KNUT MELLENTHIN

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Aufruf zur Rache

US-Regierung setzt trotz starker Proteste ihre Drohneneinsätze gegen Pakistan fort.

Nach dem Dohnenangriff vom Donnerstag, durch den 45 Menschen getötet wurden, haben Sprecher der Bevölkerung der pakistanischen Region Nordwasiristan zum Krieg gegen die USA aufgerufen. Mehrere unbemannte Flugkörper hatten bis zu acht Raketen auf eine unter freiem Himmel tagende Volksversammlung abgeschossen, die zur Klärung eines Rechtsstreits einberufen worden war. Es war bereits der zwanzigste derartige Angriff in diesem Jahr und einer der folgenschwersten seit dem Beginn der Drohneneinsätze gegen Pakistan vor fünf Jahren.

Auf einer Pressekonferenz in Peschawar, der Hauptstadt der nordwestlichen Provinz Khyber- Pakhtunkhwa, rief ein Sprecher des „Friedenskomitees“ von Nordwasiristan am Freitag die Stämme der Region auf, sich gegen die „Grausamkeiten der Amerikaner und ihrer Lakaien“ zu erheben, und kündigte „Racheaktionen“ an. Zugleich verurteilte er auch die eng mit den USA zusammenarbeitende pakistanische Regierung und sagte, sie sei gleichermaßen mitschuldig am Blutvergießen in Teilen des Landes.

Die Stellungnahme des „Friedenskomitees“ hat besonderes Gewicht, da sich hinter dieser Bezeichnung Stammesgruppen verbergen, die an der Seite der Armee gegen die Taliban kämpfen. Der jüngste US-amerikanische Drohnenangriff hat offenbar Verbündete der Regierung in Islamabad getroffen. Ob das nur ein Versehen war oder in provokatorischer Absicht geschah, um die Destabilisierung des Landes noch weiter voranzutreiben, wird man in nächster Zeit wohl nicht erfahren. Denn die USA geben zu den rechtswidrigen Einsätzen der unbemannten Flugkörper, die unter Regie des Auslandsgeheimdienstes CIA erfolgen, grundsätzlich niemals Erklärungen ab.

Entsprechend schroff fielen die Reaktionen der pakistanischen Regierung und der militärischen Führung aus. Armeechef General Ashfaq Parvez Kayani warf den USA „völlige Missachtung von Menschenleben“ vor und beklagte, dass dieser „rücksichtslose Gewaltakt gegen eine Versammlung friedlicher Bürger“ sich negativ auf den „Kampf gegen den Terrorismus“ auswirken werde. Das pakistanische Außenministerium sprach von einer „offenen Verletzung aller humanitären Regeln und Normen“. Dem einbestellten amerikanischen Botschafter Cameron Munter wurde mitgeteilt, dass Pakistan aus Protest gegen den Angriff nicht an einem geplanten Dreiertreffen mit den USA und Afghanistan teilnehmen werde, das am 26. März stattfinden sollte.

Indessen zeigt die US-Regierung sich völlig unbeeindruckt. Am Sonntag wurde aus Nordwasiristan berichtet, dass weiterhin ständig Drohnen über das Gebiet fliegen. General David Petraeus, der Oberkommandierende der NATO-Truppen in Afghanistan, forderte die pakistanischen Streitkräfte am Freitag auf, endlich ihre seit einem Jahr verschobene Offensive gegen Nordwasiristan zu beginnen.

Der jüngste Drohnenangriff ebenso wie die überraschende Freilassung des CIA-Agenten Raymond Davis in der vorigen Woche wird Thema einer gemeinsamen Sitzung beider Häuser des pakistanischen Parlaments sein, die am Dienstag beginnt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 21. März 2011