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Blackwaters Geheimaktivitäten in Pakistan

Pakistans Innenminister Rehman Malik will zurücktreten, falls sich bewahrheiten sollte, dass die aus dem Irak berüchtigte Söldnerfirma Blackwater, die sich inzwischen Xe Services nennt, irgendwo in seinem Land aktiv ist. Das kündigte der unpopuläre Politiker, der mit der Ermordung von Benazir Bhutto in Zusammenhang gebracht wurde, am 21. November an. Jetzt könnte er in die Verlegenheit kommen, sein Versprechen einlösen zu müssen. Denn in einem umfangreichen Artikel für das Magazin The Nation hat Jeremy Scahill bisher unbekannte Details über die verdeckte Tätigkeit der Blackwater-Nachfolger in Pakistan zusammengefasst.

Es geht dabei nicht um irgendeinen Autor und irgendeine Zeitschrift. The Nation, 1865 gegründet, ist die älteste noch existierende Wochenzeitung der Vereinigten Staaten und bezeichnet sich gelegentlich gern als „Flaggschiff der Linken“. Der 45jährige Scahill ist schon seit Jahren ein angesehener Journalist und hat vor zwei Jahren das vermutlich wichtigste Buch über die Söldnerfirma geschrieben: „Blackwater: The Rise of the World's Most Powerful Mercenary Army“. Deutscher Titel: „Der Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt“.

Pakistanische Medien berichten fast täglich über das provozierende Auftreten bewaffneter US-Amerikaner, bei denen es sich allem Anschein nach um Angestellte sogenannter Sicherheitsfirmen handelt. In den vorigen Wochen beschuldigte ein Taliban-Sprecher die Blackwater-Nachfolger, hinter mehreren Bombenanschlägen auf Märkte in Nordwestpakistan zu stecken, bei denen insgesamt über 200 Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder, getötet wurden. Die westliche Presse berichtet darüber selten – und dann zumeist tendenziös und unqualifiziert. Bei Spiegel Online versuchte zuletzt der Redakteur Yassin Musharbash am 17. November, das Thema lächerlich zu machen. Motto: Die Pakistanis spinnen. Alles blöde Verschwörungstheorien.

Die US-amerikanische Botschafterin in Islamabad, Anne Patterson, die gelegentlich pakistanische Medien dazu bringt, unerwünschte Artikel zurückzuziehen, behauptete im September kategorisch: „Blackwater ist nicht in Pakistan aktiv“. Von einem Unternehmenssprecher erhielt Scahill bei seinen Recherchen eine nur wenig abweichende Antwort: „Xe Services hat nur einen einzigen Angestellten in Pakistan, und der macht Bauaufsicht für die US-Regierung.“

Nach Gesprächen mit einer – namentlich nicht genannten - „gut plazierten Quelle im militärischen Geheimdienstapparat der USA“ und einem früheren leitenden Blackwater-Angestellten sowie eigenen Recherchen ist Scahill jedoch zu einem ganz anderen Lagebild gekommen. Blackwater arbeite in Pakistan allerdings nicht unter eigenem Namen und auch nicht als Xe Services, da beide Bezeichnungen dort einen äußerst schlechten Ruf haben. Die Tätigkeit des Söldnerunternehmens werde hauptsächlich über die US-Firma Total Intelligence Solution (TIS) abgewickelt, die ebenso wie Blackwater zur Prince-Gruppe gehört. Deren Gründer und Alleinbesitzer Erik Prince ist nach Aussagen früherer Angestellter vor einem US-Gericht ein Kreuzzugsfanatiker, der die Moslems und den Islam ausrotten will.

Nach Scahills Recherchen arbeitet die Prince-Gruppe in Pakistan hauptsächlich für den US-Geheimdienst CIA, für das Joint Special Operations Command (JSOC), das die geheimen Spezialeinheiten der US-Streitkräfte leitet, und für die pakistanische Regierung. In der südpakistanischen Hafenstadt Karatschi, der bevölkerungsreichsten Metropole des Landes, gebe es einen geheimen Stützpunkt des JSOC, in dem auch eine „Eliteabteilung“ von Blackwater tätig sei. Diese Zusammenarbeit reiche bis in das Jahr 2007 zurück.

Die Aufgabe der Blackwater-Leute in Karatschi besteht laut Scahill unter anderem darin, für die CIA und das JSOC Drohnenangriffe und Kommando-Operationen zur Ermordung angeblicher Taliban- und Al-Kaida-Mitglieder zu planen. Diese werden dann von verdeckt arbeitenden US-Spezialeinheiten durchgeführt. Für Drohnenangriffe auf pakistanische Ziele ist offiziell ausschließlich die CIA zuständig. Scahills Informanten gehen aber davon aus, dass in Wirklichkeit hinter der Hälfte dieser Aktionen das JSOC steckt. (Siehe Keller)

Ebenfalls von Karatschi aus plant Blackwater nach Aussagen von Scahills militärischer Quelle verdeckte „Missionen“ von US-Spezialeinheiten im zentralasiatischen Usbekistan.

Blackwater arbeite außerdem über einen Untervertrag für das pakistanische Beratungsunternehmen Kestral Logistics, schreibt Scahill. Nach den Angaben auf ihrer Website hat die auch in Kanada, Malaysia, Großbritannien, Frankreich und Dubai tätige Firma nur 350 Angestellte. Kestral, zu deren wichtigsten Kunden die pakistanischen Streitkräfte gehören, ist also eher ein Verwaltungsapparat als ein Dienstleistungsunternehmen. Zugleich ist sie offenbar der „einheimische“ Mantel für einen Teil der Blackwater-Tätigkeiten in Pakistan. Beispielsweise führt das US-Unternehmen im Auftrag von Kestral die Überwachung von Konvoys durch, die NATO-Nachschub von Karatschi nach Afghanistan transportieren. Ebenfalls über Kestral ist Blackwater nach den Erkenntnissen Scahills auch in beratender Funktion an den Militäroperationen der pakistanischen Sicherheitskräfte in der Nordwestprovinz und den sogenannten „Stammesgebieten“ beteiligt.

„Wir setzen Kontraktfirmen für Dinge ein, die in der Vergangenheit als Verletzung der Genfer Konvention gegolten hätten“, zitiert Scahill den ehemaligen Oberstleutnant Jeffrey Addicott, der jetzt ein Institut für „Terrorismus-Recht“ in Texas leitet.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 26. November 2009