KNUT MELLENTHIN

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Offensive geht weiter

Somalias Übergangsregierung immer stärker unter Druck. Armeechef soll Waffen an die Islamisten verkauft haben.

Die somalischen Islamisten wollen ihre vor drei Wochen begonnene Offensive in Mogadischu fortsetzen. Sprecher von Al-Schabab und Hisbul Islam riefen ihre Kämpfer am Wochenende auf, die Angriffe auf die letzten Bastionen der Übergangsregierung in der Hauptstadt zu verstärken. Deren Macht in Mogadischu beschränkt sich zur Zeit auf einen wenige Kilometer breiten Streifen entlang des Indischen Ozeans, zu dem der Präsidentenpalast, der Hafen und der Flughafen gehören. Militärische Hauptstütze der zwar international anerkannten, aber nicht aus Wahlen hervorgegangenen Übergangsregierung ist die von der Afrikanischen Union mandatierte „Friedenstruppe“ AMISOM. Sie besteht aus ugandischen und burundischen Soldaten und hat nach dem Eintreffen zusätzlicher Einheiten aus Uganda jetzt eine Stärke von etwas über 7000 Mann.

Wie schwach trotz der überlegenen militärischen Ausrüstung von AMISOM die Position der Übergangsregierung ist, hatte Al-Schabab am vorigen Donnerstag vorgeführt. Islamistischen Kämpfern, die Uniformen der Regierungstruppen trugen, war es gelungen, mit zwei Jeeps auf das stark bewachte Gelände des Flughafens vorzudringen. Bei dem Überfall wurden nach offiziellen Angaben zwei AMISOM-Soldaten, drei somalische Polizisten, mehrere Zivilisten und fünf oder sechs Angreifer getötet.

Der Angriff galt offenbar einem Treffen auf dem Flughafengelände, das kurz zuvor stattgefunden hatte. Dabei hatte der Sondergesandte der UNO für Somalia, Augustine Mahiga, versucht, den seit Monaten geführten Streit zwischen Präsident Scharif Scheikh Ahmed und Regierungschef Omar Abdiraschid Ali Scharmake zu schlichten. Ahmed will die Absetzung des Premierministers und der Übergangsregierung durchsetzen, scheiterte damit aber bisher am Parlament.

Zwei Tage später meldete die Übergangsregierung die Vereitelung eines Selbstmordanschlags auf den Hafen. Angeblich hatte ein bewaffneter Islamist, der Sprengstoff bei sich hatte, den Fahrer eines Benzin-Tankwagens gezwungen, zum Hafen zu steuern. Das Wachpersonal am Hafeneingang stoppte jedoch das Fahrzeug durch Schüsse in die Reifen und entwaffnete den Angreifer. Am Sonnabend wurden in Mogadischu fünf Polizisten der Übergangsregierung, die in einem Jeep unterwegs waren, auf einer viel befahrenen Straße durch eine ferngezündete Mine getötet. Bei einem zweiten ähnlichen Anschlag wurden zwei Polizisten verletzt.

Am 6. September hatte Präsident Ahmed seinen Militärchef General Mohamed Ghelle Kahije und mehrere andere Offiziere der Regierungstruppen entlassen. Angeblich sollen sie für das „Verschwinden“ von mehreren Tonnen Waffen aus den Depots verantwortlich sein. Es handelt sich dabei um Kriegsmaterial, dass die Übergangsregierung vom Westen, hauptsächlich den USA, geschenkt bekommen hatte. Waffen aus diesen Beständen tauchten später auf Märkten in Mogadischu auf. Ein erheblicher Teil soll in den Besitz von Al-Schabab gelangt sein.

Ebenfalls am Montag voriger Woche wurden aus der somalischen Hauptstadt heftige Proteste von Soldaten der Regierungstruppen gemeldet. Trotz anderslautender Behauptungen der deutschen Bundesregierung, die die Ausbildung somalischer Rekruten in Uganda unterstützt, erhalten die Soldaten nach wie vor monatelang keinen Sold. Meuternde Truppen hielten deshalb stundenlang die strategisch wichtige Hauptstraße zwischen dem Präsidentenpalast und dem Flughafen besetzt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 14. September 2010