KNUT MELLENTHIN

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BND-Informant packt aus

Der unter dem Namen „Curveball“ bekannt gewordene Iraker, auf dessen Behauptungen sich die US-Regierung zur Rechtfertigung ihres Krieges stützte, hat erstmals ausführlich zu den damaligen Vorgängen Stellung genommen. In zweitägigen Gesprächen mit dem Guardian erklärte Rafid Ahmed Alwan al-Janabi, dass er heute stolz sei, mit seinen Lügen den Sturz Saddam Husseins möglich gemacht zu haben. Die Journalisten der britischen Tageszeitung trafen Janabi in Deutschland, wo der Iraker seit Herbst 1999 lebt. Die meiste Zeit hielt der deutsche Auslandsgeheimdienst BND seine schützende Hand über ihn. Im Jahr 2008 bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft, obwohl damals schon das ganze Ausmaß seiner Lügen bekannt war.

Als Janabi 1999 in Deutschland auftauchte und um Asyl bat, geriet er umgehend an den BND, der routinemäßig alle Flüchtlinge aus dem Irak verhörte und auf Anwerbemöglichkeiten prüfte. Da er als Chemie-Ingenieur in einem wichtigen Betrieb gearbeitet hatte, kümmerte sich sehr schnell ein Spezialist intensiv um ihn. Innerhalb weniger Wochen wurde sein Asylantrag positiv entschieden. Janabi erfand die mobilen Produktionsstätten für chemische und bakteriologische Waffen, durch die es Saddam Hussein angeblich gelungen war, seine Massenvernichtungsmittel vor den internationalen Inspektoren versteckt zu halten. Er dachte sich auch einen schweren Unfall mit zwölf Toten in einer angeblichen Fabrik für biologische Waffen aus, der sich 1998 ereignet habe. Er behauptete sogar, damals selbst dort gearbeitet zu haben – obwohl er zu dieser Zeit schon gar nicht mehr im Irak lebte und immer noch unbekannt ist, wo er sich zwischen seiner Flucht und seinem Auftauchen in Deutschland aufgehalten hat.

Gegenüber dem Guardian sagte Janabi jetzt, der BND sei schon Mitte 2000 dahintergekommen, dass die Geschichte mit den mobilen Werkstätten nicht stimmte. Damals hatten die Deutschen nämlich Gelegenheit, in Dubai mit dem früheren Vorgesetzten Janabis, Dr. Bassil Latif, zu sprechen, der sich gleichfalls aus dem Irak abgesetzt hatte. Dieser widersprach Janabis Behauptungen entschieden. Darauf brach der BND den Kontakt zu seinem Informanten ab. Dass der Dienst Janabi mehr als ein Jahr lang „abgeschaltet“ hatte, erwähnte der Spiegel schon am 22. März 2008 in einer langen Hintergrundgeschichte. Anscheinend kannte das Magazin aber damals den Grund noch nicht oder wollte ihn nicht nennen.

Als immer klarer wurde, dass die US-Regierung auf Krieg zusteuerte, besann sich der BND auf seine alte „Quelle“ und nahm im Mai 2002 wieder Verbindung zu Janabi auf. Gegenüber dem Guardian behauptete der Iraker jetzt, der deutsche Geheimdienst habe ihm damals gedroht, wenn er nicht „kooperiere“, werde man seine in Spanien lebende marokkanische Frau nicht nach Deutschland einreisen lassen, sondern dafür sorgen, dass sie in ihre Heimat abgeschoben werde. Janabis Aussagen wurden dann zum Herzstück der Präsentation, mit der US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 vor die UNO trat. Der Iraker behauptet jetzt, er habe damals erschrocken beim BND protestiert, weil die Deutschen ihm fest versprochen hatten, seine Aussagen nicht an andere Staaten weiterzugeben. Daraufhin sei er rund 90 Tage lang unter Hausarrest gestellt worden und habe mit niemand sprechen dürfen.

Der BND berief sich später darauf, er habe die Angaben seines Informaten mit dem Vermerk an die USA weitergegeben, dass diese „plausibel und glaubhaft“ seien, aber nicht durch andere Quellen bestätigt werden konnten. Für das Weitere trage man daher keine Verantwortung. Bitten amerikanischer Stellen, selbst mit „Curveball“ sprechen zu können, wurden von den Deutschen abgeschmettert. Erst 2004 erhielt die CIA erstmals Zugang zu Janabi.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 17. Februar 2011