KNUT MELLENTHIN

Funktionen für die Darstellung

Darstellung:

Seitenpfad

"Friedensgespräche" abgebrochen

Pakistans Militär bereitet sich auf eine Großoffensive gegen Stützpunktgebiete der Aufständischen vor.

Kampfflugzeuge der pakistanischen Luftwaffe haben am frühen Donnerstag kurz nach Mitternacht mehrere Ziele in Nordwasiristan angegriffen. Die Region gehört zu den sogenannten Stammesgebieten im Nordwesten des Landes und ist das vermutlich bedeutendste Rückzugs- und Stützpunktgebiet der pakistanischen Taliban.

Nach Militärangaben wurden 35 „Kämpfer“ getötet. Ziel der Angriffe seien unter anderem die Verantwortlichen für den Bombenanschlag auf ein Kino in Peschawar in der vorigen Woche und die Ermordung eines Armeeoffiziers in der Umgebung dieser Stadt am Dienstag gewesen. Die Behauptungen der Pressestelle der Streitkräfte sind, wie üblich, völlig unbewiesen. Journalisten dürfen in den Stammesgebieten nicht arbeiten, und zu den von den Taliban kontrollierten Zielen solcher Luftangriffe hat in der Regel auch die Armee keinen Zugang.

Mit militärischen Vergeltungsaktionen war gerechnet worden, seit eine regionale Untergruppe der Taliban am Sonntag die „Hinrichtung“ von 23 Soldaten bekanntgegeben hatte. Sie waren am 17. Juni 2010 von Aufständischen gefangengenommen worden, die ihren Stützpunkt überfallen hatten.

Die für den Mord verantwortliche Gruppe in der Region Mohmand steht den „Friedensgesprächen“, die seit Ende Januar zwischen der zentralen Taliban-Führung und der pakistanischen Regierung geführt wurden, kritisch gegenüber.

Inzwischen hat die TTP, ein Verband von mehreren Dutzend örtlichen Taliban-Gruppen, sich offiziell hinter die Tötung der gefangenen Soldaten gestellt. Es handele sich um eine Reaktion auf die Ermordung gefangener Aufständischer durch die Sicherheitskräfte, sagte TTP-Sprecher Shahidullah Shahid am Mittwoch. Seit Beginn der Gespräche mit der Regierung seien im Rahmen einer geheimen „Operation Ausrottung“ schon mehr als 60 in Haft befindliche Taliban umgebracht worden.

Nach der Bekanntgabe der Ermordung der 23 Soldaten hatte die von der Regierung eingesetzte Verhandlungskommission am Montag erklärt, dass vor diesem Hintergrund weitere Gespräche sinnlos seien, so lange die Taliban ihre Gewalttaten fortsetzen. Ein für diesen Tag verabredetes Treffen mit zwei fundamentalistischen Geistlichen, die im Auftrag der TTP den Kontakt zur Regierungskommission halten, wurde kurzfristig abgesagt. Thema hatte unter anderem die Vereinbarung eines Waffenstillstands sein sollen.

Nach der Unterbrechung der Gespräche durch die Regierung bekundet die TTP-Führung ihr Interesse an der Fortsetzung der Verhandlungen und dem raschen Abschluss eines Waffenstillstands. Voraussetzung sei aber, dass Militär und Polizei die ihnen vorgeworfene Ermordung inhaftierter Aufständischer beenden. Die TTP strebt außerdem als einen der ersten Schritte einen Gefangenenaustausch an.

Die Militärführung hat die Aufnahme der „Friedensgespräche“ zwar bisher nicht öffentlich kritisiert, aber vermutlich nur ihren Zusammenbruch abgewartet. Nach inoffiziellen Angaben aus der pakistanischen Armee wurden in den vergangenen fünf Monaten 308 Zivilisten, 114 Militärangehörige und 38 Polizisten von Taliban getötet. Im September 2013 hatte eine Konferenz aller Parteien der Regierung einstimmig das Mandat für Verhandlungen mit den Aufständischen erteilt.

Weithin wird damit gerechnet, dass die Militärführung eine große Bodenoffensive gegen Nordwasiristan starten will, sobald die Wetterverhältnisse es zulassen. Das könnte etwa Ende April sein. Die vorerst letzten großen Angriffsoperationen der Streitkräfte fanden 2009 im Swat-Tal – das außerhalb der Stammesgebiete liegt – und in Südwasiristan statt. Damals waren mehr als vier Millionen Menschen vom Militär vertrieben worden, um eine rücksichtslose Kriegführung ohne viele Verluste unter der Zivilbevölkerung zu ermöglichen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 21. Februar 2014