Funktionen für die Darstellung

Darstellung:

Seitenpfad

Noch mehr Flüchtlingselend in Somalia

Die UNO meldet eine neue Fluchtwelle aus der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Innerhalb einer Woche haben nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR 10.000 Menschen die Stadt verlassen. In den Monaten Juni und Juli seien 20.000 Flüchtlinge nach Mogadischu zurückgekehrt. Im selben Zeitraum seien aber 21.000 Menschen aus der Hauptstadt geflüchtet.

Die neue Fluchtwelle ist Ergebnis der wochenlangen Militäraktionen, mit denen äthiopische Besatzungstruppen und Milizen der "Übergangsregierung" im Vorfeld der am 15. Juli eröffneten "Nationalen Versöhnungskonferenz" jeden Widerstand ausschalten wollten. Hauptziel ständiger Razzien ist der größte Markt der Stadt und das umliegende Viertel, das als Hochburg der Opposition gilt. Dadurch wurde auch die Geschäftstätigkeit immer wieder lahmgelegt. Ergebnis: Verknappung der ohnehin unzureichenden Lebensmittel, Preissteigerungen um bis zu 100 Prozent.

Viele Bewohner Mogadischus sind sogar zur Flucht zu arm. Unter ihnen mindestens 3.000 Obdachlose. Sie wurden von den "Übergangsregierung" gewaltsam aus nicht genutzten öffentlichen Gebäuden entfernt, in denen sie zum Teil schon seit über zehn Jahren gelebt hatten.

Bei den Kämpfen zwischen Februar und Mai hatten äthiopische Truppen mit Artillerie und Panzerkanonen große Teile Mogadischus zerstört. Nach Schätzungen der UNO flüchteten über 400.000 Menschen. Nur etwa 125.000 seien zurückgekehrt, so das UNHCR.

Die Fluchtbewegungen aus der Hauptstadt belasten vor allem die nahe gelegenen Landesteile schwer und führen dort ebenfalls zu einer Verschärfung der Versorgungsprobleme. Internationale Hilfe erhalten die Flüchtlinge kaum, was zum Teil an Transport- und Sicherheitsproblemen, teilweise auch an der unkooperativen Haltung der "Übergangsregierung" liegt. Erschwerend kommt hinzu, dass der Nachbarstaat Kenia trotz Bitten der UNO seine Grenzen immer noch geschlossen hält, sodass von dort aus keine Lieferungen in die grenznahen Gebiete Somalias möglich sind.

Viele Flüchtlinge haben nicht einmal Notunterkünfte, sie leben unter schattenspendenden Bäumen. Hunger und unsauberes Wasser führen zu Erkrankungen und Todesfällen. Nach einer Untersuchung der internationalen Ärzteorganisation Medecins Sans Frontieres (Ärzte ohne Grenzen) sind 21,5 Prozent der Flüchtlinge unterernährt. 60 Prozent der Familien sind ohne eigenes Einkommen, und über 90 Prozent haben keine Lebensmittelvorräte mehr.

Das UNHCR schätzt, dass rund 440.000 Somalis "displaced persons" im eigenen Land sind, davon 250.000 in der Umgebung von Mogadischu. Über 300.000 Somalis leben als Flüchtlinge in den Nachbarländern.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 25. Juli 2007