Funktionen für die Darstellung

Darstellung:

Seitenpfad

We shall overcome

Seit Donald Trump am frühen Morgen des 9. November 2016 als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika feststand, schämen sich viele liberale US-Amerikaner wieder für ihr Land. Wie unter Lyndon B. Johnson, unter Richard Nixon und unter George W. Bush. Sie fressen ihre Wut nicht still in sich hinein, sondern sie demonstrieren auf Straßen und Plätzen. Und sie leisten „passiven Widerstand“, wo sie in entsprechenden Positionen sind.

Wer beim Wort „liberal“ an die FDP denkt, liegt, was die USA angeht, falsch. Viele Liberale sind dort intellektueller, radikaler und rebellischer als hierzulande der Durchschnitt der SPD-Anhänger und sogar als die deutsche Linkspartei, soweit man diese nach ihrem traurigen öffentlichen Erscheinungsbild überhaupt noch beurteilen kann.

Die Empörung und die Scham der amerikanischen Liberalen gilt nicht nur der Flut reaktionärer und menschenfeindlicher Anordnungen, die Trump schon in seiner ersten Amtswoche am Fließband produziert hat. Sie reflektieren auch den in der Geschichte der USA vermutlich erstmals auftretenden Fall, dass im Weißen Haus jemand nach Belieben schaltet und waltet, der deutlich erkennbare Anzeichen einer geistigen Erkrankung zeigt. Dessen Antrittsrede im Ton eines lateinamerikanischen Putschgenerals formuliert war. Der sich mit Verwandten und Günstlingen umgibt, deren Karriere von seinen Launen abhängt. Eine Figur wie der römische Kaiser Caligula (12-41 unserer Zeitrechnung), der sein favorisiertes Rennpferd mit einem Staatsamt betraute, um die wichtigste Institution seiner Zeit, den Senat, vor aller Augen zu demütigen.

Alles spricht dafür, dass die deutsche Linke – im weiten Sinn verstanden, aber die sich so nennende Partei nicht ausschließend - das Bündnis mit den Nachdenklichen und Widerständlerischen der USA ausdrücklich, unmissverständlich und möglichst laut bekräftigen und erneuern sollte, das in den 1960er Jahren im Protest gegen den Vietnamkrieg entstand, vor dem ersten Irakkrieg 1991 noch einmal kurz auflebte, aber insgesamt viel zu wenig gepflegt, ja geradezu vernachlässigt wurde. 

„Bündnis“ bedeutet in diesem Zusammenhang auch den politisch-theoretischen Diskurs. In den USA erscheinen unendlich viele Artikel und Analysen, die sich nicht nur mit dem Vordringen des Rassismus im eigenen Land beschäftigen, sondern die auch die furchtbare Rechtsradikalisierung in Europa im Blick haben. Die deutsche Linke hat diesbezüglich „noch Reserven“, wie man das in der DDR betulich umschrieb, bis nichts mehr ging. 

Wir haben nur diese eine Partei, „Die Linke“, und sollten einstweilen auch keine andere zu gründen versuchen. Aber von ihr sollte verlangt werden, dass sie nicht nur verständnisvoll menschelnd den AfD-Wählern nachjagt, sondern die ganze Realität zu erfassen und zu beschreiben versucht.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 30. Januar 2017