KNUT MELLENTHIN

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Iran beschließt Bau von zehn Anreicherungsanlagen

USA und EU haben mit heftiger Kritik auf die iranische Ankündigung reagiert, zehn neue Anlagen zur Uran-Anreicherung zu bauen. Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, bezeichnete das Vorhaben als „weitere schwere Verletzung der eindeutigen Verpflichtungen Irans“ und als „erneutes Beispiel, dass Iran die Selbstisolierung gewählt hat“. Irans Zeit laufe ab. Der französische Außenminister Bernard Kouchner nannte das iranische Verhalten „kindisch“ und sprach zugleich von einem „extrem gefährlichen Spiel“. Iran sollte aber noch „eine letzte Chance erhalten“, wobei Kouchner nicht andeutete, worin diese bestehen könnte.

Die iranische Regierung hatte am Sonntag den Bau von zehn neuen Anreicherungs-Anlagen beschlossen. Iran verfügt bisher nur über eine Fabrik in Natanz, die noch nicht einmal ein Zehntel ihrer geplanten Kapazität erreicht hat. Außerdem ist eine sehr viel kleinere Anlage bei Ghom im Bau, deren Fertigstellung für 1011 geplant ist.

Präsident Mahmud Ahmadinedschad erläuterte gegenüber der Nachrichtenagentur IRNA, dass die Errichtung von fünf neuen Anlagen schon in zwei Monaten beginnen soll. Für die Standorte der anderen fünf soll die iranische Atomenergie-Organisation (IAEO) Vorschläge vorlegen.

Im 20-Jahres-Plan für den Zeitraum 2005 bis 2025 ist der Bau von 20 Atomkraftwerken vorgesehen, die jeweils eine Elektrizitätsproduktion von 1000 Megawatt haben sollen. Dafür werden nach Angaben Ahmadinedschads jährlich 250 bis 300 Tonnen Kernbrennstoff aus schwach angereichertem Uran benötigt. Die Jahresproduktion in Natanz liegt zur Zeit bei weniger als einer Tonne. Die zehn geplanten Neubauten sollen jeweils die Größe von Natanz haben, das für 50.000 Zentrifugen ausgelegt ist. Jetzt arbeiten dort weniger als 5000.

Teil des Kabinettsbeschlusses vom Sonntag ist außerdem der Auftrag an die IAEO, die Voraussetzungen zur Herstellung von Brennplatten für den Teheraner Versuchsreaktor im eigenen Land zu prüfen. Der Reaktor produziert Isotope für die Behandlung von Krebskranken. Für seinen Betrieb wird auf 20 Prozent angereichertes Uran benötigt.

Iran hat mit Russland, Frankreich und den USA über einen Vorschlag der IAEA verhandelt, der die Lieferung der benötigten Platten aus einer französischen Fabrik vorsieht. Als Gegenleistung müsste Iran rund 70 Prozent seiner Vorräte an schwach angereichertem Uran nach Russland liefern.

Über die Einzelheiten des Geschäfts kam es indessen zu keiner Einigung. Erstens besteht Iran darauf, sein Uran nicht vorweg zu liefern, sondern nur Zug um Zug im direkten Austausch gegen die Brennplatten. Bittere Erfahrungen seit dem Sturz des Schah-Regimes 1979 zeigen, dass unter US-amerikanischem Druck viele internationale Unternehmen, gerade auch französische, vertragsbrüchig wurden: Sie lieferten nicht und behielten auch noch die schon gezahlten Gelder ein. Zweitens hat Teheran beanstandet, dass die Berechnungen der IAEA, wieviel schwach angereichertes Uran zur Herstellung der erforderlichen Brennplatten benötigt würde, nach Ansicht iranischer Experten viel zu hoch seien.

Die iranische Regierung fordert deshalb, noch einmal in die technischen Detailverhandlungen über das geplante Geschäft einzutreten. Das wird jedoch von den USA und der EU kategorisch abgelehnt, die vollständige Zustimmung zu ihren Bedingungen fordern. Internationale Experten bezweifeln allerdings, ob Iran, wie nun angekündigt, technisch in der Lage wäre, die Brennplatten selbst herzustellen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 1. Dezember 2009