KNUT MELLENTHIN

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Anmerkungen zur Geschichte des Staates Israel - Teil 1

"Ohne Auschwitz kein Zionismus", so hieß es 1982 einmal im AK, und max. hat diese These neuerdings im AK 329 (S. 17) - offenbar zustimmend - wieder aufgenommen. Vordergründig betrachtet, ist die These evident falsch, denn der Zionismus entstand als politische Bewegung um 1880; als organisierter Zusammenhang besteht er seit dem ersten Weltkongreß von 1897.

Gemeint sein muß mit "Ohne Auschwitz kein Zionismus" also etwas anderes. Das kann ungefähr so beschrieben werden: Ohne Auschwitz wäre der Zionismus eine folgenlose Episode der Geschichte geblieben, ohne Auschwitz wäre der Staat Israel nicht gegründet worden. Denn ohne Auschwitz wäre der Zionismus unter den Juden nicht mehrheitsfähig geworden, und die Großmächte hätten ohne die deutsche Judenvernichtung die Gründung des Staates Israel nicht unterstützt. (Im Sinne der Erklärung, die der sowjetische Außenminister Gromyko 1948 vor der UNO abgab.)

Soweit wohl ungefähr der Sinn der These. Sie ignoriert, daß Israel vielleicht auch ohne Auschwitz, aber ganz bestimmt nicht ohne das vorangegangene halbe Jahrhundert politischer und praktischer Aufbauarbeit der Zionisten hätte entstehen können. Man kann die Gründung Israels mit Auschwitz rechtfertigen, aber "die Geschichte" per se ist keineswegs gerecht, und die Politik von Staaten ist es ebenfalls nicht. Die Gründung Israels hätte schwerlich die Zustimmung und Unterstützung aller Großmächte gefunden, wenn nicht das zionistische Projekt (real oder scheinbar) in deren jeweilige eigene Interessen und Absichten hineingepaßt hätte - und wenn es sich nicht selbst von Anfang an genau in diesem "weltpolitischen" Kontext definiert hätte.

Eine Begründung und Konkretisierung dieser These soll im folgenden, ausgehend von der Balfour Declaration, versucht werden. Mit diesem Papier bekundete die britische Regierung 1917 ihre Unterstützung für das zionistische Projekt einer "nationalen Heimstätte" in Palästina. Als der Völkerbund (Vorläufer der UNO) 1922 das britische Mandat über Palästina bestätigte, übernahm er die entsprechenden Aussagen der Balfour Declaration in die Präambel des Mandatsauftrags. Damit erhielt die jüdisch-zionistische Präsenz in Palästina erstmals einen völkerrechtlich garantierten Status. Zugleich erreichten die Zionisten mit der Balfour Declaration eine hegemoniale Stellung unter den Juden in aller Welt - mit Unterschieden von Land zu Land, wie in diesem Text ebenfalls dargestellt werden soll.

Eine "nationale Heimstätte in Palästina" ...

Die Balfour Declaration ist in einem Brief enthalten, der auf den 2. November 1917 datiert ist und insgesamt folgenden Wortlaut hat: "Lieber Lord Rothschild, mit großem Vergnügen teile ich Ihnen im Namen der Regierung Seiner Majestät folgende Erklärung der Sympathie mit den jüdisch-zionistischen Bestrebungen mit; sie wurde dem Kabinett vorgelegt und von diesem gebilligt: ,Die Regierung Seiner Majestät begünstigt die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina; sie wird sich nach besten Kräften dafür einsetzen, das Erreichen dieses Ziels zu fördern. Dabei ist klar, daß nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften in Palästina oder was die Rechte und den politischen Status, die Juden in anderen Ländern haben, gefährden könnte.' - Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Deklaration der Zionist Federation zur Kenntnis bringen würden." (1)

Unterzeichner war der britische Außenminister Arthur James Balfour - der gleiche, der bereits als Premierminister in den Jahren 1902-04 mit den Zionisten über die Bildung einer jüdischen Kolonie auf britischem Territorium gesprochen hatte. Damals war es um ein Gebiet in Ostafrika (genannt Uganda, nicht identisch mit dem heutigen Staat) oder in Ägypten im Grenzbereich Palästinas (El Arisch, westlich von Gasa) gegangen.

Die Billigung der Deklaration durch das Kriegskabinett war am 31. Oktober 1917 erfolgt, nachdem im September und Anfang Oktober eine Beschlußfassung wiederholt gescheitert war. Das hatte insbesondere an den Einsprüchen des Staatssekretärs für Indien, Edwin Montagu, gelegen. Als etablierter Jude fürchtete er, die Ausrufung einer "Heimstätte für das jüdische Volk" im Nahen Osten könnte den Status der Juden in Großbritannien und überall auf der Welt gefährden.

Die Balfour Declaration war an die Zionist Federation gerichtet, also nicht an die Zionistische Weltorganisation - die durch den Krieg de facto gespalten und handlungsunfähig war -, sondern an deren britischen Landesverband. Der direkte Adressat jedoch war Lord Rothschild, d.h. Lionel Walter, "Oberhaupt" des Londoner Zweigs der großen jüdischen Bankiersfamilie. Er sollte nicht verwechselt werden mit einem noch bedeutenderen Förderer des Zionismus, Edmond de Rothschild, dessen finanzielle Unterstützung seit Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts einen Großteil der frühen jüdischen Siedlungen in Palästina am Leben gehalten hatte. - (Theodor Herzl hatte die Grundgedanken seines Hauptwerks "Der Judenstaat", erschienen im Februar 1896, ursprünglich für ein geplantes Memorandum an den Familienrat der Rothschilds ausgearbeitet.)

Warum adressierte der Außenminister seinen Brief an Lord Rothschild? Er hatte in den Diskussionen, Kontakten und Verhandlungen, die schließlich zur Balfour Declaration führten, eine zentrale Rolle gespielt. Dabei hatte er jedoch immer die führende Rolle des Präsidenten der Federation, Chajm Weizmann - später erster Präsident Israels -, respektiert und betont. Hinter der Adressierung der Deklaration an Lord Rothschild stand wohl auch der Wunsch beider Seiten, das Unternehmen durch die Verbindung mit dem Namen der bekanntesten jüdischen Kapitalistenfamilie in spektakulärer Weise öffentlich aufzuwerten.

... oder Palästina als "Heimstätte"?

Formal war der Brief Balfours an Lord Rothschild vom 2. November eine Reaktion auf ein Schreiben, das dieser am 18. Juli 1917 nach Einvernehmen mit Weizmann - der zu dieser Zeit in politischer Mission außer Landes war - an den Außenminister gerichtet hatte. Dieser Brief lautete: "Lieber Mr. Balfour, endlich bin ich in der Lage, Ihnen die Formulierung zu schicken, um die Sie mich gebeten hatten. Wenn die Regierung Seiner Majestät mir eine Botschaft auf den Linien dieser Formulierung schicken würde, falls sie und Sie diese billigen, würde ich die Botschaft an die Zionist Federation weitergeben und sie auf einer zu diesem Zweck einberufenen Versammlung bekanntgeben. Leider haben unserer Gegner ihre Kampagne mit einem höchst tadelnswerten Manöver begonnen, nämlich einen Tumult anzuzetteln mit dem Schlachtruf britische Juden gegen ausländische Juden. Sie fingen damit am letzten Sonntag an, als sie im Board of Deputies die neugewählten Funktionäre mit der Frage konfrontierten, ob sie alle in England geboren seien (ich selbst auch darunter).

'Entwurf einer Erklärung

1. Die Regierung Seiner Majestät akzeptiert den Grundsatz, daß Palästina als Nationale Heimstätte des jüdischen Volkes wiederhergestellt werden sollte.
2. Die Regierung Seiner Majestät wird sich nach besten Kräften bemühen, das Erreichen dieses Ziels sicherzustellen, und wird die dazu notwendigen Methoden und Mittel mit der zionistischen Organisation diskutieren.' " (2)

Lord Rothschild erwähnt im Brief an Balfour einen Streit mit jüdischen Gegnern, in dem die Zionisten einige Wochen zuvor, am 17. Juni 1917, einen entscheidenden Teilerfolg gewonnen hatten. An diesem Tag hatte der Board of Deputies - die offizielle Vertretung der britischen Juden - mit der knappen Mehrheit von 56 gegen 51 Stimmen das Vorgehen prominenter jüdischer Antizionisten verurteilt, die mit einer Stellungnahme in der "Times" (erschienen am 24. Mai) öffentliche Kritik am zionistischen Projekt geübt hatten.

Der Beschluß des Board of Deputies war erstens sehr knapp und bedeutete zweitens noch keineswegs eine prozionistische Mehrheit. Es ist daran zu erinnern, daß ungefähr die Hälfte der Juden Großbritanniens erst in den letzten Jahrzehnten (seit den achtziger Jahren) aus Osteuropa eingewandert war und daß primär unter diesen die Sympathisanten des Zionismus waren. Im Gegensatz dazu repräsentierte der Board of Deputies in erster Linie das etablierte Judentum des Landes. Das Abstimmungsergebnis vom 17. Juni 1917 signalisierte, daß es auch in diesem Teil der Juden Großbritanniens keine Mehrheit für eine öffentliche Kritik am zionistischen Projekt gab. Das war von entscheidender Bedeutung, weil die britische Regierung dies zur Voraussetzung einer offiziellen Deklaration gemacht hatte: Sie wollte sich von vornherein des Beifalls der großen Mehrheit der Juden (im Lande und weltweit) für einen solchen Schritt sicher sein und nicht die öffentliche Opposition relevanter jüdischer Kräfte riskieren.

Einwände der Antizionisten

Wie argumentierten in diesem Fall die jüdischen Gegner des zionistischen Projekts? Sie lehnten die Bildung eines nationalen jüdischen Gemeinwesens in Palästina keineswegs ab, sondern waren insoweit auch zur Zusammenarbeit mit den Zionisten bereit. Eine völkerrechtlich gesicherte Zufluchtstätte für die politisch und wirtschaftlich bedrängten Juden Osteuropas in Palästina machte auch aus dem Blickwinkel der jüdischen Antizionisten durchaus Sinn. Das umso mehr, da sie die massenhafte Einwanderung beispielsweise nach Großbritannien für problematisch hielten. (Soziale Probleme, Zunahme des Antisemitismus etc.)

Ihre Kritik richtete sich in erster Linie gegen die grundsätzliche These des Zionismus, wonach alle Juden der ganzen Welt eine heimatlose Nationalität darstellen, die (vor allem aufgrund des unaufhebbaren Antisemitismus ihrer Umgebung) nicht in der Lage sei, sich in den Ländern, wo sie lebt, zu integrieren, und die daher ein Heimatland in Palästina brauche. Das, so die Kritiker, müsse zwangsläufig dazu führen, daß die Juden überall noch stärker als Fremde abgestempelt würden und daß ihr harterkämpfter Status als Bürger und Staatsangehörige wieder aufs Spiel gesetzt würde.

Ein weiterer Einwand lautete: Für die Juden in aller Welt sei die Forderung nach gleichen politischen und religiösen Rechten lebenswichtig. Daher wäre es ein großer Schaden für die Juden, wenn in Palästina für die jüdischen Siedler privilegierte Rechte gegenüber der arabischen Bevölkerungsmehrheit gefordert würden.
Insgesamt kam diese Kritik selbstverständlich nicht von "links", sondern von liberalen oder auch konservativen jüdischen Bürgerlichen, die sich vom Absolutheitsanspruch und den praktischen Implikationen der zionistischen Weltanschauung in ihrer wohleingerichteten Existenz bedroht sahen, und die fürchteten, daß der Zionismus dem Antisemitismus neuen Stoff liefern würde.

Entwurf und Deklaration im Vergleich

Zwischen dem von Lord Rothschild am 18. Juli übersandten Entwurf und der am 31. Oktober 1917 vom Kriegskabinett gebilligten Deklaration lagen Monate intensiver Diskussion mit zahlreichen Beteiligten verschiedener Bereiche, wobei noch mehrere Zwischenentwürfe produziert wurden. Ein Vergleich der beiden zitierten Texte zeigt, wo die "Knackpunkte" lagen: 1. Rothschilds Entwurf sprach von Palästina als Heimstätte, die Balfour Declaration schließlich nur von einer Heimstätte in Palästina. Im ersten Fall wäre das Land insgesamt gemeint, im zweiten nur ein nicht definierter Teil oder auch nur eine teilweise Souveränität.

Zu keinem Zeitpunkt im Entstehungsprozeß der Balfour Declaration wurde definiert, was exakt unter Palästina verstanden werden sollte. Dieser Name war damals allgemein für die Region gebräuchlich, entsprach aber keiner existierenden Verwaltungseinheit mit definierten Grenzen. Palästina war rund 1500 Jahre früher, in spätrömischer Zeit, der Name einer Provinz des Imperiums gewesen.

Der durchgehend verwendete Begriff "national home" ("nationale Heimstätte") geht wörtlich auf das programmatische Ziel der Zionisten zurück, wie es auf deren erstem Kongreß in Basel 1897 beschlossen worden war. Dieser Begriff ließ den staatsrechtlichen Status des zu schaffenden Gebildes bewußt offen.

2. In Rotschilds Entwurf stand "the national home", in der Balfour Declaration lediglich relativiert "a national home". Vermieden war also der Anspruch, Palästina solle die (implizit ausschließliche) Heimat der Juden werden. Damit war den erwähnten Bedenken von jüdischer Seite Rechnung getragen worden.

3. Die in Lord Rothschilds Entwurf gewünschte britische Zusage, die Methoden und Mittel zur Schaffung der "jüdischen Heimstätte" mit den Zionisten zu diskutieren, wurde in die Endfassung der Deklaration nicht aufgenommen. Das gab der britischen Regierung später freiere Hand, als sie sich in den 20er Jahren von dem Projekt etwas zu distanzieren begann.

4. Der Hinweis in der Balfour Declaration, daß die Rechte und der politische Status der Juden in anderen Ländern nicht beeinträchtigt werden sollten, widerspiegelt ebenfalls Einwände von jüdischer Seite gegen das zionistische Projekt.

5. Daß die arabische Bevölkerung Palästinas (damals immerhin eine Mehrheit von etwa 85%) nur als "non-Jewish communities" in der Balfour Declaration erwähnt wird, und daß lediglich von bürgerlichen und religiösen, nicht aber von nationalen Rechten die Rede ist, entspricht der damaligen gemeinsamen Sicht von britischer und zionistischer Seite. Man geht wohl auch nicht fehl mit der Annahme, daß bei diesem Passus überhaupt weniger an die Araber als Nation, sondern an die Belange der diversen, miteinander konkurrierenden christlichen Gemeinschaften in Palästina gedacht war, über die als Protektoren u.a. Frankreich, Italien und Rußland wachten.

Die Balfour Declaration war das Ergebnis systematischer, strategisch durchdachter und konsequent betriebener Anstrengungen, die von einzelnen Exponenten des Zionismus, in enger Zusammenarbeit mit Funktionären der britischen Regierung, insbesondere im Außenministerium, unternommen wurden. Das Ergebnis wäre nicht möglich gewesen ohne ein gut geknüpftes Netz persönlicher Connections, die teilweise schon etliche Jahre vor dem Ersten Weltkrieg angebahnt worden waren. Im Zustandekommen der Balfour Declaration widerspiegelt sich auch die Tatsache, daß in England während des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Juden sich in der Gesellschaft und im Staatsapparat etabliert hatten, hoch geschätzte Partner waren und guten Zugang zu Regierungskreisen hatten.

In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, daß schon Herzl - er starb im Juli 1904 - in der strategischen Orientierung auf Großbritannien den Schlüssel zum Erfolg des zionistischen Projekts gesehen hatte. Seit etwa 1902 stand der britische Staat uneingeschränkt im Zentrum der zionistischen Anstrengungen.

Voraussetzungen und Ziele der Deklaration

Selbstverständlich verfolgte die britische Regierung mit der Balfour Declaration primär eigene Absichten. Dabei standen grundsätzliche Ziele neben taktischen Gesichtspunkten, die sich aus dem Kontext des Weltkriegsverlaufs ergaben. Zu den ersten gehört die schon seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder diskutierte These, daß eine jüdische Kolonie am geostrategisch eminent wichtigen Platz Palästina für die imperiale Politik Großbritanniens erhebliche Vorteile bieten könnte.

Zu den taktischen Gesichtspunkten: Die britische Regierung erhoffte sich von einer öffentlichen Erklärung zugunsten der "jüdischen Heimstätte" eine große propagandistische Wirkung auf die Juden in aller Welt, insbesondere in Rußland, in den USA sowie auf der anderen Seite der Front in Österreich-Ungarn und Deutschland.

Die Zionistische Weltorganisation hatte sich vor dem Krieg darauf verständigt, im Fall eines militärischen Konflikts zwischen den Großmächten neutral zu bleiben. Die Praxis zeigte, daß sich dies nicht durchhalten ließ, weil - abgesehen von Rußland - viele Juden mit einiger Begeisterung zu den jeweiligen Fahnen ihres Heimatlandes eilten. Zweitens aber hätte Neutralität den Zionismus seinem Ziel wahrscheinlich keinen Schritt näher gebracht.

Als der Erste Weltkrieg begann, befand sich die politische Zentrale der Zionistischen Weltorganisation in Berlin, während ihre wichtigsten finanziellen Institutionen in London ihren Sitz hatten. Chajm Weizmann plädierte dafür, während des Krieges anstelle der Berliner Zentrale eine provisorische Leitung in den (zunächst neutralen) USA zu bilden. Der Kompromiß war schließlich, daß eine Nebenstelle der Zentrale im neutralen Kopenhagen gebildet wurde. Außerdem wurden zwei russische Mitglieder der sechsköpfigen zentralen Leitung nach London geschickt, um von dort aus tätig zu sein. De facto war damit die Führung der Zionistischen Weltorganisation gespalten; die Zionisten in Großbritannien agierten autonom und konträr zur Zentrale, indem sie sich für die britische Kriegspolitik einspannen ließen und selbst offensiv in diesem Sinne unter den Juden anderer Länder warben. Ein im März 1916 gefaßter Beschluß der Zentrale, sich an keinen Verhandlungen mit einer Regierung zu beteiligen, die im Kriegszustand mit der Türkei war, wurde von den Londoner Vertretern mißachtet. (Palästina gehörte damals noch zum türkischen Machtbereich, und man fürchtete, daß eine antitürkische Politik die in der Region lebenden Juden akut gefährden könnte. Großbritannien hatte im Oktober 1914 der Türkei den Krieg erklärt. Der Beschluß der zionistischen Zentrale von 1916 richtete sich in erster Linie gegen die zu dieser Zeit längst angelaufenen Verhandlungen der Londoner Zionisten mit der britischen Regierung.)

Großbritannien befand sich im Kriegsbündnis mit Rußland. Das warf, was den "jüdischen Aspekt" angeht, große Probleme auf. Die Juden Rußlands, seit Jahrzehnten Opfer von Unterdrückung, Pogromen und wirtschaftlicher Einschnürung, waren zum größten Teil an der Verteidigung ihres "Vaterlands" nicht interessiert. Das aber betraf keineswegs nur Rußland selbst. In den USA waren über 80% der jüdischen Bevölkerung Neueinwanderer, die in den Jahrzehnten seit 1880 aus Osteuropa, in erster Linie aus dem russischen Machtbereich, gekommen waren. In England lag dieser Anteil immerhin bei rund 50%. Hinzu kam, daß von der Minderheit der etablierten Juden in den USA die meisten deutscher Herkunft waren und aus diesem Grund auch nicht als besonders kriegswillig galten.

Das öffentliche Bekenntnis zum zionistischen Projekt wurde von der britischen Regierung als Köder angesehen, mit dem die osteuropäischen bzw. aus Osteuropa stammenden Juden für den Krieg gewonnen werden könnten. Dabei bestanden übertriebene Vorstellungen über die finanzielle und publizistische Macht der Juden in den USA sowie über ihre Bedeutung im revolutionären Prozeß Rußlands. Diese Vorstellungen, die im Grunde antisemitischen Klischees nahe kamen, wurden von den zionistischen Exponenten in London interessierterweise bestätigt und bestärkt.

In diesem Kontext hatte das Jahr 1917 zwei entscheidende Ereignisse gebracht. Erstens waren im April 1917 die USA in den Krieg eingetreten. Die britische Regierung fürchtete aber, daß ein Großteil der amerikanischen Juden immer noch sehr pazifistisch gestimmt sei und daß auch der Eifer jüdischer Kapitalisten, in den Krieg zu investieren, noch zu wünschen übrig lasse.

Zweitens war in Rußland seit Februar 1917 ein revolutionärer Prozeß im Gang, der zum Kriegsausstieg eines wichtigen Verbündeten zu treiben drohte. Vor allem die Juden Rußlands sollten durch die Balfour Declaration positiv beeindruckt werden. Ihnen sollte dadurch demonstriert werden, daß es sich doch lohnte, im Krieg zu bleiben, denn die Realisierung des zionistischen Projekts hing ja nun direkt vom militärischen Erfolg Großbritanniens und seiner Verbündeten ab.

Hinzu kam ein weiteres Argument, das auch von zionistischer Seite unterstützt wurde: Schon seit längerem seien die Juden aufgrund ihrer spezifischen Situation in besonders hohem Maß ein vorantreibendes Element revolutionärer Unruhe. Die Orientierung auf den Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina werde dazu führen, die Köpfe und Herzen der jüdischen Massen weg von destruktivem Revolutionstreiben und hin zu konstruktiver Beschäftigung zu lenken. (Das Problem hatte in ähnlicher Weise schon Herzl beschäftigt. Siehe Abschnitt "Gründe des Antisemitismus" in seinem "Judenstaat".)

Ein bemerkenswerter Zufall in diesem Kontext: Die Balfour Declaration wurde am gleichen Tag veröffentlicht (9. November 1917), an dem die Zeitungen die ersten Meldungen über den Aufstand der Bolschewiki in Petrograd brachten. Im Sinne der Absicht also eindeutig zu spät.

Englisch-französische Konkurrenz

Die Balfour Declaration verfolgte aus britischer Sicht noch einen weiteren Zweck: Sich auf dem selbstlos klingenden Umweg über die "Fürsorge" für das jüdische Volk die Kontrolle über eine ebenso wichtige wie umstrittene Region zu sichern.

Seit etwa 1840 hatte England mit großem Mißtrauen französische Versuche verfolgt, sich im Nahen Osten (Syrien, Libanon) festzusetzen. Mit der Eröffnung des Suez-Kanals (1869), der anfangs zu über 80% von englischen Schiffen befahren wurde, und der Besetzung Ägyptens durch England (1882) verschärfte sich der Gegensatz noch. Ein Ergebnis war, daß die britische Regierung sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg für den Erhalt des Status Quo im Nahen Osten und die Stabilisierung der türkischen Vorherrschaft einsetzte.
Mit der Kriegserklärung an die Türkei (Oktober 1914) war klar, daß es an die Aufteilung des Imperiums gehen würde. Zu diesem Zweck begannen im Herbst 1915 französisch-britische Verhandlungen, die im Januar 1916 ein unterschriftsreifes Abkommen erbrachten, das schließlich im Mai 1916 ratifiziert wurde. Es ist unter dem Namen Sykes-Picot Agreement bekannt. Unter anderem sollte das südliche Mesopotamien (heute Irak) an Großbritannien gehen, während Frankreich die Küstengebiete des Libanon und Syriens erhalten sollte. Ein nicht exakt definierter "unabhängiger" arabischer Staat sollte gebildet werden, der aber auch in eine britische und eine französische "Einflußsphäre" aufgeteilt wurde.

Für das Gebiet Palästinas wurde vereinbart: Ein Streifen im Norden mit den Hafenstädten Akkon und Haifa sollte unter britische Kontrolle kommen. Der Rest sollte "internationalisiert" werden, worunter damals informell ein britisch-französisches Kondominium verstanden wurde.

Die Balfour Declaration, in Verbindung mit einem britischen Mandat über Palästina, war also auch ein elegantes Mittel, um in diesem Punkt das Abkommen mit Frankreich zu unterlaufen. Großbritannien konnte diesen Weg gehen, weil es bei Kriegsende Palästina militärisch besetzt hielt. Der entscheidende erste Durchbruch durch die türkische Palästina-Front erfolgte am 31. Oktober 1917 - dem gleichen Tag, an dem das britische Kriegskabinett die Balfour Declaration billigte.

Die von London aus tätigen zionistischen Führer, namentlich Chajm Weizmann, setzten sich mit großer Vehemenz und Konsequenz für das ausschließliche britische Mandat, gegen jede Form von "Internationalisierung", ein. Dahinter stand die Befürchtung, daß die Verlagerung des Mandats auf mehrere Träger (mit unterschiedlichen Interessen) zum Zerwürfnis und zu einer "vorzeitigen" Kündigung des Mandats führen könnte. Dann hätte die Gefahr bestanden, daß Palästina unter für die Juden noch sehr ungünstigen Bevölkerungsverhältnissen aufgeteilt oder gar ein arabischer Staat geworden wäre. Es galt in erster Linie Zeit zu gewinnen.

Der Zionismus wird mehrheitsfähig

Die praktischen Folgen der Balfour Declaration für Palästina erwiesen sich in den kommenden Jahren, vom zionistischen Standpunkt aus, als eher unbefriedigend. Enorm aber war die propagandistische Wirkung. Der Zionismus wurde zur stärksten und mit Abstand wichtigsten politischen und weltanschaulichen Strömung unter den Juden der Welt, wenn auch mit erheblichen Unterschieden von Land zu Land, sowie zum Mittelpunkt jüdischen Diskurses.

Bei diesem Umschwung spielte eine Rolle, daß die jüdische Kritik, auf die der Zionismus von Anfang an gestoßen war, oftmals nicht prinzipiell begründet war, sondern sich mehr von Erwägungen der Opportunität leiten ließ. Die Idee der Rückkehr nach Palästina und Neugründung Israels hatte als phantastisch, lächerlich, anachronistisch und absolut unrealisierbar gegolten. Wozu also für eine solche Idee den mühsam erkämpften eigenen Status aufs Spiel setzen und sich mit den Großmächten anlegen, von deren Wohlwollen man doch abhängig zu sein schien? Viele dieser Einwände brachen mit der Veröffentlichung der Balfour Declaration zusammen wie ein Kartenhaus. Das zionistische Projekt war von einem "Märchen" (Th. Herzl) zu einer völkerrechtlich anerkannten Realität und einem Teil jüdischen Lebens geworden, mit dem sich nun auch bisherige Kritiker des Zionismus einzurichten begannen.

Die Mitgliederzahl der Zionistischen Weltorganisation hatte 1907 bei 164.000, 1913 bei 217.000 gelegen. Zur Zeit des ersten Nachkriegskongresses (1921) aber war sie auf 856.000 angestiegen. Also eine sprunghafte Vervierfachung. (Es gab damals weltweit ungefähr 13 Millionen Juden.) - Im Vergleich damit stieg die Mitgliederzahl zwischen 1921 und 1939 nur relativ flach an, auf rund eine Million. Beim ersten Kongreß nach dem Zweiten Weltkrieg (1946) war dann allerdings wieder eine Verdoppelung festzustellen, auf 2,16 Millionen.
In Rußland waren schon in der ersten zaristischen Duma (Parlament) fünf der zwölf gewählten jüdischen Abgeordneten Zionisten gewesen. Organisatorisch entsprach die Stärke der russischen Zionisten in der Vorkriegszeit immerhin ungefähr der der sozialdemokratischen jüdischen Arbeiterorganisation Bund, war also schon damals für jüdisches Leben alles andere als marginal. Die Balfour Declaration, die mit Jubeldemonstrationen gefeiert wurde, machte den Zionismus kurzfristig zur hegemonialen Strömung unter den Juden Rußlands. Als kurz darauf die Delegierten für einen Allrussischen Jüdischen Kongreß gewählt wurden, der Anfang 1918 zusammentreten sollte, waren etwa 60% der Gewählten Zionisten. (Der Kongreß konnte oder durfte dann aber nicht mehr stattfinden.)

In Polen, wo neben den USA und Rußland/UdSSR der größte jüdische Bevölkerungsteil lebte, zeigte sich der wachsende Einfluß des Zionismus in den drei ersten Parlamentswahlen nach dem Krieg. Im dritten Sejm waren schließlich unter insgesamt 47 jüdischen Abgeordneten 32 Zionisten. Die Wende zur Diktatur und der verstärkte Einsatz des Antisemitismus machten dieser Form zionistischer Politik Ende der 20er Jahre ein Ende, aber die Zionisten blieben auf der Ebene der Landespolitik die führende Kraft, bis zur Vernichtung der Juden Polens durch Nazi-Deutschland.

Unterschiedlich wurde die Stärke der Zionisten in den USA interpretiert, je nach Interessiertheit. Das reichte in den Monaten November/Dezember 1917 von der Behauptung, die große Masse der amerikanischen Juden stehe in scharfer Opposition zu den zionistischen Führern, bis zur Gegenthese, die zionistische Bewegung repräsentiere 90% aller Juden der USA. Fakt ist, daß die Zionisten schon bei den Wahlen zum American Jewish Congress im Juni 1917 eine deutliche Mehrheit erhielten, und daß auch Meinungsumfragen dieser Zeit sie klar vorn in der jüdischen Gunst sahen.

In Großbritannien geriet bereits im Sommer 1917 zwar nicht unbedingt der Zionismus in die Mehrheit, aber die öffentliche Kritik am Zionismus in eine klare Minderheit unter den Juden - knapp unter den Etablierteren, umso deutlicher unter den Neueinwanderern aus Osteuropa. In den Beratungen des Kriegskabinetts zur Balfour Declaration im September/Oktober 1917 bezeugten der Oberrabbiner des Landes ebenso wie der Präsident des Board of Deputies, daß die Erklärung von der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Bevölkerung des Landes willkommen geheißen würde.

Problematischer blieb die innerjüdische Position der Zionisten nach dem Ersten Weltkrieg beispielsweise in Deutschland und in Frankreich. In Deutschland lag die Mitgliederzahl der Zionisten in der Weimarer Republik bei etwa 20.000. Das klingt nicht sehr bedeutend. Immerhin entsprach das etwa 4% aller Juden des Landes. Was das heißt, wird deutlich, wenn man sich für die BRD eine Organisation mit ungefähr drei Millionen zahlenden AnhängerInnen vorstellt.

Wie gründet man einen Staat?

max. hat im AK 329 (S. 15) seine Ansicht bekundet, "daß erst der Faschismus und die Vernichtung der europäischen Juden der Idee des jüdischen Nationalstaats (innerhalb der zionistischen Bewegung wie auch international) zum Durchbruch verhalf." - Dies beruht, soweit es die Stellung des Zionismus zum Nationalstaat angeht, auf einem Irrtum.

Die Zionisten haben von Anfang an von einem Staat gesprochen, der "so jüdisch sein sollte, wie England englisch ist". Die Balfour Declaration wurde in der gesamten internationalen Presse übereinstimmend als Schritt zu einem jüdischen Staat interpretiert, und das entsprach vollauf internen Äußerungen von Lord Rothschild, Chajm Weizmann und anderen Exponenten.

Indessen warf die Sache praktische und taktische Probleme auf, die sich gut mit den Worten Weizmanns wiedergeben lassen: "Staaten müssen langsam aufgebaut werden, schrittweise, systematisch und geduldig. Deshalb sagen wir, daß zwar die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens unser Endziel ist ..., aber daß der Weg dorthin über eine Reihe von Zwischenschritten führt. Und einer dieser Zwischenschritte, zu dem es meiner Hoffnung nach als Ergebnis dieses Krieges kommen wird, ist ..., daß Palästina von einer so starken und gerechten Macht wie Großbritannien beschützt wird. Unter den Flügeln dieser Macht werden die Juden in der Lage sein, einen Verwaltungsapparat zu entwickeln und in Gang zu setzen, der - ohne die legitimen Interessen der nichtjüdischen Bevölkerung zu beeinträchtigen -, uns befähigen wird, den zionistischen Plan auszuführen." - So Weizmann am 16. Mai 1917 auf einer zionistischen Konferenz in London.

Die Hauptprobleme liegen auf der Hand: Erstens mußte sich der Zionismus zwangsläufig der imperialen Interessen Großbritanniens bedienen, um überhaupt in Palästina Fuß fassen zu können. Mehr zu fordern als eine "Heimstätte" unter britischem Mandat wäre zu diesem Zeitpunkt absolut unrealistisch gewesen.
Zweitens: Die Juden waren in Palästina auf absehbare Zeit eine Minderheit, weniger als 15% zur Zeit der Balfour Declaration, und selbst bei der Gründung Israels (1948) kaum mehr als ein Drittel. Der Erste Weltkrieg hatte dem Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker, zu dessen Sprecher sich insbesondere der US-Präsident Wilson machte, großen Auftrieb gegeben. Staatliche Unabhängigkeit für Palästina plus Selbstbestimmungsrecht der Völker wäre in dieser Situation logisch und zwangsläufig auf einen arabischen Staat mit jüdischer Minderheit hinausgelaufen.

Gerade weil die Zionisten langfristig einen Staat in ganz Palästina anstrebten, mußte als Zwischenschritt das britische Mandat akzeptiert und das Endziel Staat zurückgestellt werden. Erst mußte eine jüdische Majorität im Lande oder zumindest in zusammenhängenden Landesteilen hergestellt werden; erst mußten im Schutz der Mandatsmacht eigenständige administrative und militärische Strukturen aufgebaut werden; danach konnte die Frage des Nationalstaats überhaupt erst auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Herzls "politischer Zionismus"

Als Reaktion auf zunehmenden Antisemitismus von Oben und Unten in den Hauptgebieten jüdischen Lebens - Rußland (incl. Polen), Österreich-Ungarn und Deutschland -, war seit etwa 1880 die zionistische Bewegung entstanden. Eine zunächst schmale Emigrationsbewegung nach Palästina hatte begonnen. Der polnisch-jüdische Autor Leon Pinsker hatte bereits in seiner 1882 erschienenen Schrift "Autoemanzipation" die wesentlichen Gedanken von Theodor Herzls "Judenstaat" (1896) vorweggenommen: Der Antisemitismus sei eine unheilbare, unaufhebbare Erbkrankheit aller Völker, der argumentativ nicht beizukommen sei. Das Hauptproblem sei die Anomalität der jüdischen Existenz, die sich aus dem Fehlen eines eigenen Landes ergebe. Die Juden müßten, so Pinsker, einen nationalen Kongreß einberufen und dann ein geeignetes Territorium für die Ansiedlung von mehreren Millionen Menschen erwerben, für das die Unterstützung der Großmächte gesichert werden müßte. - Herzl hat später geäußert, er hätte seinen "Judenstaat" vielleicht gar nicht geschrieben, wenn er vorher die Arbeit Pinskers gekannt hätte.

Der grundlegend neue Gedanke, den Herzl in den Zionismus einbrachte, war, daß "die jüdische Frage" nur im Kontext der Großmachtpolitik anzugehen und zu lösen sei. Nach Ansicht Herzls konnte, auf sich selbst gestellt, die Einwanderung nach Palästina langfristig nicht zum gewünschten Ergebnis führen, sondern war, solange sie unorganisiert und ungesichert verlief, eher problematisch, da sie den Widerstand der arabischen Bevölkerungsmehrheit mobilisieren würde. Die Juden bräuchten, so Herzl, als ersten Schritt eine international garantierte "Charta", die ihnen klare Rechte in Palästina sichern müßte. Erst danach erhalte auch die Einwanderung einen Sinn.

Herzls diplomatische Sondierungen ergaben jedoch, daß das türkische Regime auf der uneingeschränkten Herrschaft über Palästina bestand, und daß Deutschland als Verbündeter der Türkei keinen Druck zugunsten des zionistischen Projekts ausüben wollte. Danach zeichnete sich ab, daß Palästina nur im Kontext eines militärischen Konflikts zwischen den Großmächten eventuell zur Disposition stehen würde. Bis dahin mußten alle diplomatischen Bemühungen ins Leere laufen oder konnten bestenfalls die Stagnation überbrücken.
Aus dieser Situation entwickelte sich seit dem 6. Zionistischen Weltkongreß (1903) ein nicht sehr fruchtbarer Streit zwischen "politischen" und "praktischen" Zionisten, der definitiv erst auf dem 10. Kongreß (1911) mit dem Sowohl-als-auch der "synthetischen" Richtung endete: Den politischen Ansatz zwar grundsätzlich beibehalten, aber angesichts des Fehlens konkreter Möglichkeiten auf dieser Ebene die Einwanderung und die praktische Aufbauarbeit in Palästina vorantreiben.

Vorposten der Kultur gegen die Barbarei

Aus der Sicht Herzls konnte das zionistische Projekt nur realisiert werden, wenn es gelang, sich einer der interessierten Seiten als idealer Bündnispartner anzudienen: Entweder den Türken, die über Palästina herrschten. Oder den Deutschen, die als Seniorpartner der Türkei über einigen Einfluß in Konstantinopel verfügten. Oder Großbritannien, das am palästinensischen Vorfeld des geostrategisch wichtigen Suezkanals logische Interessen hatte.

Im "Judenstaat" hatte Herzl geschrieben: "Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gebe, könnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat im Zusammenhange bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müßte ...". (3)

Der erste Teil der Konstruktion macht deutlich, warum Herzl ursprünglich dem Familienrat der Rothschilds eine zentrale Rolle in seinen Plänen einräumen wollte. (Nachdem er dort mit seinen finanziellen Wünschen abgeblitzt war, bezeichnete Herzl allerdings das Haus Rothschild als "nationales Unglück für die Juden".)

Der zweite Teil der zitierten Sätze entsprach dem vorherrschenden rassistischen Denken der damaligen Epoche des Imperialismus: Europa gleich Zivilisa- tion, Asien gleich Barbarei. Richtig hatte Herzl erkannt, daß der von ihm projektierte "Judenstaat" nur zu realisieren und zu erhalten war, wenn er sich in aktiver Feindschaft zu seiner "asiatischen", "barbarischen", konkret gesprochen arabischen Umgebung definierte und explizit eine entsprechende Mission im Interesse der Großmächte (oder einzelner von ihnen) übernahm.

Denn Palästina und die benachbarte Region (Libanon, Syrien, Ägypten) waren seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts ein Brennpunkt imperialer Interessen und Widersprüche. Hier konkurrierte zunächst vor allem England - für das die Region ein zentraler und hochempfindli- cher Punkt der Kommunikationslinien mit Indien und seinen anderen asiatischen Kolonien und Interessen war - mit Frankreich. Später kamen die Ambitionen des Deutschen Reichs hinzu, das sich starke wirtschaftliche Positionen im türkischen Imperium zu verschaffen wußte. Auch Rußland war zumindest an der Peripherie der Region sehr interessiert. (Türkische Meerengen zum Schwarzen Meer, Konstantinopel, Persien, Afghanistan)

Ausgerechnet im Brennpunkt der widerstreitenden Interessen und im geographischen Mittelpunkt der arabischen Welt den vor 2000 Jahren untergegangenen Staat eines kleinen Volkes wiederentstehen zu lassen, das um 1900 weltweit etwa 10 Millionen Menschen zählte, von denen in Palästina kaum mehr als 50.000 lebten, war ein phantastisches Unterfangen. Losgelöst von den konkurrierenden imperialistischen Interessen und den rasch wechselnden Voraussetzungen der Weltpolitik wäre das Projekt "Judenstaat" nur eine schwärmerische Marotte geblieben. Nur eine bewußte und gezielte Einbettung in das Geflecht imperialistischer Interessen konnte das historisch beispiellose Projekt einer Realisierung näherbringen.

Anmerkungen:
1) Die Balfour Declaration lautet im englischen Original: "His Majesty's Government view with favour the establishment in Palestine of a national home for the Jewish people, and will use their best endeavours to facilitate the achievement of this object, it being clearly understood that nothing shall be done which may prejudice the civil and religious rights of existing non-Jewish comunities in Palestine, or the rights and political status enjoyed by Jews in any other country."
2) Englischer Originaltext des Entwurfs: "1. His Majesty's Government accepts the principle that Palestine should be reconstituted as the National Home of the Jewish people. - 2. His Majesty's Government will use its best endeavours to secure the achievement of this object and will discuss the necessary methods and means with the Zionist Organisation."
3) Die Idee, das religiöse Mysterium der Rückkehr des jüdischen Volks in sein Land Israel zu verknüpfen mit machtpolitischen Interessen Englands, war schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von zahlreichen, vorwiegend nichtjüdischen Autoren erörtert worden. Insofern ist Herzls Aussage in einem breiten Kontext zu sehen. In ähnlicher Weise hatte auch Moses Hess in seiner frühzionistischen Schrift "Rom und Jerusalem" (1862) die Sache behandelt, nur daß er den zu schaffenden jüdischen Staat in Palästina nicht mit den britischen, sondern mit den französischen Kolonialinteressen verbinden wollte.
Zwischen 1880 und 1914 reisten über 60.000 Juden in Palästina ein, meist aus Rußland, Galizien, Rumänien und Polen. Die Opfer von Verfolgung und Diskriminierung suchten ein neues Heimatland und eine neue Sicherheit unter türkischer Herrschaft. Viele siedelten auf Ödland, Sanddünen und Malaria- Sümpfen, die sie trockenlegten, bewässerten und bebauten. 1909 gründete eine Gruppe Juden die erste völlig jüdische Stadt, Tel Aviv, auf den Sandhügeln nördlich von Jaffa. Die Juden erwarben ihr Land stückweise von Europäern, Türken und (hauptsächlich) arabischen Grundbesitzern, meist zu extrem hohen Preisen.
JÜDISCHE SIEDLUNGEN IN PALÄSTINA 1880-1914 UNGEFÄHRE BEVÖLKERUNGSANZAHL
1880: 470.000 Araber, 24.000 Juden
1914: 500.000 Araber 90.000Juden
Zwischen 1880 und 1903 kamen über 25.000 Juden, meist aus Rußland, in Palästina an und siedelten in dem Land. Zwischen 1904 und 1914 kamen weitere 40.000 Juden aus Osteuropa, viele von ihnen arbeiteten als Lohnarbeiter sowohl auf dem Land wie in der Stadt. Diese "zweite" Alija bildete die ersten jüdischen Parteien in Palästina und schuf die Grundlagen für eine hebräische Presse und moderne hebräische Literatur.

Knut Mellenthin

analyse & kritik, 6. Mai 1991