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Pakistan: Stopp des NATO-Nachschubs bald wieder vorbei?

Mindestens fünf Menschen wurden am Donnerstag im nordwestpakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan durch Raketen eines unbemannten Flugkörpers getötet. Eine Rakete traf ein Fahrzeug im Bezirk Südwasiristan und tötete die Insassen. Zwei weitere Raketen zerstörten ein leeres Haus in der Nähe.

Nach einer Statistik des pakistanischen Innenministeriums wurden von Januar bis Oktober bei 30 Drohnen-Angriffen und zwei Bodenoperationen der USA 355 Menschen getötet und 248 verletzt. Unter den Todesopfern waren 301 Zivilisten, 36 mutmaßliche Aufständische sowie 18 Angehörige der Sicherheitskräfte.

Ebenfalls am Donnerstag erklärte der Verwaltungschef des Khyber-Bezirks (Nordwestpakistan), Tariq Hajat, dass die Lage dort sich nach zweitägigen Militäroperationen normalisiert habe. Die durch den Bezirk verlaufende Straße zum Khyber-Pass, über die 75 Prozent des NATO-Nachschubs nach Afghanistan transportiert wird, werde schon in wenigen Tagen wieder geöffnet.

Hajat hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass wegen einer „gigantischen“ Offensive der NATO-Nachschub auf unbegrenzte Zeit gestoppt worden sei, „bis wir das Gebiet von Aufständischen und Verbrechern gesäubert haben“.

Dieses Ziel können die Militäraktionen, die sich bisher auf einen der drei Distrikte des Bezirks beschränken, in nur zwei Tagen keinesfalls erreicht haben. Das legt den Verdacht nahe, dass die Unterbrechung des Nachschubs nur ein kurzzeitiges Warnsignal der pakistanischen Regierung an Washington und die Offensive nicht viel mehr als ein Vorwand war.

Pakistanischen Pressemeldungen zufolge bestanden die Militäraktionen bisher im Wesentlichen darin, im Distrikt Jamrud die Häuser von Stammesältesten der Kukikhel zu zerstören. Angeblich hatten Angehörige des Stammes Aufständischen Unterschlupf und Nahrung gewährt. Grundlage dieses häufig angewendeten Verfahrens ist ein nur für die Nordwest-Grenzprovinz geltendes Sondergesetz, das ausdrücklich die Anwendung von Kollektivstrafen erlaubt. Seine Grundlagen stammen noch aus der britischen Kolonialzeit. Ähnlichkeiten mit dem Vorgehen der israelischen Streitkräfte in den besetzten Palästinensergebieten sind daher kein Zufall, denn auch dieses geht auf die frühere Mandatsmacht Großbritannien zurück.

Nach Angaben von Bezirkschef Hajat wurden bisher 18 Häuser „von örtlichen Talibanführern und ihren Unterstützern“ sowie 14 Lager der Aufständischen zerstört. Mindestens 40 „Verdächtige“ seien festgenommen worden.

Die Kukikhel galten in der Vergangenheit als regierungsloyal, wenn auch stark in den Schmuggel verstrickt. Im Frühjahr 2008 führten sie verlustreiche Kämpfe mit der Laschkar-i-Islam, eine der größten fundamentalistischen Kampforganisationen Pakistans. Im Oktober verscherzten sie sich aber offenbar das Wohlwollen der Regierung, als sie deren Befehl nicht befolgten, eine Miliz zum Kampf gegen die „pakistanischen Taliban“ aufzustellen. Solche angeblichen „Stammesmilizen“ dienen der Regierung in Islamabad und ihren amerikanischen Verbündeten vor allem zu Propagandazwecken: Sie sollen beweisen, dass sich die einheimische Bevölkerung selbst gegen die „Taliban“ zur Wehr setzt. In der Realität wird die Aufstellung solchen Truppen oft durch Drohungen mit Bombardierungen, Niederbrennen von Dörfern und Vertreibung erzwungen.

Knut Mellenthin

Erweiterte Fassung eines am 2. Januar 2009 in der Jungen Welt erschienenen Artikels