KNUT MELLENTHIN

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Zur Geschichte der Beziehungen zwischen USA und Iran

Teil I

Im Januar 1978 weilte US-Präsident Jimmy Carter als Staatsgast in Teheran. Wie es die Sitte verlangt, widmete er seinem Gastgeber einen vollmundigen Trinkspruch: "Aufgrund der Größe des Schah ist Iran eine Insel der Stabilität im Mittleren Osten."

Sehr weitsichtig war das nicht. Anfang September 1978 begannen in Teheran und anderen iranischen Städten Massendemonstrationen gegen das diktatorische, auf die Gewalt der Armee und des gefürchteten Geheimdienstes SAVAK gestützte Regime von Schah Mohammed Reza Pahlavi. Zuerst waren es Hunderttausende, dann im Dezember mehrere Millionen, die in der Hauptstadt auf die Straße gingen. Am 16. Januar 1979, ein Jahr nach Carters Besuch, flüchtete der Schah aus Teheran. Zwei Wochen später kehrte der äußerst populäre, damals schon fast achtzigjährige Ajatollah Khomeini aus dem Pariser Exil zurück. Nach einem Referendum im März 1979 wurde Iran zur "Islamischen Republik" erklärt. Khomeini, Vertreter eines radikalen Kurses in der Außenpolitik, wurde "höchste Autorität" auf Lebenszeit.

Für die amerikanische Regierung und die herrschenden Wirtschaftskreise der USA war die "islamische Revolution" ein Rückschlag von ungeheurer Tragweite. Seither verfolgen sie, mit wechselnden Methoden, das Ziel einer Revanche, eines "Regimewechsels" in Teheran. Möglichst an der Spitze einer breiten Staatenkoalition, aber unter geeigneten Rahmenbedingungen auch im militärischen Alleingang.

Um das zu verstehen, muss man sich zunächst klar machen, was der Schah für die USA bedeutete. Amerikaner und Briten hatten im August 1941 seinen Vater ins Exil geschickt und den 21-Jährigen auf den Pfauenthron gesetzt. Iran hatte eine zentrale Funktion für die amerikanisch-britischen Hilfslieferungen an die Sowjetunion, die seit Juni 1941 im Abwehrkampf gegen die deutsche Wehrmacht stand. Der Vater von Mohammed Reza Pahlavi unterhielt gute Beziehungen zum Deutschen Reich und wollte sein Land nicht in den Dienst der alliierten Kriegführung stellen.

Der Sturz Mossadeghs

Zwölf Jahre nach seiner Einsetzung, im August 1953, retteten Amerikaner und Briten durch einen Putsch die Herrschaft des Schah. In einer von der CIA und vom MI6 geleiteten Geheimoperation, Codename "Ajax", wurde der seit 1951 regierende Ministerpräsident Mohammad Mossadegh gestürzt. Unter seiner Führung hatte das iranische Parlament im März 1951 beschlossen, Irans Erdölvorkommen zu verstaatlichen. Diese waren bis dahin von der Anglo-Iranian Oil Company, der späteren BP, ausgebeutet worden. Die AIOC hatte 85 Prozent der Profite behalten und dem Iran nur 15 Prozent zugestanden. Dass die britische Gesellschaft sich darüber hinaus auch noch weigerte, ihre Einnahmen offen zu legen und korrekt abzurechnen, brachte schließlich das Fass zum Überlaufen.

Die Nationalisierung wurde auch nach dem Sturz Mossadeghs nicht rückgängig gemacht: Iran behielt die Kontrolle über die Erdölvorkommen und teilte sich die Einnahmen 50:50 mit einem internationalen Konsortium, an dem die AIOC nur noch mit 40Prozent beteiligt war.

Ansonsten jedoch hatte die Rückkehr des Monarchen an die Macht weitreichende Folgen. Dazu gehörte, dass der Schah sein autoritäres Regime zur absoluten Diktatur ausbaute. Ein zentrales Instrument der Machtausübung und totalen Kontrolle wurde der Geheimdienst SAVAK, der unter Anleitung von amerikanischen und israelischen Fachleuten aufgebaut wurde. Zehntausende von US-Amerikanern überschwemmten Teheran, um zentrale Funktionen als "Berater" des Staatsapparats, der Armee und der Wirtschaft zu übernehmen. Ein wesentliches Ergebnis der Entwicklung war, dass die USA als de-facto-Kolonialmacht Großbritannien ablösten, das seit dem 19. Jahrhundert im Iran die Vorherrschaft gehabt hatte.

In den 60er Jahren entschloss sich die US-Regierung, Iran zum "Regional-Polizisten" am Persischen Golf und perspektivisch auch auf der gesamten arabischen Halbinsel zu machen. Ein wesentlicher Grund dafür war die Anfang 1968 verkündete Entscheidung Großbritanniens, seine Kolonien und Militärstützpunkte "östlich von Suez" aufzugeben. Eine Rolle spielten dabei unter anderem neben dem Kostenfaktor auch bewaffnete Aufstandsbewegungen in den britischen Kolonien auf der arabischen Halbinsel. Der Iran sollte nach dem Willen der US-Regierung als Vormacht in der Region die Nachfolge der Briten antreten. Als Großbritanniens arabische Kolonien 1971 die staatliche Unabhängigkeit erhielten, schickte der Schah Soldaten nach Oman und in den Jemen, um bei der Aufstandsbekämpfung zu helfen. Im Bund mit Israel leistete er den irakischen Kurden massive Waffenhilfe gegen die Regierung in Bagdad.

In den 70er Jahren ergoss sich ein Strom modernster amerikanischer Waffen in den Iran. Der Schah bekam Waffensysteme, die sonst höchstens an NATO-Verbündete und an Israel geliefert wurden. Henry Kissinger, 1968 bis 1977 Sicherheitsberater und Außenminister unter Nixon und Ford, drückte es einmal so aus: "Der Schah hat alles gemacht, was wir wollten. Und er hat von uns alles bekommen, was er wollte."

Eine wesentliche Voraussetzung dafür war der steile Anstieg der Ölpreise nach dem israelisch-arabischen Oktoberkrieg 1973. Die Einnahmen Irans aus dem Ölgeschäft vervielfachten sich innerhalb weniger Jahre. Der massive Verkauf amerikanischen Waffen an die Ölstaaten war ein schnell wirkendes Mittel, um einen großen Teil der Ölgelder wieder in die USA zurück zu lenken. Das Schah-Regime kaufte weit mehr Waffen als die iranische Armee überhaupt gebrauchen konnte. Hochmoderne Kampfflugzeuge beispielsweise, für die es weder Piloten noch Bodenpersonal gab. Außerdem handelte sich um Waffensysteme, die im Kriegsfall ohne Zustimmung und Hilfe der USA überhaupt nicht einsetzbar waren.

Mit dem Sturz des Schah fiel die - neben Israel - zweite Säule der imperialen Geostrategie der USA im Nahen und Mittleren Osten. Es fiel die größte Geheimdienst- und Überwachungszentrale der USA in der Region. Und es entfielen schlagartig auch die militärischen Möglichkeiten eines vorgeschobenen Postens an der Grenze der Sowjetunion.

444 Tage Botschaftsbesetzung

Kein Wunder also, dass die US-Regierung unter Präsident Carter angesichts der anschwellenden Massenproteste im Herbst und Winter 1978 den Schah immer wieder dazu drängte, das Kriegsrecht zu verhängen und die Armee mit äußerster Härte einzusetzen. Dass der Schah den amerikanischen "Vorschlägen" nicht folgte, lag weniger an seiner Zögerlichkeit - er wusste zu dieser Zeit schon, dass er an Krebs erkrankt war und nicht mehr lange zu leben hatte -, sondern vor allem daran, dass die Armee sich in Auflösung befand. Nach dem Sturz des Schah fiel das die USA kompromittierende Material, teilweise in der Eile nur unvollkommen geschreddert, in die Hände der Iraner. Es bestätigte, was man dem großen Satan" aufgrund langer Erfahrung ohnehin schon zugetraut hatte.

Das alles gehörte zu den Gründen der Besetzung der Teheraner US-Botschaft am 4. November 1979. Äußerer Anlass war die Aufnahme des Schah in den USA, um dort ein Krankenhaus aufzusuchen. Die Akteure im Vordergrund waren mehrere hundert Studenten. Ohne Zustimmung von Ajatollah Khomeini wäre die Besetzung aber kaum durchgeführt worden - und sie hätte sicher nicht 444 Tage gedauert. Am 12. November 1979 gab das iranische Außenministerium vier Bedingungen für die Freilassung der als Geiseln festgehaltenen Botschaftsangehörigen bekannt: 1. Rückkehr des Schah in den Iran, um ihm einen fairen Prozess zu machen. 2. Rückgabe des Auslandsvermögens des Schah an den Iran. 3. Beendigung der Einmischung der USA in die Angelegenheiten des Iran. 4. Eine Entschuldigung für die früheren Verbrechen der USA gegen Iran.

In der Militär- und Geheimdienstführung der USA wurden mehrere Optionen diskutiert: Luftangriffe gegen militärische und wirtschaftliche Ziele im Iran; Besetzung eines Teils von Iran; Verminung und Blockade der iranischen Häfen; oder eine militärische Befreiungsaktion.

Da die anderen Optionen keinen direkten Beitrag zur Beendigung der Botschaftsbesetzung leisten konnten und das Risiko iranischer Repressalien gegen die Geiseln enthielten, entschied Präsident Carter sich schließlich für die Befreiungsaktion. Sie fand am 25. April 1980 statt und wurde zum Fiasko. Bei einer Zwischenlandung in einer Wüstengegend Irans stießen ein Hubschrauber und ein Transportflugzeug zusammen. Es gab acht Tote, und Carter ließ das Unternehmen daraufhin abbrechen.

Die 52 Geiseln kamen erst am 20. Januar 1981 frei, wenige Stunden nach der Vereidigung des neuen republikanischen Präsidenten Ronald Reagan. Am selben Tag wurde ein Abkommen unterzeichnet, durch das wenigstens ein Teil der unter Carter in den USA "eingefrorenen" iranischen Guthaben im Wert von mehreren Milliarden Dollar freigegeben wurde.

Die irakische Aggression

Unterdessen hatte sich die Situation in der Region entscheidend verändert: Am 22. September 1980 griffen irakische Divisionen in mehreren Stoßrichtungen den Iran an. Zentrales Ziel Saddam Husseins war zunächst die Eroberung der südwestlichen Provinz Khusestan, wo ein Großteil der iranischen Ölvorkommen liegt. Hussein hatte gehofft, dass sich die starke arabische Bevölkerungsgruppe in der Provinz mit seinen Truppen solidarisieren würde. Dieser Effekt trat aber nicht ein.

Die irakischen Truppen waren zahlenmäßig und technisch weit überlegen. Außerdem hatte sich Irans Armee während der Revolution gegen den Schah weitgehend aufgelöst. Nur mit riesigen Massen schlecht ausgebildeter, schwach bewaffneter Freiwilliger konnte Iran die Front nach den ersten irakischen Durchbrüchen wieder stabilisieren. Im Juni 1982 war die irakische Invasion an allen Stellen der Grenze zurückgeschlagen. Saddam Hussein schlug in einer überraschenden Wendung vor, Frieden zu schließen. Ajatollah Khomeini entschied, weiterzukämpfen und den Sturz Saddam Husseins zu erzwingen. Er setzte dabei auf die Unterstützung der Schiiten im Südirak - und irrte sich ähnlich schwerwiegend wie zuvor Saddam Hussein hinsichtlich der Araber Khusestans.

Aufgrund der innenpolitisch sehr umstrittenen Entscheidung Khomeinis wurde der Krieg noch sechs Jahre, bis zum Juli 1988, geführt, bevor er durch Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens beendet wurde. Die Verluste beider Seiten zusammen werden zwischen einer und zwei Millionen Toten geschätzt.

Nach der offiziellen Version der US-Regierung hat sie Saddam Hussein 1980 zu seinem Angriff auf Iran nicht ermutigt und sich zunächst neutral verhalten. Es gibt bisher keine handfesten Beweise für das Gegenteil. Behauptet wird dennoch an manchen Stellen, Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski habe dem Bagdader Regime für seine Aggression "grünes Licht" gegeben. Plausibel wäre das durchaus. Brzezinski hat vor einigen Jahren, nicht mit Reue, sondern mit erkennbarem Stolz, zugegeben, dass er bewusst dazu beigetragen hat, die Sowjetunion zur Intervention in Afghanistan (Dezember 1979) zu provozieren, um sie in einen jahrelangen Krieg gegen die von den USA unterstützten Mudschaheddin zu verwickeln. Für einen Politiker wie Brzezinski, der das "Spiel mit Bande" beherrschte wie kaum ein anderer, wäre die Idee, Irak und Iran aufeinander zu hetzen, ein sehr naheliegender, völlig logischer Einfall gewesen.

Man lese unter diesem Aspekt noch einmal die von Brzezinski formulierte sogenannte Carter-Doktrin, vom US-Präsidenten in seiner Rede zur Lage der Nation am 23. Januar 1980 ausgesprochen: "Jeder Versuch einer anderen Macht, Kontrolle über den Persischen Golf zu gewinnen, wird von uns als Angriff auf die Lebensinteressen der USA angesehen. Ein solcher Angriff wird mit allen erforderlichen Mitteln, einschließlich militärischer Gewalt, zurückgeschlagen werden."

Offiziell bezog sich die Carter-Doktrin auf die sowjetische Intervention in Afghanistan, die einen Monat zuvor begonnen hatte. Aber Afghanistan grenzt nicht an den Persischen Golf, und eine sowjetische Absicht, "Kontrolle über den Golf zu gewinnen", war an Moskaus Vorgehen nicht ernsthaft abzulesen. Afghanistan hatte schon seit Jahrzehnten unter sowjetischem Einfluss gestanden, die Intervention vom Dezember 1979 hatte so gesehen defensiven, bewahrenden Charakter.

Anders hingegen liest sich die Carter-Doktrin, wenn man sie auf den Iran bezieht, der unmittelbar an den Persischen Golf grenzt und von den USA bis zum Sturz des Schah ausdrücklich dazu bestimmt gewesen war, eine Vormacht- und Polizisten-Rolle in der Region zu spielen. So gelesen besagte die Carter-Doktrin: Es darf am Persischen Golf keine den USA feindliche Vormacht geben. Und Iran ist nun einmal, unabhängig von den Ambitionen seiner herrschenden Politiker, aufgrund seiner Bevölkerungszahl, seiner gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Potenzen natürlicherweise die kommende Vormacht am Golf und in der Region. Iran in einen langen Krieg mit dem Nachbarland Irak zu verwickeln, war der einfachste Weg, das Land zu schwächen und vielleicht dem angestrebten "Regimewechsel" näher zu bringen.

Waffenhilfe für Saddam Hussein

Ein erstes Zeichen der offenen amerikanischen Annäherung an das Bagdader Regime war im Februar 1982 die Streichung Iraks von der Liste der den Terrorismus unterstützenden Staaten. Die Begründung von Präsident Reagan, die einschlägigen irakischen Aktivitäten hätten merklich nachgelassen, war an den Haaren herbeigezogen.

Massiv aktiv wurde die US-Regierung aber erst nach der Kriegswende zugunsten Irans. Die Nationale Sicherheitsdirektive 114 vom 26. November 1983, deren genauer Inhalt immer noch geheimgehalten wird, schrieb fest, dass die USA "alles unternehmen werden, was erforderlich und legal ist", um eine irakische Niederlage zu verhindern. "Jede größere Wendung zu Ungunsten Iraks" werde von den USA "als strategische Niederlage des Westens" betrachtet. Donald Rumsfeld, damals Reagans Sonderbeauftragter für den Mittleren Osten, reiste im Dezember 1983 nach Bagdad. Er stellte dort die baldige Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen in Aussicht. Die irakische Armee hatte einige Wochen zuvor mit dem massiven Einsatz chemischer Kampfstoffe an der Front begonnen, und das war bereits weltweit bekannt. Die neue Partnerschaft beeinträchtigte es offensichtlich nicht.

In der Folgezeit öffneten sich die amerikanischen Kredithähne. Hunderte Millionen Dollar wurden Irak für Waffenkäufe zur Verkäufe gestellt. US-Stellen griffen organisierend ein, um die schnelle Beschaffung von Waffen aus Drittländern sicherzustellen. Irak bekam von den US A darüber hinaus Satellitenfotos und umfangreiche geheimdienstliche Erkenntnisse für seine Raketenangriffe gegen Iran zur Verfügung gestellt. US-Firmen lieferten, ebenso wie deutsche und französische Unternehmen, dem Irak sogenannte Dual-Use-Technologie: Grundstoffe und Maschinen, die zur Herstellung chemischer Waffen benutzt werden konnten.

Die US-Regierung setzte die Unterstützung Iraks bis zur Einstellung der Kämpfe 1988 fort. Eine kurzzeitige Episode war die Irangate-Affäre 1985-86. Einige Monate lang erhielt der Iran amerikanische Waffen, teilweise aus israelischen Beständen. Unter anderem handelte es sich um TOW-Raketen gegen Panzer und HAWK-Luftabwehrraketen sowie Ersatzteile für die überwiegend mit US-Waffen ausgestattete iranische Armee. Der geheime Handel flog durch die Veröffentlichung einer libanesischen Zeitung im November 1986 auf.

Für diese Lieferungen sind verschiedene Gründe genannt worden: Die US-Regierung habe sich im Gegenzug die Freilassung entführter Amerikaner im Libanon erhofft. Und aus dem Erlös des Waffenhandels seien die nikaraguanischen Contras unterstützt worden, was sachlich richtig ist. Aber das entscheidende Motiv war offenbar, den Krieg zwischen den beiden "Schurkenregimes" in die Länge zu ziehen.

Anzeichen sprechen dafür, dass Saddam Hussein glaubte, auch "grünes Licht" der USA zu haben, als er Anfang August 1990 Kuwait besetzen ließ. Er irrte. Innerhalb weniger Stunden trat der UNO-Sicherheitsrat zusammen, verurteilte Irak und verlangte den Rückzug seiner Truppen. Weder der irakische Angriff auf Iran 1981 noch der vielfache Einsatz von Chemiewaffen seit 1983 hatten den Sicherheitsrat interessiert. Die Iraner haben Gründe, wenn sie den "doppelten Standard" in den internationalen Beziehungen kritisieren.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 17. Oktober 2006