck Iran-Pakistan-Afghanistan, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Pakistan entfernt.
Für eine Zusammenarbeit iranischer Behörden mit der IJU existieren keine Beweise, noch nicht einmal wirkliche Anhaltspunkte. Selbst US-Dienststellen, mit Vorwürfen gegen Iran normalerweise nicht zaghaft, haben noch nie gesagt, dass es eine solche Zusammenarbeit gebe. Die politischen Implikationen und Folgewirkungen der Behauptung, deutsche "Terrorzellen" würden vom Iran aus gesteuert, liegen auf der Hand. Das ist, was auch immer die Absicht der beteiligten Journalisten gewesen sein mag, Stoff für die Kriegspropaganda gegen Iran.

2. "Ausbildungslager" der IJU "im iranisch-pakistanischen Grenzgebiet" kamen in der Sendung nicht vor. Stattdessen wurden sie, wie allgemein üblich, im nordwestpakistanischen Wasiristan verortet. Die Entfernung zwischen beiden Gebieten beträgt über 1000 Kilometer. Von IJU-Lagern im iranisch-pakistanischen Grenzgebiet, also in Balutschistan, war bisher noch nirgendwo die Rede. Auch nicht von US-amerikanischer Seite.

Darüber hinaus tauchte auch die in der ZDF-Pressemitteilung stehende Behauptung, Salimov werde in Usbekistan "wegen Terrorverdacht" gesucht, in der Sendung nicht auf.

Einer der Autoren der ZDF-"Dokumentation", Elmar Theveßen (6), bestätigte gegenüber dem Verfasser dieses Artikels, dass es Unterschiede zwischen der Pressemitteilung und dem tatsächlich gesendeten Text gibt. Für die Behauptungen über Salimov hätten die Autoren
"drei voneinander unabhängige Quellen. Zwei davon sehen in ihm einen der oder den Anführer der IJU, eine dagegen sagt, dass er eine hochrangige Rolle einnimmt (Koordinator von Ausbildungscamps), aber nicht zur unmittelbaren Führung gehört. (...) In der Doku haben wir die ausführlicheren Angaben (z.B. Zaidan) herausgelassen, da wir dann diese Spuren mit deutlich mehr Zeit hätten nachverfolgen müssen. Dies war aus Zeitgründen nicht möglich, zumal uns weitere Bildelemente fehlten. Die Informationen waren erst in den letzten Tagen vor Ausstrahlung an uns gelangt, so dass wir zwar verifizieren, aber nicht eigens dafür drehen konnten." (7)

Von der ungenauen Behauptung, die Autoren hätten die ihnen zugespielten "Informationen" über Salimov und seinen Aufenthalt in Zaidan/Zahedan verifizieren, also angemessen überprüfen und als nachweislich wahr bestätigen können, sollte man sich nicht beeindrucken lassen. Schon gar nicht angesichts der Mitteilung Theveßens, dass man diese "Informationen" erst wenige Tage vor Ausstrahlung der "Dokumentation" erhalten habe.

Auf die Frage, ob die Autoren der Sendung an der Behauptung der ZDF-Pressemitteilung festhalten, dass es IJU-Stützpunkte "im iranisch-pakistanischen Grenzgebiet" gebe, teilte Elmar Theveßen mit:

"Tatsächlich glauben einige Ermittlungsbehörden, dass es solche Wander-Trainingslager, wie wir sie erwähnt haben, auch in der Grenzregion zwischen Pakistan und Iran, am Dreiländereck mit Afghanistan, gibt. Darauf weisen nach Ansicht der Ermittler die Festnahmen mehrerer junger Leute, die aus Deutschland kamen (unter ihnen Daniel S.), genau in dieser Gegend hin, sowie nachrichtendienstliche Informationen, die uns gegenüber nicht genauer qualifiziert wurden."

Auch davon sollte man sich nicht beeindrucken lassen. Journalisten, die von irgendwelchen Leuten mit sorgfältig ausgewählten und zurechtgemachten "nachrichtendienstlichen Informationen" gefüttert werden, die sie nach Lage der Dinge unmöglich selbst überprüfen können, liefern sich der Gefahr aus, für politische Zwecke manipuliert zu werden. Die Leute, die bestimmten Journalisten, die nicht weniger sorgfältig ausgewählt werden, solche "Informationen" zuspielen, verfolgen selbstverständlich Absichten. Darunter wäre der individuelle Wunsch, sich etwas dazu zu verdienen, noch das allerharmloseste aller denkbaren Motive.

Bevor das ZDF die "iranische Spur" legte, hatte die Los Angeles Times das Thema am 14. Oktober schon angedeutet: Alle deutschen Terroristen seien auf ihrem Weg in die Trainingslager vom Iran aus nach Pakistan eingereist. Das Blatt berief sich dabei auf anonyme "deutsche Ermittler" und zitierte sie: "Im Iran, mit seiner starken Präsenz von Grenzkräften, ist es unwahrscheinlich, dass diese Kräfte nicht auf ausländische Terroristen auf der Durchreise aufmerksam würden, zumal auf konvertierte Deutsche, sagen die Ermittler. Die iranischen Behörden schauen entweder weg oder sind Komplizen, meinen die Ermittler." Und einen anonymen italienischen "Anti-Terror-Beamten" zitierte die LA Times mit der Aussage: "Es ist unmöglich, dass sie den Iran ohne Hilfe durchqueren. Ich denke, das setzt Unterstützung durch die iranischen Behörden voraus."

Diese Version ist von besonderer Bösartigkeit oder Dummheit. Es wäre interessant zu wissen, ob wirkliche deutsche Dienststellen dahinter stecken, und falls ja: welche genau. Es ist allgemein bekannt, dass die iranischen Sicherheitskräfte tatsächlich nicht in der Lage sind, die Grenze zu Pakistan, die durch das gebirgige Siedlungsgebiet der Balutschen verläuft, zu sichern. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters sind an dieser Grenze seit der "Islamischen Revolution" von 1979 über 3.300 Angehörige der iranischen Sicherheitskräfte im Kampf mit Schmugglern und bewaffneten Separatisten getötet worden. (8) Rauschgiftschmuggel, hauptsächlich mit Opium-Produkten aus Afghanistan, steht an oberster Stelle der Probleme. Der bewaffnete Separatismus, getragen von sunnitischen Extremisten, stellt ein zweites großes Problem dar, zumal er mit der Bandenkriminalität verschmilzt. Die bedeutendste separatistische Organisation ist die vor vier Jahren gegründete Jundallah (9), die von Pakistan aus operiert. Sie behauptet, 400 iranische Soldaten und Polizisten getötet zu haben. (10) Ihre spektakulärste Aktion in diesem Jahr war der Anschlag auf einen Bus mit Angehörigen der iranischen Revolutionsgarde, der im Februar in der Provinzhauptstadt Zahedan verübt wurde. Das selbe Zahedan übrigens, in dem sich der vom ZDF präsentierte Gofir Salimov aufhalten soll. Mindestens 13 Menschen wurden bei dem Attentat getötet.

Iranische Stellen behaupteten, dass bei den Verhaftungen nach diesem Anschlag Bombenzünder gefunden worden seien, die in den USA hergestellt worden waren. Ziel sei es, Schiiten und Sunniten aufeinander zu hetzen. Geplant gewesen seien auch provokatorische Anschläge auf sunnitische Geistliche und Stammesführer, die den Schiiten angelastet werden sollten. (11) Die iranischen Anschuldigungen gegen die USA stützen sich auch darauf, dass der aus Steuermitteln bezahlte Propagandasender Voice of America ein Live-Interview mit dem Chef von Jundallah, Abdel-Malik Regi, verbreitete. (12)

Der US-Sender ABC behauptete am 3. April in einem Exklusiv-Report unter Berufung auf anonyme "Geheimdienstquellen" in USA und Pakistan, dass Jundallah seit 2005 von amerikanischen Beamten insgeheim ermutigt und angeleitet werde. Die US-Regierung vermeide aber eine direkte Finanzierung der Jundallah. Geld werde der Organisation über Exil-Iraner zugeleitet, "die Verbindungen zu europäischen und Golf-Staaten haben". Überprüfbar sind diese Behauptungen, wie alle auf anonymen Quellen beruhenden Geschichten, selbstverständlich nicht.

Knut Mellenthin

17. November 2007

Anmerkungen

1) ZDF-Sendung "Terrorziel Deutschland", ausgestrahlt am 23. Oktober um 21.00 Uhr. Anders als in einigen Fernsehzeitschriften und noch in der ZDF-Mitteilung vom Vormittag des Sendetags angegeben lief die Sendung nicht als Frontal21-Beitrag.

2) ZDF: Mutmaßlicher Terror-Drahtzieher identifiziert. BKA-Chef sieht gezieltes Anwerben von Attentätern. Mainz (ots) -23.10.2007, 10:33 Uhr.

3) Eigene Abschrift. Ein Sendemanuskript war vom ZDF auf Anfrage nicht zu erhalten und liegt nach Auskunft des ZDF auch im Internet nicht vor.

4) "Suley" und "Jaf" waren erstmals am 11. September 2007 von Spiegel Online als Alias-Namen der Empfänger von E-Mails der festgenommenen Deutschen erwähnt worden.
Am 17. September schrieb Spiegel Online: "Mit Hochdruck sucht die Bundesanwaltschaft derzeit nach Mitwissern und Unterstützern der ‚Islamischen Dschihad Union’ (IJU), die hinter dem Plan stecken soll; insgesamt sind acht namentlich bekannte Personen beschuldigt. In Nordpakistan haben Geheimdienste eine IJU-Kontaktperson ausgemacht, eine weitere im iranischen Zahedan. Als möglicher Hintermann gilt ein Mitglied der IJU-Führung namens Nasmedin Zhalolov."
Am 6. Oktober hieß es bei Spiegel Online: "Nach Erkenntnissen der Ermittler drängte die Führung der mysteriösen ‚Islamischen Dschihad Union’ (IJU) aus Pakistan und Iran im Laufe des August darauf, die Deutschen sollten sich beeilen. In einer abgefangenen Nachricht forderte ein mutmaßlicher IJU-Vertreter mit dem Pseudonym ‚Jaf’, die Deutschen sollten die ‚Prüfung ablegen’."

5) IJU ist die Abkürzung für Islamic Jihad Union. Mehr über diese aus Usbekistan stammende, heute angeblich vorwiegend in Nordwestpakistan tätige Organisation in: Knut Mellenthin, Seltsamkeiten zwischen Deutschland und Usbekistan, Hintergrund. hintergrund.de/index.php

6) Elmar Theveßen ist Leiter der ZDF-Hauptredaktion "Aktuelles" und Stellvertretender Chefredakteur des ZDF. Er wird vom ZDF als "Terrorismus-Experte" bezeichnet.

7) E-Mails von Elmar Theveßen an Knut Mellenthin, 30.10.2007 und 31.10.2007

8) Reuters, 14.2.2007. Die Agentur stützt sich für diese Angabe offenbar auf iranische Stellen. Die Zahl bezieht sich auf die gesamte Provinz Sistan-Balutschistan, die auch an Afghanistan grenzt.

9) Übersetzt: Armee Gottes. Es gibt mehrere Schreibweisen, wie Jondallah und Jundullah, im Deutschen oft Dschundallah. Die Organisation gilt als Teil des "Netzwerks von al-Kaida". So beispielsweise Reuters, 19.8.2007.

10) Christian Science Monitor, 18.4.2007.

11) Nachrichtenagentur Fars, 20.2.2007

12) Nachrichtenagentur IRNA, 4.4.2007