KNUT MELLENTHIN

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Wieder Tote bei US-Drohnenangriff

Schon dreizehn Attacken im September. Starke Zunahme der Angriffe unter Obama.

Die USA setzen ihre Drohnenangriffe gegen Ziele in Nordwestpakistan fort. Durch Raketen unbemannter Flugkörper wurden am Mittwoch 12 Bewohner des Dorfes Dargah Mani in Nordwasiristan getötet. Nach anderen Berichten gab es 14 Todesopfer und zahlreiche Verletzte. Mehrere Häuser wurden völlig zerstört. Angeblich waren 10 bis 12 Raketen abgefeuert worden. Schon vor dem Angriff hatten die Motorengeräusche mehrerer Drohnen, die vor Sonnenaufgang über dem Dorf kreisten, unter den Bewohnern Panik ausgelöst.

Die Attacke soll dem „Haqqani-Netzwerk“ gegolten haben, das in einigen Provinzen Afghanistans gegen die NATO-Truppen kämpft und Stützpunkte auf pakistanischem Gebiet hat. Diese Gruppe soll zwar mit den Taliban verbündet sein, ist aber autonom. Es war der dritte Angriff innerhalb von 24 Stunden. Am Dienstag waren bei zwei Drohneneinsätzen gegen ein Haus und ein Fahrzeug nach unterschiedlichen Meldungen zwischen 12 und 15 Menschen getötet worden. Auch diese Angriffe richteten sich gegen Ziele in Nordwasiristan. Das ist die einzige Verwaltungseinheit in den sogenannten Stammesgebieten, gegen die die pakistanischen Sicherheitskräfte noch keinen Feldzug geführt haben, obwohl die US-Regierung schon seit Monaten auf eine Offensive drängt.

Seit Aufnahme der bewaffneten Drohneneinsätze gegen Pakistan wurden in keinem Monat so viele Angriffe geflogen wie im September. Die Attacke vom Mittwochmorgen war bereits die dreizehnte. Die höchste Zahl von Angriffen innerhalb eines Monats lag bisher bei 11. Sie wurde im Januar erreicht, nachdem ein Selbstmordattentäter in einem afghanischen Stützpunkt acht CIA-Mitarbeiter und einen jordanischen Geheimdienstler getötet hatte.

Mit Raketen bestückte Drohnen sind ein relativ junges Waffensystem, das sich in einer raschen Fortentwicklung befindet. Den vermutlich ersten Einsatz eines unbemannten Flugkörpers für eine „gezielte Tötung“ gab es 2002 in Afghanistan. Präsident Bush ließ 2004 die Drohnen-Angriffe gegen Pakistan beginnen, aber in größerer Zahl finden sie erst seit August 2008 statt. Vielleicht nicht rein zufällig fiel dieser Aufschwung der Einsätze mit dem Rücktritt des von den USA unterstützten Putschpräsidenten Pervez Muscharraf zusammen. Insgesamt gab es unter Bush 41 Angriffe, davon lediglich fünf vor dem Jahr 2008. Präsident Barack Obama ließ in seinem ersten Amtsjahr 53 mal Ziele in Pakistan attackieren. Im laufenden Jahr gab es bisher mindestens 64 Angriffe.

Zuständig für die Drohneneinsätze gegen Pakistan ist der Auslandsgeheimdienst CIA, der keinerlei Angaben zu den Angriffen und ihren Folgen macht. Auch pakistanische Stellen äußern sich nur äußerst selten offiziell. Aussagen über die Zahl der Opfer stammen in der Regel von pakistanischen Beamten, die anonym bleiben wollen. Zumeist bezeichnen sie alle Toten und Verletzten englisch als „militants“, also Kämpfer. Nach verschiedenen Schätzungen liegt die Zahl der unbeteiligten Opfer jedoch bei ungefähr einem Drittel.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 16. September 2010