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Alle Hinweise ignoriert

Im Fall des in die Terrorangriffe vom Mumbai (Indien) verwickelten US-Agenten David Headley gibt es neue Erkenntnisse: Nicht nur zwei, sondern sogar fünf Personen hatten unabhängig voneinander vergeblich versucht, amerikanische Dienststellen auf Headleys Beziehungen zu militanten pakistanischen Islamisten aufmerksam zu machen.

Mindestens zehn bewaffnete Männer töteten zwischen dem 26. und dem 29. November 2008 bei Attacken gegen einen zentralen Bahnhof, mehrere Hotels und ein jüdisches Zentrum in Mumbai, dem früheren Bombay, mindestens 170 Menschen. Headley, der als V-Mann für die US-Drogenbehörde und möglicherweise auch für die CIA arbeitete, hatte seit 2006 die Angriffsziele ausgekundschaftet und gefilmt.

Mitte Oktober 2010 berichteten die Washington Post und die New York Times, dass zwei der insgesamt vier Ehefrauen Headleys sich zuvor mit Informationen an die US-Behörden gewandt hatten. Zunächst hatte sich eine US-Amerikanerin im August 2005 bei der New Yorker Joint Terrorism Task Force gemeldet, um über Headleys enge Verbindungen zur Organisation Laschkar-i-Taiba und seine Aufenthalte in Ausbildungslagern pakistanischer Islamisten zu berichten. Angeblich bot sie der Dienststelle sogar Zugang zu seinen diesbezüglichen E-Mails an, woran diese aber nicht interessiert gewesen sei. Nach drei Gesprächen mit der Frau wurden die Ermittlungen eingestellt.

Ähnlich erging es einer mit Headley verheirateten Marokkanerin, die im Dezember 2007 bei der amerikanischen Botschaft in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad vorsprach. Auch ein zweiter Versuch der Frau im April 2008, die Botschaft auf Headleys Aktivitäten aufmerksam zu machen, wurde ignoriert.

Am Wochenende meldete die Washington Post, dass es außerdem noch drei weitere Informanten gegeben hatte. Die Recherchen stammen von dem investigativen Journalistenpool ProPublica. Dessen Quelle ist unter anderem ein nicht veröffentlichter Untersuchungsbericht, den der Koordinator der US-Geheimdienste nach den Enthüllungen im Oktober in Auftrag gegeben hatte.

ProPublica zufolge hatte sich erstmals schon am 4. Oktober 2001, kurz nach dem 11. September, eine frühere Freundin Headleys bei der New Yorker Joint Terrorism Task Force gemeldet und von Erzählungen Headleys berichtet, dass er gern in Pakistan kämpfen würde. Die Behörde sprach mit drei Zeugen, darunter Headleys Mutter, und stellte dann die Ermittlungen ein.

Die nächste Information ging im Juli 2002 bei der Bundespolizei FBI in Philadelphia ein. Ein Ladeninhaber, bei dem Headleys Mutter regelmäßig Kundin war, berichtete, was ihr Sohn ihr über sein Waffentraining in pakistanischen Ausbildungslagern erzählt hatte. Nach eigenen Aussage hörte der Mann nie wieder etwas vom FBI.

Der dritte bisher nicht öffentlich bekannte Hinweis erfolgte am 1. Dezember 2008, also kurz nach den Angriffen in Mumbai. Eine Freundin von Headleys elf Monate zuvor verstorbener Mutter teilte dem FBI mit, dass Headley nach eigenen Angaben fünf bis sechs Jahre lang am bewaffneten Kampf in Pakistan teilgenommen habe.

Headley wurde erst im Oktober 2009 in Chicago verhaftet – aufgrund von Informationen der britischen Behörden, die die USA offenbar nicht mehr ignorieren konnten. Indische Politiker und Medien beklagen, dass ihnen in der ganzen Zeit niemals Headleys Name mitgeteilt wurde. Anderenfalls hätte man ihn bei seinen zahlreichen Indien-Reisen, die vorwiegend der Auskundschaftung von Angriffszielen galten, observieren und festnehmen können.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 8. November 2010