KNUT MELLENTHIN

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Kunduz: Alle Berichte veröffentlichen!

Am 4. September um 1.51 Uhr nachts entschloss sich Georg Klein, möglichst viele afghanische INS „durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten“. So steht es im Bericht, den der Bundeswehr-Oberst am 5. September an Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan schickte.

Man nennt sie entmenschlichend „INS“, weil dann das Töten leichter fällt. Das Kürzel steht im Sprachgebrauch der NATO für „Insurgents“, Aufständische. Wer damit genau gemeint ist, wird von Fall zu Fall entschieden. In Kleins Bericht steht auch, er habe nach den vorliegenden Informationen davon ausgehen können, bei dem Luftangriff „mit höchster Wahrscheinlichkeit nur Feinde des Wiederaufbaus zu treffen“. Bei diesem sehr weitläufigen Begriff sollten sämtliche Alarmanlagen angehen.

Seit ein paar Tagen liest man, der Oberst habe den Luftangriff angeordnet, um zwei oder vier „Taliban-Führer“ zu töten, die er im „Zielgebiet“ vermutete. Schon gibt es eine kritische Diskussion um „gezielte Tötungen“, die aber allen bisher bekannt gewordenen Tatsachen nach an der Wirklichkeit vorbei läuft und im Endeffekt dem deutschen Vorgehen sogar noch einen Anschein von „militärischer Legitimität“ verleihen könnte.

Klein wusste von den US-amerikanischen Piloten, dass sich zahlreiche Nicht-Kombattanten im „Zielgebiet“ befanden. Eben deshalb schlugen diese vor, die Menschenmenge nicht anzugreifen, sondern sie durch Tiefflugmanöver zu zerstreuen, was der Oberst ablehnte. Klein legte es, dem ISAF-Bericht zufolge, darauf an, möglichst viele Menschen zu töten. Deshalb habe er die Piloten aufgefordert, sechs Bomben in die Menge zu werfen, was diese ablehnten. Sie begnügten sich mit zwei Bomben, was für den gewünschten Zweck jedoch völlig ausreichte.

Ob in Kleins Bericht an Schneiderhan überhaupt etwas von „Taliban-Führern“ steht, die angeblich getroffen werden sollten, ist bisher nicht bekannt. Sein Sprachgebrauch nährt viel mehr den Verdacht, dass es ihm hauptsächlich darauf ankam, der mit den Aufständischen sympathisierenden und sie zum Teil wohl auch unterstützenden örtlichen Bevölkerung eine blutige Lektion zu erteilen. Der Gouverneur der Provinz Kunduz, Mohammad Omar, formulierte dies Ziel ganz offen so: „Die Dorfbewohner haben den Preis dafür bezahlt, dass sie den Aufständischen helfen und ihnen Unterschlupf gewähren.“ Ausgerechnet diesen Mann führte der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung als Kronzeugen an, dass bei dem Angriff „ausschließlich terroristische Taliban“ getötet worden seien.

Klein kann seinen Befehl, der für mehr als 140 Menschen zum Todesurteil wurde, kaum ohne grundsätzliche Übereinstimmung mit den übergeordneten Stellen, bis hin zur Bundesregierung, gegeben haben. Wesentliche Voraussetzung für eine Aufklärung der Zusammenhänge ist zunächst die Veröffentlichung aller vorliegenden Berichte, deren Inhalt bisher geheimgehalten wird.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 14. Dezember 2009