KNUT MELLENTHIN

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Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Auf den seit 1967 besetzten syrischen Golan-Höhen proben Israels Streitkräfte für den nächsten Krieg. In der ersten Juli-Woche fand dort das größte Manöver der letzten Jahre statt. Geübt wurde vor allem der verbundene Einsatz von Panzern und Infanterie gegen Gegner, die über wirkungsvolle Panzerabwehr-Raketen verfügen. "Wir trainieren für jedes mögliche Szenario: Syrien, Hisbollah, Hamas im Gaza-Streifen und Terrororganisationen auf der Westbank", zitierte die israelische Tageszeitung Haaretz am 5. Juli einen Offizier.

Die Golan-Höhen sind seit dem 34tägigen Libanonkrieg vom Juli-August 2006 zum wichtigsten Manövergebiet der israelischen Streitkräfte geworden. Im Vordergrund stehen dabei Reserve-Übungen. Deren Zahl und Umfang hat in den vergangenen zwölf Monate "dramatisch zugenommen", wie Haaretz schreibt. Denn die mangelnde Ausbildung, Erfahrung und Motivation der Reservisten, die einen entscheidenden Faktor der israelischen Armee bilden, gilt als einer der Hauptgründe für das militärische Versagen der Bodentruppen im Libanonkrieg. Auch die Ausrüstung der Truppen wurde seither wesentlich verbessert, alle militärischen Planungen für den "Ernstfall" wurden intensiv überarbeitet.

Der Feldzug des vorigen Sommers im Südlibanon gilt vielen als erste Niederlage, die die israelischen Streitkräfte (IDF) jemals in ihrer Geschichte erlitten haben. Diese Einschätzung ist allerdings zu relativieren, da Israel sehr viel weniger Soldaten einsetzte als beispielsweise im Libanonkrieg des Jahres 1982, der mit dem Abzug der PLO aus Beirut endete. Aber dass der Ruf der "Unschlagbarkeit" der IDF international sehr gelitten hat, ist gar nicht zu bestreiten. Daraus ergibt sich ein Bedürfnis vieler israelischer Militärs und Politiker, die Scharte bei nächster Gelegenheit wieder auszuwetzen. Ob die Armee aber schon in diesem Jahr so weit ist, es auf eine neue Kraftprobe ankommen zu lassen, ist ungewiss.

Ebenso ungewiss ist, wer der nächste Gegner sein soll. Die ständigen Manöver auf den Golan-Höhen setzen scharfe Drohsignale in Richtung Syrien. In Teilen der israelischen Militär- und Geheimdienstkreise wird seit Monaten über angebliche syrische Angriffspläne phantasiert. Angesichts des Kräfteverhältnisses sind solche Gerüchte völlig absurd, und die vorherrschende Meinung in Israel ist, dass die Regierung in Damaskus gegenwärtig keine kriegerischen Absichten hat. Wohl aber bereite sich Syrien auf einen Krieg vor, heißt es in Israel. Das dürfte stimmen und ist angesichts des israelischen Verhaltens eine ganz normale, voraussehbare und vermutlich auch gewollte Reaktion.

Auch die Situation im Libanon birgt Gefahren einer neuen militärischen Konfrontation. Dass die Hisbollah ihre im Krieg des Vorjahres erlittenen materiellen Verluste inzwischen wettgemacht und ihre Kampfkraft weitgehend wiederhergestellt hat, kann als Tatsache unterstellt werden. Was vorab aus einem UNO-Bericht bekannt wurde, der am 16. Juli im UNO-Sicherheitsrat diskutiert werden soll, bestätigt diese Einschätzung. Es wird vermutet, dass die USA mit Unterstützung der Europäischen Union dann fordern werden, Truppen der UNO-Blauhelm-Mission UNFIL auch an der Grenze zu Syrien zu stationieren, um das Einschmuggeln von Waffen zu verhindern.

Etwa gleichzeitig, zwischen 15. und 17. Juli, soll die Internationale Kommission, die die Ermordung des früheren libanesischen Regierungschefs Rafik Hariri untersucht, dem UNO-Sicherheitsrat ihren nächsten Bericht vorlegen. Es sind, wie schon in der Vergangenheit, schwerwiegende, aber unbewiesene Vorwürfe gegen Teile der syrischen Sicherheitskräfte zu erwarten.

Seit November 2006 befindet sich Libanon in einer unlösbar scheinenden politischen Krise. Damals verließen sechs Minister, unter ihnen fünf Schiiten, die vom pro-westlichen Ministerpräsidenten Siniora geführte Koalitionsregierung. Seither hat der Oppositionsblock, dem außer Hisbollah auch die gleichfalls schiitische Amal-Partei und christliche Kräfte um den früheren Präsidenten Michel Aoun angehören, vergeblich versucht, ein Abkommen mit der Regierung über eine Neuverteilung der Macht zu erzwingen. Zur Zeit gibt es Gerüchte, dass die Opposition sich zur Bildung einer Gegenregierung entschließen könnte. Syrien hat, auch das ein Zeichen der instabilen, vielleicht kriegsträchtigen Situation im Nachbarland, Studenten und Arbeiter, die sich im Libanon aufhalten, zur raschen Rückkehr aufgefordert.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 12. Juli 2007