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Somalia: Neue Kämpfe trotz Waffenstillstand

Trotz eines Waffenstillstands kam es am Freitag in der somalischen Hauptstadt Mogadischu erneut zu Kämpfen. Unbekannte griffen äthiopische Truppen an, die in einer früheren Militärakademie stationiert sind. Äthiopische Panzer gaben daraufhin Schüsse in die Richtung ab, in der die Angreifer vermutet wurden. Erneut flüchteten Hunderte von Bewohnern aus dem umkämpften Stadtteil.

Kurz vor diesem Zwischenfall hatte ein Sprecher des in Mogadischu vorherrschenden Hawiye-Clans bekannt gegeben, dass man sich nach mehrstündigen Verhandlungen mit äthiopischen Militärs auf einen zeitlich nicht befristeten Waffenstillstand geeinigt habe. Beide Seiten würden ihre Truppen von den Frontlinien zurückziehen.

Die Kämpfe hatten am Mittwochmorgen begonnen, als Soldaten der "Übergangsregierung" mit äthiopischer Unterstützung den Stadtteil Schirkole im Süden Mogadischus zu stürmen versuchten, der als Hochburg des Hawiye-Clans und der fundamentalistischen Union der Islamischen Gerichte (UIC) gilt. Die Angreifer stießen sofort auf heftigen Widerstand, der noch dadurch verstärkt wurde, dass Kämpfer aus anderen Stadtteilen mit Kleinbussen zur Hilfe eilten. Die Schießereien dauerten bis zum Mittag, ehe sich Regierungstruppen und Äthiopier geschlagen zurückzogen. Mehrere ihrer toten Soldaten wurden von einer wütenden Volksmenge durch die Straßen geschleift und verbrannt. Eine unbekannte Anzahl von Soldaten der "Übergangsregierung", nach Augenzeugenberichten über 30, wurden von den Hawiye-Kämpfern gefangen genommen.

Die Gesamtzahl der Toten wird mit mindestens 20 angegeben, mehrheitlich Frauen und Kinder, die zwischen die Fronten geraten waren. Mehr als 60 Menschen wurden verletzt. Das sind jedoch lediglich die von den Krankenhäusern registrierten Zahlen. Die wirkliche Zahl der Opfer liegt vermutlich erheblich höher.

Der HawiyeClan wirft der "Übergangsregierung" vor, ihn feindselig zu behandeln und politisch auszugrenzen. Der "Übergangspräsident" Abdullahi Jusuf gehört zum Darod-Clan, der die nordostsomalische Provinz Puntland dominiert. Diese hat 1998 einseitig ihre Unabhängigkeit erklärt. Soldaten aus Puntland sind in Somalia zur Unterstützung der "Übergangsregierung" im Einsatz. Das gestanden Militärs des Separatistenstaates am Donnerstag ein, nachdem 12 ihrer Soldaten bei Kämpfen gegen eine örtliche Miliz in Zentralsomalia getötet worden waren.

Die "Übergangsregierung" war 2004 auf einer von der UNO und der Afrikanischen Union in Kenia abgehaltenen Konferenz gebildet worden. Sie repräsentierte von Anfang an nicht das gesamte politische und gesellschaftliche Spektrum Somalias. Das in der Provinzstadt Baidoa residierende Gremium hatte kaum Einfluss im Land, bevor es im Dezember 2006 durch eine massive äthiopische Militärintervention an die Macht gebracht wurde. Die Milizen der UCI, die seit Juni 2006 Mogadischu kontrolliert hatten, zogen sich überall fast kampflos vor den militärisch weit überlegenen äthiopischen Streitkräften zurück und vermieden auf diese Weise eine Niederlage.

Der Innenminister der "Übergangsregierung" hat am Freitag angekündigt, Mogadischu innerhalb einer Woche unter Kontrolle bringen zu wollen. Der vereinbarte Waffenstillstand mit dem Hawiye-Clan deutet jedoch darauf hin, dass die "Übergangsregierung" für ihren aggressiven Kurs nicht unbedingt auf äthiopische Unterstützung rechnen kann. Das Regime in Addis Adeba lässt die Absicht erkennen, die teure und riskante Intervention zu beenden.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 24. Juli 2007