KNUT MELLENTHIN

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Blutgeld

In Pakistan wegen Mordverdacht inhaftierter US-Bürger war möglicherweise auch an Drohnenangriffen beteiligt

Neue Erkenntnisse legen den Verdacht nahe, dass Raymond Davis direkt an den Drohnenangriffen der CIA gegen Ziele in Nordwestpakistan beteiligt war. Der Amerikaner ist seit dem 27. Januar in pakistanischer Untersuchungshaft, nachdem er in Lahore zwei Männer erschoss, die ihn angeblich verfolgt hatten. Die US-Regierung verlangt seine sofortige Freilassung, da er unter dem Schutz der diplomatischen Immunität stehe. Davis, der als Angestellter eines privaten Sicherheitsunternehmens 200.000 Dollar im Jahr verdient, soll angeblich im „technischen und Verwaltungsbereich“ der US-Botschaft in Islamabad tätig gewesen sein. Zunächst hatte das Konsulat in Lahore behauptet, Davis habe dort gearbeitet.

Am Sonnabend berichtete die englischsprachige pakistanische Zeitung The Dawn, dass ein Chip, den Davis bei seiner Festnahme bei sich hatte, dafür benutzt worden sei, Angriffsziele für Drohnen zu markieren. Außerdem sei festgestellt worden, dass Davis bis zu zwölf Reisen in die sogenannten Stammesgebiete gemacht habe, ohne vorschriftsmäßig die pakistanischen Behörden zu informieren.

Davis sei gegenüber den Ermittlern „zurückhaltend“ mit Erklärungen über den Zweck seiner Fahrten. Eine andere englischsprachige Zeitung, The News, meldete am Sonntag, im Ausweis von Davis seien weder Lahore noch Islamabad, sondern das mitten in den Stammesgebieten gelegene US-Konsulat in Peschawar als sein Arbeitsplatz eingetragen. Konsularische Tätigkeiten im eigentlichen Sinn des Wortes fallen in jener Gegend kaum an. Die „diplomatische Vertretung“ der USA in Peschawar gilt in Pakistan allgemein als CIA-Stützpunkt.

Einige pakistanische Medien behaupteten am Wochenende, Davis sei in der Nordwestprovinz, deren Hauptstadt Peschawar ist, wegen „Aktivitäten gegen die Souveränität und Sicherheit Pakistans“ zur persona non grata erklärt und daraufhin ausgewiesen worden. Nur mit Hilfe korrupter pakistanischer Beamter habe er wieder ein Einreisevisum erhalten. Aus dem ungewöhnlichen Umstand, dass es seit der Festnahme von Davis keine einzigen Drohnenattacke mehr gab, leiten manche Pakistanis sogar den Verdacht her, der inhaftierte Amerikaner habe in der Angriffsplanung eine zentrale Rolle gespielt.

Einen hohen Informationswert haben diese Spekulationen nicht. Auch die Meldungen über den Chips-Fund und über den Eintrag in Davis' Ausweis stützen sich nur auf anonyme Quellen. Symptomatisch sind die Gerüchte und ungesicherten Berichte aber für die Stimmung in großen Teilen der pakistanischen Bevölkerung.

Am Sonntag wurde im Dawn behauptet, die US-Regierung habe nach rund zweiwöchiger Unterbrechung ihre hochrangigen Kontakte zu Pakistan wieder aufgenommen. Zugleich habe sich der Ton amerikanischer Funktionsträger im Streit um Davis stark gemildert. In der vergangenen Woche war Senator John Kerry nach Pakistan gekommen, um in Gesprächen mit der Regierung in Islamabad einen Ausweg aus der Krise der Beziehungen zu finden, die durch die Inhaftierung von Davis ausgelöst wurde. Angeblich hat Premierminister Yousaf Raza Gilani dabei die Möglichkeit angedeutet, den Amerikaner gegen Zahlung eines „Blutgelds“ an die Angehörigen der von Davis getöteten Männer freizulassen.

Knut Mellenthin

21. Februar 2011