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Gezieltes Gerücht

Israel greift türkischen Geheimdienstchef als angeblichen Freund Irans an.

Die türkische Regierung soll dem Iran die Identität mehrerer Personen verraten haben, die als Spione für Israel gearbeitet hatten. In Wirklichkeit steckt hinter dem völlig unbewiesenen Vorwurf offenbar ein Angriff auf den türkischen Geheimdienstchef und auf die enge Kooperation zwischen Washington und Ankara.

Die Behauptung vom Agentenverrat tauchte erstmals am 17. Oktober in der Washington Post auf. Der Autor David Ignatius ist regelmäßiger Kolumnist des Blattes, das sich oft als Waschanlage für   Wünsche und Hinweise der israelischen Regierung und ihrer Geheimdienste betätigt. Ignatius sei „gewöhnlich gut unterrichtet“, rühmte die FAZ sofort nach Erscheinen seines Artikels. Das heißt in diesem Metier aber nur, dass der betreffende Journalist keine Skrupel hat, ihm von befreundeten Diensten zugespieltes Material zu veröffentlichen, von dem definitiv feststeht, dass er seinen Wahrheitsgehalt nicht überprüfen kann.

Ignatius selbst wies in seinem Text darauf hin, dass der von ihm behauptete Vorgang „hier zum ersten Mal enthüllt wird“. Das ist seltsam, da er sich schon Anfang 2012 zugetragen haben soll. Damals habe die türkische Regierung dem iranischen Geheimdienst die Identität von „bis zu zehn“ Iranern mitgeteilt, die sich zuvor mit ihren Betreuern vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad in der Türkei getroffen hätten. Nicht explizit ausgesprochen, sondern süffisant zwischen den Zeilen lässt Ignatius durchblicken, dass der türkische Geheimdienstchef Hakan Fidan an der Aktion beteiligt gewesen sei. Israelische Geheimdienstoffiziere hätten Fidan schon „vor mehreren Jahren“ gegenüber CIA-Vertretern als „Stationschef des MOIS – des iranischen Geheimdienstes – in Ankara“ bezeichnet. Für seine gesamte Darstellung beruft sich der Kolumnist nur auf nicht näher bezeichnete „eingeweihte Quellen“ - die schwächste Grundlage, die im Journalismus möglich ist.

Schon eine Woche vor Ignatius hatte das neokonservative Wall Street Journal am 10. Oktober einen außergewöhnlich umfangreichen Artikel mit Vorwürfen gegen den türkischen Geheimdienstchef  veröffentlicht. Was dort allerdings völlig gefehlt hatte, war die Geschichte vom angeblichen Agentenverrat. Neben den Fidan unterstellten engen Beziehungen zum Iran ging es im Wall Street Journal hauptsächlich um angebliche Differenzen zwischen den USA und der Türkei hinsichtlich der Unterstützung der syrischen Rebellen. Fidan sei dafür verantwortlich, dass durch die Türkei „unterschiedslos Waffen und Kämpfer nach Syrien und manchmal an die falschen Rebellen, einschließlich anti-westlicher Dschihadisten, fließen“. Zu der Behauptung, der türkische Geheimdienstchef vertrete die Interessen Irans, will diese Anschuldigung allerdings nicht recht passen.

Die Kampagne gegen Fidan hat eine längere Vorgeschichte. Nur zehn Tage, nachdem er offiziell sein Amt angetreten hatte, schrieb Amir Oren am 7. Juni 2010 in der israelischen Tageszeitung Ha'aretz: „Israel ist besorgt über die Verteidigung Irans durch den neuen Geheimdienstchef der Türkei.“ - Vor allem für zwei Vorgänge wurde Fidan damals von israelischer Seite verantwortlich gemacht:  Am 31. Mai 2010 war das Hilfsschiff Mavi Marmara auf dem Weg nach Gaza in internationalen Gewässern von der israelischen Marine gestürmt worden, wobei neun türkische Staatsbürger getötet wurden. Kurz zuvor hatte der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan am 17. Mai 2010 in Teheran gemeinsam mit den Präsidenten Irans und Brasiliens, Mahmud Ahmadinedschad und Luiz Inácio Lula da Silva einen Vorschlag präsentiert, der schon damals zu einer diplomatischen Lösung des Atomstreits hätte führen können. Fidan, der zuvor türkischer Vertreter bei der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA war, sei an der Einfädelung dieses  Coups maßgeblich beteiligt gewesen, behauptete Oren.

Die türkische Regierung hat die „Enthüllungen“ von Ignatius sofort als völlig unwahr und Teil einer israelischen Kampagne zurückgewiesen. Fakt ist, dass die Türkei am 2. September 2011 die Beziehungen zu Israel nahezu vollständig abbrach. Damit wurde auch die militärische und geheimdienstliche Zusammenarbeit eingestellt. Schon für die Zeit davor ist aber nicht ernsthaft anzunehmen, dass Israel die Türkei über die Identität seiner Agenten und Spione im Iran informiert hätte.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 23. Oktober 2013