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Unbewaffnet erschossen

Ein Mann, der in der vorigen Woche von einem FBI-Agenten in Zusammenhang mit den Ermittlungen zum Bostoner Bombenanschlag erschossen wurde, war offenbar unbewaffnet. Der 27jährige Ibragim Todaschew hatte, ebenso wie die angeblich für das Attentat vom 15. April verantwortlichen Brüder Tamerlan und Dschochar Tsarnajew, einen tschetschenischen Familienhintergrund. Er lebte seit 2008 in den USA und war mit dem 26jährigen Tamerlan, einem Boxer, durch gemeinsames Training bekannt. Todaschew selbst war in verschiedenen Kampfsportarten aktiv. Bevor er nach Orlando (Florida) umzog, hatte er in Boston (Massachusetts) gewohnt.

Todaschew war wegen seiner Bekanntschaft mit Tsarnajew schon kurz nach dem Anschlag beim Boston Marathon zum ersten Mal vom FBI vernommen worden. Ein zweites Verhör, bei dem es um einen mysteriösen Mordfall ging, folgte wenig später. Die Tsarnajew angelastete Tat, bei der am 11. oder 12. September 2011 drei Männer in Waltham (Massachusetts) getötet worden waren, war angeblich auch Gegenstand der dritten Vernehmung, die am Mittwoch voriger Woche in Todaschews Wohnung in Orlando stattfand. Anwesend waren dabei, einer knappen Mitteilung des FBI zufolge, ein Agent der Bundespolizei, zwei Polizisten des Bundesstaates Massachusetts sowie weitere Beamte, also mindestens fünf Personen, aber offenbar kein Anwalt. Auch bei den zwei früheren Vernehmungen war Todaschew, wie sein Vater am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Moskau berichtete, ohne Rechtsbeistand. 

Während des für ihn tödlichen dritten Verhörs am 22. Mai soll Todaschew, der FBI-Stellungnahme zufolge, „eine gewalttätige Konfrontation ausgelöst“ haben, in deren Verlauf er getötet wurde und der Bundespolizist „nicht lebensgefährliche“ Verletzungen erlitten habe. Mehr steht nicht in der knappen Presseerklärung und wurde auch seither nicht offiziell mitgeteilt. Alle weiteren Angaben – dass Todaschew plötzlich ein Messer in der Hand gehabt habe oder dass er mit einem Tisch nach dem FBI-Mann  geworfen habe - beruhen auf anonymen Gerüchten. Bekannt ist lediglich seit Donnerstag, dass er in Wirklichkeit unbewaffnet war. Todaschews Vater zeigte während seiner Pressekonferenz Fotos der Leiche und erläuterte, dass sein Sohn von sechs Geschossen am Körper und von einem am Hinterkopf getroffen worden sei. Das Verhör sei zu diesem Zeitpunkt schon seit acht Stunden geführt worden. Diese Angabe beruht auf dem Bericht eines Freundes von Todaschew, der sich bei ihm in der Wohnung befand, als die Beamten auftauchten, daraufhin separat vernommen und dann nach Hause geschickt wurde.

Gerüchteweise ließ das FBI verlauten, dass Todaschew während der letzten Vernehmung seine Beteiligung an dem Dreifach-Mord vor zwei Jahren gestanden und zugleich Tamerlan Tsarnajew beschuldigt habe, der mit einem der Opfer durch den gemeinsamen Boxsport bekannt war. Die Medien hatten seinerzeit gemutmaßt, dass es sich um ein Verbrechen im Drogenmilieu gehandelt habe. Eine Nachbarin hatte Journalisten erzählt, dass die Leichen mit Marihuana bestreut gewesen seien.

Dass US-amerikanische Polizisten unbewaffnete Personen erschießen, geschieht so häufig und folgenlos, dass es nicht unbedingt einen speziellen Hintergrund haben muss. Im vorliegenden Fall ist aber zu bedenken, dass der ältere der Tsarnajew-Brüder vier Tage nach dem Bostoner Anschlag unter immer noch ungeklärten Umständen bei einem Schusswechsel mit Polizisten getötet wurde und der jüngere Bruder wenige Stunden später nur mit sehr viel Glück überlebte, als die Polizei ein Boot, in dem er sich versteckt hatte, mit Dutzenden von Geschossen durchsiebte. Angeblich hatte der 19jährige Dschochar zuvor das Feuer eröffnet. Ein offenbar gezielt gestreutes Gerücht besagte, er habe sich vermutlich selbst in den Mund geschossen, um sich zu töten, als er von der Polizei umstellt war. Inzwischen steht fest: Er war bei der Festnahme gänzlich unbewaffnet. Die einzige von den Brüdern benutzte Schusswaffe – zeitweise war in den Medien von vier Waffen die Rede gewesen – lag am Ort der ersten Schießerei, bei der der Ältere der beiden getötet worden war.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 1. Juni 2013