Funktionen für die Darstellung

Darstellung:
  • Standard.
  • Aktuelle Einstellung: Druckansicht.

Seitenpfad

Wo sind die Kinderschützer geblieben?

Ertrunken in Krokodilstränen

Was haben Sie am 26. Juni 2000 gemacht? Wenn Derrick so etwas wissen möchte, fragt man sich immer, wie um Gottes Willen sich irgendein Mensch an bestimmte Daten erinnern soll.
Doch dieser Tag war Kriegsbeginn, so etwas vergisst man nicht.

Nun ist es fast ein Jahr her, dass mein Mann mich anrief, die frische dpa-Meldung in den Händen: "In Wilhelmsburg ist ein Kind von Hunden getötet worden." Wir wussten damals beide, was das bedeuten würde. Schließlich hatten wir schon monatelang zur tendenziösen Medienpolitik gegen "Kampfhunde" gearbeitet.  

Nun ist es fast ein Jahr her, dass der schreckliche Tod eines kleinen Jungen Bataillone von selbsternannten "Menschenschützern" aufmarschieren ließ. Ganze Hundertschaften Journalisten begleiteten die aufkeimende Pogromstimmung in Hamburgs Problemstadtteil Wilhelmsburg an diesem Sommerabend mit unverhohlener Sympathie: "Heute Nacht trauen sich die Hundebesitzer in Wilhelmsburg nicht mehr auf die Straße. Vielleicht ist das ein Anfang."
Dem fröstelnd-erregten N3-Reporter war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht einmal bewusst , wie sehr er mit dieser Einschätzung Recht behalten sollte.

Die Verordnungen haben tausende von Hunden und ihre Halter ins Unglück gestürzt. Tiere werden pauschal zu "Killern" gestempelt, und ihren Menschen wird ohne Ansehen der Person und des tatsächlichen Verhaltens Verantwortungslosigkeit bis hin zu erhöhter Aggressionsneigung unterstellt.
Und das alles aufgrund von absolut unwissenschaftlichen "Vermutungen" über die genetische Gefährlichkeit bestimmter Hunderassen.

Niemanden interessiert, dass es genetisch nicht einmal möglich ist, eine Dogge vom Chihuahua zu unterscheiden. Niemanden interessieren die Aussagen und Proteste  der Experten (z.B. Tierärzte und Ethologen), die bestätigen, dass es keine wissenschaftlichen oder praktischen Anhaltspunkte oder gar Beweise für eine rassespezifische Gefährlichkeit bei Hunden gibt.
In den Behörden triumphiert das "gesunde Volksempfinden". Die willkürlich erstellten Rasselisten wurden von Amtsstube zu Amtsstube weitergereicht und inklusive Schreibfehlern übernommen.

Mit dem am 20. April diesen Jahres verabschiedeten "Gesetz zur Bekämpfung gefährlicher Hunde" werden nun erstmals sogar per Bundesgesetz elementare Grundrechte unserer Verfassung für unbescholtene Bürger eingeschränkt. Grundrechte, die weiterhin jedem Schwerkriminellen zustehen - nur eben Hundehaltern nicht.
Wer daran nicht einfach verzweifelt, sondern versucht, die gesellschaftliche Gefahr zu bekämpfen, die gerade in Deutschland Gedanken wie "Ausrottung" nun einmal innewohnt, der bekommt ein kafkaeskes Lehrstück vorgeführt.

Angeblich sind nämlich nicht etwa pauschalisierende Vorurteile und Vorverurteilungen oder gar negative Aussagen zum Lebenswert von Tier und Mensch undemokratisch, sondern der Protest dagegen. Und eigentlich doch überhaupt Hund und Halter selbst.
Jeder weiß doch schließlich, dass Hitler einen Hund hatte, den er abgöttisch liebte, während er sich dranmachte, 6 Millionen Menschen zu vernichten.

Also ist doch wohl logisch, dass alle Menschen, die Hunde lieben... ?
Irgendwie unlogisch (aber vielleicht geradezu zwingend?) ist hingegen, dass ausgerechnet die Artgenossen von Hitlers "Blondie", die Deutschen Schäferhunde, auf keiner inländischen Rassenliste zu finden sind.
Und ist es nun logisch oder nur "unsensibel" und ein Anlass für alle Geschichtslehrer, über den Nutzen ihres Wirkens nachzudenken, wenn ein Bundesgesetz, das erstmals das Grundgesetz aushebelt, ausgerechnet am 20. April ("Führers Geburtstag") verabschiedet wird?

Aber zurück zur (neu)deutschen Logik: Der "alternativen" taz zumindest scheint es (in unangreifbar satirischer Form natürlich!) sogar folgerichtig, dass auch die Hunde selbst als direkte Nachfahren der SS anzusehen sind. "Einer aus unseren Kampfstaffeln, ein besonders schneidiger Pitbullbursche, beißt in Hamburg-Wilhelmsburg ein sechsjähriges Kind namens Volkan tot! Geil!! Jetzt gehts lo-hoos! Ob Welpe, Türkenbalg oder Jude - wir zerreißen alles, wo kein reinrassiges Pitbull-, Mastino- oder Staffordshireblut drin rauscht. Obwohl: Manchmal machen wir sogar die eigenen Kameraden tot! Nämlich wenn sie schwächer sind als wir. Muss sein." (taz, 31. 12. 00)

So ein Dreck ist übrigens erlaubt und gerichtlich als "Freiheit der Kunst" bestätigt.

Apropos Kunst: Hitler war im Übrigen auch Hobby-Kunstmaler, Vegetarier und Frauenfreund. Schlechte Zeiten also für heterosexuelle, pinselschwingende Müsli-Esser? Heutzutage ist doch schließlich nichts mehr zu blöd, um abgedruckt zu werden.
Aber der Zweck heiligt die Mittel, und schließlich geht es um die Rettung von Menschenleben, um das Glück von Kindern!
Nein, es geht nicht um die 7000 bis 9000 Verkehrstoten jährlich (davon 400 Kinder) - also ehrlich, wer will schon aufs Autofahren verzichten?

Im März starben in Hamburg zwei kleine Kinder innerhalb von nur zwei Wochen bei vermeidbaren Verkehrsunfällen.
Wo blieben die Sondersendungen? Ach Gott, es gibt wirklich interessanteres als überfahrene kleine Menschen.
Wo war Ortwin Runde? Wahrscheinlich viel zu beschäftigt, darüber nachzudenken, wie man seine Forderung "Ziel ist, so viele Hunde zu töten wie möglich", endlich in die Tat umsetzen kann.
Wo waren die ganzen traurigen Journalisten und Politiker, der Kinderschutzbund, die GEW, die Elternkammer, wo waren all die, denen Volkans Tod angeblich so an die Nieren gegangen war?
Wahrscheinlich längst in ihren Krokodilstränen ertrunken.

Eileen Heerdegen

"Tierschutz!" - Bürger gegen Tierversuche, 1/01