KNUT MELLENTHIN

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Dazubezahlt

Viertes deutsches U-Boot an Israel übergeben. Mindestens zwei sollen noch folgen.

Israel hat am Donnerstag in Kiel sein viertes in Deutschland gebautes U-Boot in Empfang genommen. Zur Taufe, die „unter strengen Sicherheitsvorkehrungen“ auf der HDW-Werft stattfand, war hochkarätige Prominenz aus dem israelischen Verteidigungsministerium und den Streitkräften, einschließlich des Marinechefs Ram Rotberg, angereist. Das Schiff soll nun in Übungen getestet, möglicherweise mit israelischer Technik nachgerüstet und voraussichtlich Mitte nächsten Jahres in Dienst gestellt werden.

Mit 68 Metern Länge ist die „Tanin“ größer als ihre Vorgängerinnen und stellt auch in technischer Hinsicht eine Weiterentwicklung gegenüber den zwischen 1996 und 1998 gelieferten deutschen U-Booten dar. Angeblich kann sie bis zu zwei Wochen unter Wasser bleiben und ist noch schwerer zu orten. Laut deutschen Pressemeldungen werden die drei älteren Schiffe gerade unter Mitwirkung von HDW in Israel „modernisiert“, was immer das genau bedeuten mag. In welchem Umfang sich die Bundesregierung finanziell an diesen Arbeiten beteiligt, ist nicht bekannt.

Vom Kaufpreis der „Tanin“, ungefähr 500 bis 550 Millionen Euro, tragen die deutschen Steuerzahler mindestens 135 Millionen. Das neue U-Boot kommt sie damit deutlich günstiger als die drei früheren: Die ersten beiden hatte Israel von Deutschland glatt geschenkt erhalten, beim dritten musste es nur die Hälfte der Rechnung selbst begleichen. Mehr oder weniger verschämt werden in diesem Zusammenhang die Worte „Wiedergutmachung“ und „Staatsräson“ geflüstert oder gelegentlich, wie etwa in der Springerpresse, auch fröhlich heraustrompetet.

Zu den jetzigen finanziellen Konditionen wird Israel in den nächsten Jahren auch noch ein fünftes und sechstes U-Boot von HDW erhalten. Laut Plan soll die Übergabe 2013 und 2014 erfolgen.

Die U-Boot-Lieferungen an Israel, in deutschen Medien zumeist nur ein sehr leises Thema, waren vor kurzem durch das Gedicht von Günter Grass gegen den geplanten Iran-Krieg ins Gerede gekommen. Der Autor hatte sich auf die allgemein unbestrittene Vermutung bezogen, dass die Schiffe inzwischen mit Atomwaffen ausgerüstet seien, und hatte vor diesem Hintergrund über einen „Erstschlag“ Israels und eine mögliche „Auslöschung“ des iranischen Volkes spekuliert. In einem erschreckenden Gleichklang, der ansonsten nur in totalitären Staaten erreichbar ist, war der deutsche Mainstream daraufhin über Grass hergefallen.

Freilich wurde in durchaus nicht anti-israelischen Tageszeitungen wie der Londoner Times, der Washington Post und der Los Angeles Times schon 2002 und 2003 gemutmaßt, dass Israel die deutschen U-Boote für einen nuklearen Angriff auf die iranischen Atomanlagen einsetzen könnte. Israel, das zu allen Fragen um seine Atomwaffen grundsätzlich nicht Stellung nimmt, hat niemals versprochen, dass es diese nicht vielleicht unter bestimmten Umständen auch für einen Erstschlag nutzen würde. Von allen Atommächten hat überhaupt nur China eine solche Erklärung abgegeben.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 7. Mai 2012