KNUT MELLENTHIN

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Blutige "Vergeltung"

Von der NATO bewaffneter afghanischer Bandenführer richtet zahlreiche Zivilisten hin.

Ein afghanischer Polizeioffizier hat am vorigen Mittwoch bei einer „Vergeltungsaktion“ mindestens elf willkürlich festgenommene Zivilisten erschossen. Unter den Opfern waren auch Kinder und alte Leute. Das meldeten nationale und pakistanische Zeitungen am Freitag. Die internationalen Medien ignorierten den Vorfall, der sich im Bezirk Khas der zentralafghanischen Provinz Uruzgan ereignete.

Die an dem Mord beteiligte Einheit gehört zur sogenannten Afghanischen Lokalpolizei, einer von der NATO-Besatzungsverwaltung organisierten und bewaffneten Truppe. Sie ist nicht identisch mit der Afghanischen Nationalpolizei. Die Lokalpolizei untersteht zwar formal gleichfalls dem Innenministerium in Kabul, hat aber oft Bandencharakter. Verschiedene westliche Menschenrechtsorganisationen warfen ihr schon in der Vergangenheit schwere Übergriffe gegen die Bevölkerung vor. Hauptverantwortlich für die Massenerschießung ist allen Berichten zufolge ein örtlicher Kommandeur, der überall nur mit seinem Nachnamen Shujaee bezeichnet wird. Offenbar als Rache für die einige Tage zurückliegende Ermordung zweier Polizisten durch unbekannte Aufständische ließ Shujaee von seinen Leuten 20 Dorfbewohner aus ihren Häusern schleppen und erschoss mindestens elf – nach anderen Berichten 17 oder 18 – von ihnen. Andere Angehörige seiner Einheit sollen sich an den Erschießungen beteiligt haben.

Die Bluttat wurde vor allem durch den Einsatz des Parlamentsabgeordneten Obaidullah Barakzai bekannt, der selbst aus dem Bezirk Khas stammt, wo das Massaker stattfand. Inzwischen ist der Ablauf des Vorfalls auch durch die Provinzbehörden, einschließlich der dortigen Nationalpolizei, bestätigt. Das Kabuler Innenministerium bestritt zunächst die Erschießungen und bezeichnete sämtliche Augenzeugenberichte als „völlig grundlos“. Angeblich seien lediglich sechs Taliban bei einem Gefecht getötet worden. Aktuellen Meldungen der afghanischen Presse zufolge wird inzwischen jedoch offiziell nach dem flüchtigen Shujaee gefahndet.

Nach Aussagen der Bewohner der Gegend, die auch von lokalen Regierungsbeamten unterstützt werden, gab es über das Verhalten des Offiziers der Lokalpolizei schon wiederholt und seit längerer Zeit Beschwerden. Unter anderem habe er willkürlich herausgegriffene Zivilisten als angebliche Unterstützer der Aufständischen einsperren und foltern lassen. Die Vorwürfe seien von der Regierung jedoch immer wieder zurückgewiesen worden. In einem Fall sei Shujaee sogar festgenommen und zur Untersuchung nach Kabul gebracht, jedoch kurz darauf freigelassen worden. Nach Ansicht der Bevölkerung kam er bisher mit allen Taten straffrei davon, weil er von den NATO-Truppen unterstützt und gedeckt werde.

Afghanischen Medien deuten an, dass die Bluttat vom vorigen Mittwoch auch einen ethnischen Hintergrund gehabt habe: Alle Opfer seien Paschtunen gewesen, während Shujaee zur Volksgruppe der Hazara gehöre. Die NATO setzt oft Nicht-Paschtunen, neben den Hazara auch Tadschiken und Usbeken, in überwiegend von Paschtunen bewohnten Gebieten ein, um etnische Widersprüche auszunutzen und anzuheizen.

Indessen meldet die westliche Allianz den Tod von Scher Mohammed Hakimi. Er soll ein örtlicher Anführer des sogenannten Haqqani-Netzwerks gewesen sein, das den Aufständischen zugerechnet wird und von der NATO für zahlreiche Anschläge und Überfälle verantwortlich gemacht wird.

Hakimi soll am Sonntag bei einem Luftangriff in der Provinz Logar ums Leben gekommen sein, als er mit einer Gruppe seiner Leute unter einem Baum rastete. Vier andere seien verletzt worden. Möglicherweise war bei der gezielten Tötung eine Drohne im Einsatz.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 7. August 2012