KNUT MELLENTHIN

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Widerspruch gegen Einzeltäter-These

An der Ermordung von 16 Menschen in Südafghanistan sollen nach Zeugenberichten mehrere US-Soldaten beteiligt gewesen sein.

Einen Tag nach dem Massaker an 16 afghanischen Dorfbewohnern ist immer noch unklar, wie viele Soldaten beteiligt waren. Während das US-Militär einen Einzeltäter präsentiert, berichten Überlebende von mehreren uniformierten Tätern. Einige afghanische Verwaltungsbeamte und Politiker halten ihre Darstellung für plausibel.

Schauplatz des Massakers waren drei Häuser in zwei etwa 500 oder 600 Meter auseinanderliegenden Dörfern in der Nähe eines US-Stützpunktes im südafghanischen Kandahar. Es soll sich um einen Bezirk handeln, in dem die Taliban traditionell starken Einfluss haben und wo über einen längeren Zeitraum hin schwere Kämpfe zwischen den Aufständischen und den Besatzungstruppen stattfanden. Nach bisherigen Erkenntnissen sind unter den Ermordeten neun Kinder und drei Frauen. Elf der Toten gehörten zu einer einzigen Familie, die bei der Bluttat fast vollständig ausgelöscht wurde.

Bei dem angeblichen Einzeltäter soll es sich um einen Stabsunteroffizier Mitte der 30 handeln, der verheiratet ist und zwei Kinder hat. Er soll seit Dezember in Afghanistan sein und war einer Spezialeinheit zugeordnet, die aus den Dorfbewohnern Kollaborateure für eine Art „Bürgermiliz“ rekrutieren sollte. Zuvor soll der Mann zwei Mal im Irak stationiert gewesen sein. Der offiziellen Version zufolge hatte der Unteroffizier am Sonntag kurz nach zwei Uhr morgens den Stützpunkt verlassen und war etwa einen Kilometer zu den Häusern gegangen, wo er nacheinander so viele Bewohner wie möglich niederschoss. Aus einem bisher nicht bekannten Grund sei er nach dem dritten Haus zum Stützpunkt zurückgekehrt und habe die Tat gestanden.

Dagegen berichten überlebende Dorfbewohner, dass es sich um eine ganze Gruppe US-amerikanischer Soldaten gehandelt habe, die laut lachten, offenbar angetrunken waren und wild um sich schossen. In einigen Aussagen ist von zwei verschiedenen Gruppen und von Schüssen aus unterschiedlichen Richtungen die Rede.

Die US-Regierung schien zunächst bemüht, sich nicht auf die Einzeltäter-These festzulegen. Verteidigungsminister Leon Panetta versprach dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, „dass wir diejenigen, die dafür verantwortlich sind, der Gerechtigkeit zuführen werden“. Dagegen schloss Pentagon-Sprecher John Kirby in einem Gespräch mit dem rechtsgerichteten Sender Fox News die Beteiligung mehrerer Täter aus. Er behauptete, das Verschwinden des Unteroffiziers sei im Stützpunkt sehr schnell bemerkt worden und es habe daraufhin eine Anwesenheitskontrolle stattgefunden. Diese habe ergeben, dass kein weiterer Soldat fehlte.

So oder so spiegelt das Massaker die misstrauische und feindselige Einstellung vieler Besatzungssoldaten gegenüber den Afghanen wider. Da sie mit der Propaganda gefüttert werden, ihre Anwesenheit stelle eine Wohltat für die Afghanen dar, empfinden sie deren zunehmende Ablehnung als groben Undank. Hinzu kommen zahlreiche Vorfälle, bei denen westliche Soldaten von uniformierten Afghanen erschossen wurden. Seit Mai 2007 sollen bei 46 solcher Zwischenfälle 76 Angehörige der NATO-Truppen getötet worden sein.

Eine aktuelle Umfrage, die von der Washington Post und dem Sender ABC News veranstaltet wurde, zeigt, dass zwei Drittel der US-Amerikaner davon ausgehen, dass die Anwesenheit der NATO-Truppen in Afghanistan nicht erwünscht ist. 60 Prozent der Befragten meinen, dass der Krieg die Kosten und Folgen nicht wert sei. Mehrheitliche Unterstützung findet Barack Obamas Kriegskurs nur noch bei Anhängern der Republikaner.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 13. März 2012