KNUT MELLENTHIN

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Misstrauen zwischen Verbündeten

Pakistan nimmt einen zweiten US-Bürger in Haft. Geheimdienst ISI soll von der CIA Agentenliste verlangt haben

Der Streit zwischen Islambad und Washington um den in Pakistan inhaftierten US-Bürger Raymond Davis spitzt sich weiter zu. Am Montag meldete die größte englischsprachige Zeitung des Landes, The Dawn, ohne Quellenangabe die Festnahme von 45 Personen, zu denen der CIA-Agent über sein Mobil-Telefon Kontakt gehabt haben soll. Die Polizeiaktionen sollen in Lahore, in der Hafenmetropole Karatschi und in Peschawar, der Hauptstadt der teilweise von Aufständischen beherrschten Nordwest-Provinz, stattgefunden haben.

Eine offizielle Bestätigung dieser Meldung gab es am Dienstag bis Redaktionsschluss nicht. Es könnte sich also um falsche Gerüchte handeln, die möglicherweise sogar absichtlich in Umlauf gebracht wurden. Allerdings ist der Dawn in der Regel seriös und in seiner Orientierung prowestlich. Andere pakistanische Blätter hatten schon in der vorigen Woche ohne Erwähnung von Informationsquellen oder gar Fakten berichtet, dass über das Handy von Davis Verbindungen zu 33 Pakistanern nachweisbar seien. Darunter seien 27 Mitglieder von verbotenen militant-fundamentalistischen Organisationen wie Tehrik-e-Taliban und Lashkar-e-Jhangvi. Der CIA-Mann habe Terroraktionen in Lahore und anderen Teilen der Provinz Punjab organisiert und habe darüber hinaus junge Männer für die pakistanischen Taliban rekrutiert.

Solche Anschuldigungen demonstrieren, was weite Kreise der pakistanischen Bevölkerung und Öffentlichkeit dem „strategischen Verbündeten“ USA zutrauen. Viel mehr braucht nicht unbedingt dahinter zu stecken. Tatsache ist jedoch, dass die Polizei bisher nichts über die Kontakte, die Davis höchstwahrscheinlich gehabt haben muss, mitgeteilt hat.

Seit Freitag voriger Woche halten die pakistanischen Behörden einen weiteren US-Bürger in Haft. Der 34jährige Aaron Mark De Haven wurde in Peschawar festgenommen, weil sein Visum schon im Oktober abgelaufen war und er sich folglich illegal im Land aufhielt. Ein Gericht lehnte am Montag den Antrag von De Havens Anwalt ab, ihn gegen Kaution freizulassen, da er keine legalen Dokumente habe. Gleichzeitig wurde die Untersuchungshaft auf zunächst 14 Tage verlängert. Der Amerikaner hatte für ein Privatunternehmen namens Catalyst Services gearbeitet, dessen genaue Dienste noch unklar sind. Nach einigen Meldungen hilft die Firma US-Bürgern beim Anmieten oder Kauf von Häusern und Wohnungen in Pakistan. Es wird aber auch berichtet, dass Personenschutz und andere Sicherheitsleistungen ebenfalls zum Angebot gehören. Die US-Regierung hat seit 2009 mehrere hundert Personen zusätzlich nach Pakistan geschickt, angeblich zur Überwachung der Finanzhilfe. Nach anfänglichem Sträuben der pakistanischen Behörden wurden Visa schließlich massenhaft im Pauschalverfahren verteilt.

Seit voriger Woche wird, bisher unbestätigt, gemeldet, dass der pakistanische Geheimdienst ISI seine Kollegen von der CIA dringend aufgefordert habe, eine Namensliste aller im Land tätigen Agenten samt Aufgabenbeschreibung vorzulegen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 2. März 2011