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Anonyme Gläubige

Der pakistanische Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) finanziert und lenkt den bewaffneten Widerstand gegen die NATO-Truppen in Afghanistan. Er gibt den Taliban ganz genau ihre Ziele vor, organisiert Anschläge gegen die Nachschubwege der NATO und Angriffe auf wichtige Infrastrukturprojekte, lässt Stammesälteste, Ärzte und Lehrer ermorden. So steht es in einem „Diskussionspapier“, das die London School of Economics am Sonntag veröffentlichte. Der mit „The Sun in the Sky“ (Die Sonne am Himmel) betitelte Text ist auch im Internet zu finden.

Die meisten Vorwürfe sind alt und haben zumindest einen wahren Kern: Der ISI hat in den 1980er Jahren gemeinsam mit der CIA der USA den Kampf der afghanischen Mudschaheddin gegen die sowjetische Militärintervention mit Waffen, Nachschubgütern und Geld unterstützt. Der ISI hat Anfang der 1990er Jahre auch bei der Formierung und beim Aufstieg der Taliban mitgeholfen. Wie weit daran ebenfalls die CIA und andere US-amerikanische Stellen beteiligt waren, ist nicht genau bekannt.

Gerüchte, dass der ISI sowie Armee- und Regierungskreise Pakistans weiterhin mit den Taliban zusammenarbeiten, gibt es immer wieder von Zeit zu Zeit. Auch die afghanische Regierung bedient sich gern dieser Behauptung, um ihr eigenes Versagen zu rechtfertigen. Waldman hat die zahllosen Gerüchte nun „wissenschaftlich durchdrungen“, wie Spiegel Online sich am Sonntag ausdrückte,.

Weit ist es mit der Wissenschaftlichkeit indessen nicht her. Zwar behauptet Waldman, er habe für seine Untersuchung zwischen Februar und Mai 2010 Gespräche mit sechs Taliban-Kommandeuren, sechs ehemaligen Taliban-Ministern, zwei früheren Botschaftern der Taliban-Regierung, 22 Stammesführern, Politikern und Analysten sowie 13 ausländischen Diplomaten, Experten und Sicherheitsbeamten geführt. Seine Ergebnisse habe er zwei ranghohen westlichen Sicherheitsbeamten vorgelegt, die seinen Schlussfolgerungen im Wesentlichen zugestimmt hätten. Aber fast alle Zeugen, deren angebliche Aussagen Waldman anführt, sind namenlos. „Aus Sicherheitsgründen“, wie der Autor erklärt.

Die Studie hat einen weiteren Schönheitsfehler: Ihr wichtigstes Wort ist „believe“, glauben. Die meisten von Waldman zitierten Gesprächspartner haben ihm fast ausschließlich nicht etwa eigene Wahrnehmungen und Erkenntnisse mitgeteilt, sondern nur bloße Vermutungen. Es blieb einschlägigen neokonservativen Medien wie der Londoner Sunday Times überlassen, den von Waldman berichteten Spekulationen den Rang von Tatsachen zu verleihen.

Unklar bleiben die Voraussetzungen, unter denen sich Waldmann drei bis vier Monate lang quer durch Afghanistan bewegen und in Aufstandszentren wie Kandahar mit angeblichen Taliban-Kommandeuren sprechen konnte. Ohne enge Zusammenarbeit mit hohen NATO-Stellen und den Interventionstruppen vor Ort wird es dabei kaum abgegangen sein. Entstanden ist ein Papier, das dem Wunsch der US-Regierung nach Material zur Erpressung Pakistans sehr entgegenkommt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 14. Juni 2010