KNUT MELLENTHIN

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Afghanistan: Der Krieg hat gerade erst angefangen

Der Bombenanschlag auf den afghanischen Verteidigungsminister Mohammed Fahim in Jalalabad am Montag - fünf Menschen starben, der Minister überlebte unverletzt - hat erneut gezeigt, wie weit das Land von einer Stabilisierung entfernt ist. In den Nächten vor dem Attentat hatten Unbekannte in Jalalabad Plakate geklebt, auf denen die Übergangsregierung in Kabul als Verräterbande im Dienst der USA und Großbritanniens angegriffen wurde. Wer immer diese Regierung unterstütze, riskiere den Tod; "Regierungsbeamte zu töten ist legitim."

Die genauen Hintergründe des Anschlags sind dennoch unklar. Die Bewohner von Jalalabad sind überwiegend Paschtunen. Verteidigungsminister Fahim hingegen ist ein Politiker der Nordallianz und Tadschike. Auch die Machthaber in Jalalabad gehören der Nordallianz an und werden von großen Teilen der örtlichen Bevölkerung abgelehnt.

Das Bombenattentat könnte aber auch mit dem sich verschärfenden Konflikt um den Mohnanbau für die Opium- und Heroinproduktion in Zusammenhang stehen. Während die Taleban in ihrem letzten Regierungsjahr den Mohnanbau verboten und offenbar erfolgreich unterdrückt hatten, haben die Bauern nach dem Machtwechsel in Kabul wieder sehr viel Mohn gepflanzt, der jetzt ganz kurz vor der Ernte steht. Die Regierung will mit EU-Unterstützung eine Entschädigung für die Vernichtung der Mohnfelder zahlen, doch wird diese von den Bauern als zu niedrig angesehen. Bei Protesten in der südwestlichen Provinz Helmand gab es bereits Tote, als örtliche Behörden auf die Demonstranten schießen ließen. Hauptkontrahent der Regierung im Streit um den Mohn sind aber die Banden, die vom Schmuggel und Handel mit Rohopium leben, sowie örtliche Beamte, denen jetzt ihr Bestechungsanteil an dem einträglichen Geschäft verloren zu gehen droht. Vor dem Verbot durch die Taleban kamen bis zu 75 Prozent des weltweit produzierten Rohopiums aus Afghanistan. Die Provinz Nangahar, deren Hauptstadt Jalalabad ist, ist nach Helmand die zweitgrößte Mohn-Region des Landes.

Das Attentat von Jalalabad war bereits der zweite Angriff auf ein Regierungsmitglied. Mitte Februar wurde Luftfahrt- und Tourismusminister Abdul Rahman auf dem Kabuler Flughafen von aufgebrachten Pilgern erschlagen, die zum Teil schon seit mehreren Tagen auf den Flug nach Mekka zur Hadsch warteten. Ministerpräsident Karsai behauptete zunächst, Rahman sei das Opfer einer Verschwörung geworden, der höchste Regierungsbeamte aus dem Innen-, Verteidigungs- und Justizministerium - allesamt Mitglieder der Nordallianz - angehört hätten. Außenminister Abdullah Abdullah, im Gegensatz zum Paschtunen Karsai ein Vertreter der Nordallianz, bestritt kurz darauf die Verschwörungstheorie.

Wie instabil die Lage selbst in Kabul ist, zeigte die angebliche Zerschlagung eines konspirativen Netzwerks Anfang April. Die dem Islamistenführer Gulbuddin Hekmatjar zugeordnete Geheimorganisation soll Bombenanschläge und Entführungen in der Hauptstadt geplant haben. 300 bis 350 Menschen wurden verhaftet. Gut die Hälfte wurde wenige Tage später wieder freigelassen; die Zahl der noch Inhaftierten wurde am 4. April nur noch mit 160 angegeben. Das lässt vermuten, dass die Aktion nicht einhellig von Regierung und Behörden getragen wurde, oder dass sie auf Anweisung der USA erfolgte und nur halbherzig durchgeführt wurde.

Hekmatyar war einer der von den USA und Pakistan gesponserten "Helden des Befreiungskampfes" gegen die sowjetische Militärintervention. Vor allem im Bürgerkrieg, der sich nach Abzug der Sowjettruppen 1989 entwickelte, wurde Hekmatjar für seine brutale Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung berüchtigt. 1996 war er für kurze Zeit Ministerpräsident. Nach dem Sieg der Taleban ging er nach Teheran ins Exil. Im Februar schloss die iranische Regierung, wohl nicht zuletzt aufgrund der amerikanischen Kriegsdrohungen, Hekmatjars Büro und forderte ihn zum Verlassen des Landes auf. Sein Aufenthalt ist seither unbekannt.

Ein Ziel der angeblichen Verschwörung in Kabul soll es gewesen sein, die für den Juni geplante Sitzung der Loja Dschirga, der traditionellen Großen Ratsversammlung, zu "stören". Dabei soll eine neue Übergangsregierung gewählt werden, die bis Ende nächsten Jahres im Amt bleiben soll. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Behauptungen über "Störversuche" jetzt schon dazu dienen sollen, Argumente für eine Verschiebung der Tagung aufzubauen. Denn dass die Loja Dschirga die Regierung in ihrer jetzigen, überproportional von Leuten der Nordallianz (und somit Nicht-Paschtunen) dominierten Zusammensetzung bestätigen würde, ist zweifelhaft.

In diesem Zusammenhang ist auch die mehrfache Verschiebung der immer wieder angekündigten Rückkehr des 87-jährigen Ex-Königs Sahir Schah zu sehen. Angeblich waren dafür Sicherheitsgründe ausschlaggebend. Dies ist offensichtlich ein Vorwand, denn niemand geht davon aus, dass die Sicherheitslage sich in absehbarer Zeit entscheidend verbessern wird. Jetzt heißt es, dass Sahir Schah um den 20. April herum kommen wird. Der tatsächliche Hauptgrund, den greisen Ex-Monarchen, einen Paschtunen, möglichst lange von Kabul fernzuhalten, dürfte darin liegen, dass er dem Vorgehen der USA nicht völlig zustimmt. Die letzte amerikanische Offensive in der ostafghanischen Provinz Paktia in der ersten Märzhälfte hatte Sahir Schah sogar ausdrücklich kritisiert und gefordert, mit dieser Art der Kriegführung Schluss zu machen.

Bei den Kämpfen Anfang März in der Umgebung des Bergdorfs Schahikot hatten die USA zum ersten Mal neben eigenen Bodentruppen eine von ihnen direkt rekrutierte, bezahlte und geführte Söldnertruppe aus 600 örtlichen Paschtunen eingesetzt, um eine Ansammlung angeblicher Taleban- und Al-Kaida-Kämpfer zu zerschlagen. Aus den Berichten der US-Militärs wurde deutlich, dass die Gegner, wie immer sie politisch einzuordnen waren, von der Bevölkerung der Region unterstützt wurden und während der Kämpfe fortwährend durch Freiwillige verstärkt wurden. Die regionalen paschtunischen Warlord versuchten, den ihrer Meinung nach sinnlosen "Bruderkrieg" durch Verhandlungen zu vermeiden. Erst durch den ursprünglich nicht geplanten Einsatz von 1.500 schnell herangeschafften Soldaten der Nordallianz (überwiegend Tadschiken und Usbeken) konnten die USA ihre Offensive zum Abschluss bringen.

Knut Mellenthin

Neues Deutschland, 11. 4. 2002