KNUT MELLENTHIN

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Feiglinge und Idioten

Vier Jahre nach dem georgischen Überfall auf Südossetien wird in Moskau und Tbilisi heftig gestritten.

Der vierte Jahrestag des georgischen Überfalls auf Südossetien hat in Moskau und Tbilisi politische Polemiken ausgelöst. Nach bewaffneten Provokationen in den Vortagen hatte Georgien am späten Abend (Ortszeit) des 7. August 2008 begonnen, Tschinwali mit schwerer Artillerie zu beschießen. Gleichzeitig versuchten georgische Bodentruppen mit Panzerunterstützung, die südossetische Hauptstadt einzunehmen. In Tschinwali eingeschlossen war auch das russische Kontingent der dort seit 1992 stationierten internationalen Friedenstruppe. Beim gezielten Artilleriefeuer auf ihre Kaserne und bei der Verteidigung Tschinwalis an der Seite sudossetischer Milizen starben in den ersten Kriegsstunden mehr als ein Dutzend russische Soldaten. Erst am Morgen oder Vormittag des 8. August setzte Moskau militärische Verstärkungen in Marsch. In dem fünftägigen Krieg starben 67 russische Soldaten; Südossetien schätzt seine Verluste auf 1.500 Tote.

Präsident war damals Dmitrij Medwedew. Regierungschef Wladimir Putin befand sich zu dieser Zeit bei den Olympischen Spielen in China. In einer 47minütigen Dokumentation, die seit einigen Tagen im Internet zugänglich ist, erheben ranghohe Militärs den Vorwurf, Medwedew habe damals „viel zu lange“ gezögert, der georgischen Aggression entgegenzutreten, und habe damit den Tod russischer Soldaten und südossetischer Zivilisten verschuldet. Als Ankläger treten unter anderem Juri Balujewski, der zwei Monaten vor dem Krieg von Medwedew seines Amtes als Generalstabschef enthoben worden war, und der damalige Kommandeur der russischen Friedenstruppen in Tschinwali, Marat Kulakhmetow, auf. Ein siebenmütiger Zusammenschnitt des Film wird im Internet unter dem Titel „Medwedews Feigheit tötete 1.000 Menschen“ verbreitet.

Als Ort seiner Rechtfertigung wählte der Angegriffe Tschinwali, wo er an Gedenkfeierlichkeiten teilnahm und sich an der Seite dankbarer Südosseten fotografieren ließ. Alle Maßnahmen seien damals zum genau richtigen und erforderlichen Zeitpunkt getroffen worden, erklärte Medwedew am Mittwoch vor Journalisten. Es habe viel auf dem Spiel gestanden, zumal Südossetien damals rechtlich gesehen Teil eines fremden Staates gewesen sei, und er habe zunächst eine Reihe führender Politiker und Militärs konsultieren müssen. Aber schon zweieinhalb Stunden nach Bekanntwerden des Überfalls habe er „eine Entscheidung getroffen“.

Präsident Putin nahm die Vorwürfe gegen Medwedew zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass die russischen Streitkräfte sich aufgrund wiederholter Provokationen der georgischen Seite schon „Ende 2006 oder Anfang 2007“ auf eine militärische Konfrontation vorbereitet hätten. Dazu habe auch die Ausbildung südossetischer Milizen gehört. Zwar habe man, „ehrlich gesagt“, deren Möglichkeiten „gegen eine konventionelle Armee, selbst gegen eine kleine wie die Georgiens“, damals als sehr gering eingeschätzt. Indessen hätten die Südosseten dann bei der Abwehr des georgischen Angriffs eine hervorragende Rolle gespielt. Was Putin nicht direkt sagte: Die russischen Verstärkungen trafen in Tschinwali erst kurz vor 19 Uhr des folgendes Tages ein.

Georgiens Präsident Michail Saakaschwili reagierte mit der Stellungnahme, Putin Äußerungen seien „ein Schuldbekenntnis“, dass das russische Eingreifen eine lange vorbereitete Aggression gewesen sei. Georgier, die dies anders sähen – damit meinte Saakaschwili praktische alle Oppositionsparteien – seien „Idioten“ und „Russenknechte“, „die Georgien nicht lieben“. Hintergrund: Am 1. Oktober wird in Georgien ein neues Parlament gewählt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 10. August 2012