KNUT MELLENTHIN

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Jalta. Zur Geschichte einer Legende

Vor 50 Jahren, im Februar 1945, trafen sich in Jalta (Krim) die führenden Repräsentanten der Anti-Hitler-Koalition, "die großen drei": Stalin, Churchill und Roosevelt. In dem folgenden Artikel werden wesentliche Ergebnisse der Konferenz und der sie begleitenden Pressekampagne der Nazis zusammengetragen. Geschrieben wurde der Artikel bereits im Oktober 1984. Anlaß war die Anfang der achtziger Jahre verstärkt einsetzende Agitation gegen "Jalta" als dem Ort, wo angeblich die "Blockkonfrontation" und die Teilung Europas beschlossen worden wären. "Abschied von Jalta" lautete damals von Schwarz bis Grün das beliebteste der einschlägigen Schlagworte. Wir dokumentieren den Artikel (erstmals erschienen in ak 251 vom 22.10.1984) leicht gekürzt und überarbeitet.

Der am häufigsten erhobene Vorwurf lautet, daß in Jalta die Blockteilung Europas eingeleitet, beschlossen oder gar "zementiert" worden sei. Daß diese Behauptung unsinnig ist, ergibt sich jedoch auf den allerersten Blick: Die Konferenz von Jalta fand im Februar 1945, ein Vierteljahr vor Ende des Zweiten Weltkrieges, statt. An Blöcken gab es damals auf der einen Seite die Achsenmächte (zusammengeschmolzen auf Deutschland und Japan) und auf der anderen Seite die Alliierten mit den Hauptmächten USA, Sowjetunion und Großbritannien. Die spätere Block-Konfrontation, zugespitzt in der Existenz von NATO und Warschauer Pakt, entwickelte sich erst nach Beendigung des Krieges gegen Deutschland und Japan. Wichtige Stationen dieses Übergangs von der Allianz zum Kalten Krieg waren der griechische Bürgerkrieg (1944-1949), die Truman-Doktrin (12.3.1947), die Ankündigung des Marshall-Plans (Juni-Juli 1947), die Berlin-Krise (Juni 1948 bis Mai 1949), die Gründung der BRD und der DDR (23.5. und 7.10.1949) sowie die Gründung der NATO (4.4.1949).

Daß diese Entwicklung nicht von der Jalta-Konferenz ausging, ergibt sich schon aus deren Rahmenbedingungen: Im Februar 1945 standen die Truppen der Alliierten im Westen an der deutschen Grenze und im Osten an der Oder. Der Krieg war militärisch längst gewonnen, aber seine weitere Dauer (und damit auch das Ausmaß der von den Alliierten noch zu bringenden Opfer) war schwer einzuschätzen. Nach den bisherigen Erfahrungen, verstärkt durch den frischen Eindruck der deutschen Ardennen-Offensive (1), neigten die Alliierten eher dazu, den weiteren deutschen Widerstand recht hoch anzusetzen. (Das gleiche galt für Japan.) In dieser Situation setzte die Durchhalte-Propaganda der Nazis alles auf einen angeblich unvermeidlichen Bruch der feindlichen Allianz. In Übernahme einer Formulierung westlicher Kreise prophezeite die Nazi-Propaganda damals das Bevorstehen eines "Dritten Weltkriegs" der Sowjetunion gegen ihre Partner. Von der Wirksamkeit dieser Propaganda hingen der deutsche "Durchhaltewillen" und folglich auch die weitere Dauer und Härte des Krieges ab. Die Konferenz von Jalta mußte also zum praktischen Gegenbeweis gegen die Nazi-Parolen werden. Diesem Ziel entsprechend waren die Konferenzbeschlüsse nicht nur darauf angelegt, die Einheit der Alliierten für die weitere Kriegsführung zu wahren, sondern sie auch über das Kriegsende hinaus zu erhalten.

Der "Abschied von Jalta", den in den achtziger Jahren manche Grün-Alternative treudeutsch und gedankenlos einforderten, hat in Wirklichkeit in Gestalt des Kalten Krieges schon sehr frühzeitig stattgefunden. Das gilt für den "Geist" der Jalta-Konferenz ebenso wie für die meisten konkreten Vereinbarungen, die dort unterzeichnet wurden: Man denke nur an den guten Vorsatz, "für ewige Zeiten" (so hieß es da tatsächlich!) in Deutschland alles Militärische, von der Armee bis zur Rüstungsproduktion, zu vernichten und unmöglich zu machen.

Aber wenn schon aus historischen Gründen Jalta nicht der Ausgangspunkt der "Blockteilung Europas" und der "Blockkonfrontation auf deutschem Boden" gewesen sein kann, so hat dort doch wohl wenigstens eine Aufteilung Europas in Machtzonen der Siegermächte stattgefunden? Nicht einmal diese populäre Version läßt sich guten Gewissens aufrechterhalten.

Erstes Gegenargument: Zum Zeitpunkt der Konferenz von Jalta ergaben sich mögliche künftige Einflußzonen der Alliierten als Tatsachen aus dem Kriegsgeschehen. Sowjetische Truppen kontrollierten vollständig Rumänien, Bulgarien und Polen, die größere Hälfte Ungarns und ein Drittel der Tschechoslowakei. Amerikanische und britische Truppen standen in Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Griechenland und fast ganz Italien. Die Alliierten brauchten und konnten sich in Jalta also gar nicht irgendwelche "Einflußsphären" insgeheim zugestehen, sondern mußten von geschaffenen politisch-militärischen Tatsachen ausgehen.

Zweites Gegenargument: Nichts, aber wirklich gar nichts in den veröffentlichten Akten der Jalta-Konferenz und in den zum Teil aus indiskreteren Schilderungen Beteiligter stützt die Version, daß dort über die Aufteilung Europas in Machtzonen verhandelt worden wäre. In diesem Zusammenhang verdient eine Anekdote Erwähnung, die sich aber nicht auf die Konferenz von Jalta, sondern auf einen vorhergehenden Besuch Churchills in Moskau im Oktober 1944 bezieht. Churchill beschreibt den Vorgang so: Er habe beim ersten Zusammentreffen (9.10.) an Stalin den Vorschlag gerichtet, über "our affairs in the Balkan" zu sprechen. "Was Großbritannien und Rußland angeht, wie wäre es, wenn Sie eine 90%ige Vorherrschaft in Rumänien haben würden, wir eine 90%ige in Griechenland, und wenn wir Halbe-Halbe in Jugoslawien machen würden?" Während dies für Stalin übersetzt wurde, habe Churchill auf ein halbes Blatt Papier seinen Vorschlag notiert, erweitert um Ungarn (50:50) und Bulgarien (75:25 zugunsten der Sowjetunion). "Ich schob diesen Zettel Stalin zu, der bis dahin der Übersetzung gelauscht hatte. Es gab eine kleine Pause. Dann zückte er seinen blauen Stift, machte einen großen Haken (auf das Blatt) und schob es uns wieder zu. Das Ganze war erledigt in nicht mehr Zeit, als man zum Hinsetzen braucht ... Danach gab es ein langes Schweigen. Das beschriebene Blatt lag mitten auf dem Tisch. Schließlich sagte ich: 'Könnte es nicht für sehr zynisch gehalten werden, wenn es so aussieht, als hätten wir über Angelegenheiten, die so schicksalhaft für Millionen Menschen sind, derart leichthin entschieden? Wir sollten das Papier verbrennen.' 'Nein, behalten Sie es', sagte Stalin." (2)

Daß diese Episode, falls sie sich wirklich etwa so zugetragen hat, den Charakter einer Abmachung gehabt hätte, daß sie von Stalin überhaupt ernst genommen worden wäre, ist äußerst unwahrscheinlich. Zumal Churchills Schmierzettel den auffallenden Schönheitsfehler hatte, daß, abgesehen von Griechenland, nur über Gebiete disponiert werden sollte, die sowieso schon von sowjetischen Truppen besetzt waren oder zumindest in deren Reichweite lagen. Nicht jedoch beispielsweise über Italien. Gerade die vergnügte Schamlosigkeit, mit der Churchill diese Anekdote erzählte, läßt immerhin den Rückschluß zu, daß er es wohl kaum verschwiegen hätte, wenn sich Vergleichbares oder Ernsthafteres auch auf der Jalta-Konferenz zugetragen hätte.

Die Vereinbarungen von Jalta

Die wirklichen Debatten und Beschlüsse der Jalta-Konferenz (3) behandelten, in der Reihenfolge des offiziellen Ergebnisprotokolls (4):

1. Die Gründung der UNO samt einigen Ausführungsbestimmungen.

2. Die "Erklärung über das befreite Europa". Es sollte in Europa ein Weg eingeschlagen werden, "der die befreiten Völker instand setzt, die letzten Spuren des Nazismus und Faschismus zu zerstören und demokratische Einrichtungen ihrer eigenen Wahl zu schaffen". Betont wird "das Recht aller Völker, diejenige Form der Regierung zu wählen, unter der sie leben wollen". Die Alliierten behielten sich vor, einzelnen Ländern "beizustehen" (bzw. in deren Angelegenheiten einzugreifen) in folgenden Punkten: a) "Zustände eines inneren Friedens herzustellen"; b) "Notmaßnahmen für die Unterstützung hilfsbedürftiger Völker durchzuführen"; c) Interimistische" (provisorische; Anm. d. Verf.) Regierungsstellen zu schaffen, die auf breiter Grundlage alle demokratischen Elemente in der Bevölkerung repräsentieren und die sich verpflichtet haben, sobald als möglich durch freie Wahlen Regierungen zu errichten, welche dem Willen des Volkes entsprechen"; d) "und, wo es nötig ist, die Abhaltung solcher Wahlen zu erleichtern". Dies sollte seitens der drei Hauptalliierten gemeinsam und in Konsultation geschehen. Die Alliierten schrieben sich damit Rechte der Einflußnahme für die unmittelbare Nachkriegszeit zu. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, daß eine Mehrheit der befreiten Länder mit Nazi-Deutschland verbündet gewesen war und entsprechende eigene politische Systeme gehabt hatten. (5)

3. Die "Teilung Deutschlands", im englischen Text "dismemberment". Festgelegt wurde, daß die drei Alliierten "bezüglich Deutschlands höchste Machtvollkommenheit haben" sollten. "In der Ausübung dieser Macht werden sie solche Maßnahmen treffen, einschließlich der völligen Entwaffnung, Entmilitarisierung und Aufteilung, wie sie sie für den zukünftigen Frieden und die Sicherheit für notwendig halten". (Der Hinweis auf das "dismemberment" fehlt in der am 12.2.1945 publizierten offiziellen Version des Konferenzverlaufs).

An diese Festlegung zu erinnern, ist wichtig angesichts der Unverfrorenheit oder Blödheit, mit der quer durch die politische Landschaft bis heute behauptet wird, die Alliierten seien von der Einheit Deutschlands ausgegangen. Zumindest für Jalta gilt das nicht. Das berühmte Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes (und darüber hinaus die verbale Verpflichtung der gesamten NATO auf dieses Postulat) ist also ein weiterer "Abschied von Jalta". Wer nun allerdings glaubt, wenigstens die deutsche Teilung als Ergebnis von Jalta denunzieren zu können, irrt wiederum: Darauf hatten sich die drei Alliierten schon während der Konferenz von Teheran, im Dezember 1943, im Prinzip geeinigt. Damals hatte Roosevelt vorgeschlagen, Deutschland in fünf Teilstaaten zu zerlegen und einige Gebiete unter internationale Aufsicht zu stellen (6). Ein Gedanke, dem angesichts der furchtbaren deutschen Taten weder politische Vernunft noch moralische Rechtfertigung abzusprechen sind. Daß dies so nicht geschah, ist wesentlich der nach Kriegsende schrittweise einsetzenden Block-Konfrontation zu verdanken oder anzulasten.

4. Die zusätzliche Bildung einer französischen Besatzungszone in Deutschland; Vertretung Frankreichs im alliierten Kontrollrat.

5. "Wiedergutmachung". "Deutschland muß in natura für die Verluste zahlen, die es den alliierten Nationen im Laufe des Krieges zugefügt hat. Wiedergutmachungen sollen in erster Linie diejenigen Länder erhalten, die die Hauptlast des Krieges getragen, die schwersten Verluste erlitten und den Sieg über den Feind gestaltet haben." Als Grundlage für die Ausarbeitung genauer Festlegungen, für die ein Ausschuß gebildet wurde, wurde ein gemeinsamer Vorschlag der sowjetischen und der amerikanischen Delegation akzeptiert. Danach sollte die Gesamtsumme der Wiedergutmachung 20 Milliarden Dollar betragen, wovon 50% an die Sowjetunion gehen sollten. Schon während der Potsdam-Konferenz (Juli 1945) wollten die US-Vertreter davon nichts mehr wissen. Als die Sowjetunion später auf der Moskauer Außenministerkonferenz 1947 ihre Reparationsforderung von 10 Milliarden Dollar vorbrachte, wurde sie endgültig abgeschmettert: ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum Kalten Krieg und ein weiterer "Abschied von Jalta".

6. "Hauptkriegsverbrecher". (Keine Festlegungen).

7. Polen. Eindeutig der umstrittenste und schwierigste Punkt der Jalta-Konferenz. Vereinbart wurde schließlich: a) Die Ostgrenze Polens soll im wesentlichen durch die sogenannte Curzon-Linie (7) gebildet werden. b) Polen soll "einen ansehnlichen Gebietszuwachs im Norden und Westen" auf Kosten Deutschlands bekommen, dessen genauer Umfang endgültig auf einer Friedenskonferenz festgelegt werden soll. Auf diese Grenzen hatten sich die Alliierten schon in Teheran geeinigt. Churchill versuchte vergeblich, dies in Jalta zu revidieren. c) Die provisorische Regierung in Polen soll "auf einer breiten demokratischen Grundlage mit Einschluß demokratischer Führer aus Polen selbst und von Polen im Ausland reorganisiert werden". Diese Regierung soll "so bald als möglich", "freie und unbeeinflußte Wahlen" abhalten. Mit diesem Beschluß wurde der erbitterte Konkurrenzkampf zwischen der 1944 unter sowjetischer Patronage im befreiten Polen (zunächst in Lublin) gebildeten "provisorischen Regierung" einerseits und der anti-sowjetischen "Exilregierung" in London andererseits auf Kosten der letzteren entschieden. Entsprechend lautstark und radikal waren die Proteste der polnischen Vertreter in den USA und Großbritannien, die zusätzlich über die Festlegung der Ostgrenze verbittert waren. Die Sache Polens sei in Jalta verraten worden, hieß es. Übersehen wurde bei dieser Anklage lediglich, daß sich zum Zeitpunkt der Konferenz das gesamte Polen unter sowjetischer Kontrolle befand, so daß die Aufnahme von Politikern aus dem pro-westlichen Spektrum in die Regierung immer noch ein ganz passables Zugeständnis war. (8)

8. Jugoslawien. An Tito wurde die Empfehlung gerichtet, sich mit der zu dieser Zeit fast bedeutungslosen, pro-monarchistischen "Exilregierung" Subasic zu verständigen. Auf dieser Basis sollte eine Regierung gebildet werden. Faktisch übten zu dieser Zeit Titos Partisanen fast im gesamten Jugoslawien aus eigener Kraft die militärische und politische Gewalt aus. (9)

Einige kleinere Punkte (wie z.B. zur Festlegung der italienisch-jugoslawischen Grenze) sollen hier nicht aufgezählt werden. Wichtig war ein Geheimabkommen über den Kriegseintritt der Sowjetunion gegen Japan. Zwischen der Sowjetunion und Japan war im Frühjahr 1941 (also kurz vor dem Beginn des deutschen Überfalls) ein Nichtangriffsvertrag geschlossen worden, an den sich beide Staaten bis 1945 gehalten hatten. Da Japan Anfang 1945 immer noch über eine Riesenarmee im eigenen Land und in China verfügte, und da die US-Armee mit dem selbstmörderischen Widerstand japanischer Soldaten ihre Erfahrungen gemacht hatte, bestand die Befürchtung, daß der Krieg bis zur Kapitulation Japans noch langwierig und verlustreich werden würde. Deshalb drängten die USA auf eine Beteiligung der Sowjetunion. In dem Jaltaer Geheimvertrag nun versprach die Sowjetunion, zwei bis drei Monate nach der deutschen Kapitulation Japan den Krieg zu erklären. (Sie tat das am 8.8.1945, genau drei Monate nach der deutschen Kapitulation.) Als Gegenleistung wurden der Sowjetunion einige territoriale Vorteile auf Kosten Japans zugesichert; im wesentlichen handelte es sich dabei um Eroberungen Japans aus dem Krieg gegen Rußland 1904/05.

Zusammengefaßt: Der Jalta-Konferenz war durch den Kriegsverlauf eine Aufteilung der vordem von den "Achsenmächten" besetzten Länder Europas unter die Alliierten vorgegeben. Diese Aufteilung konnte und wollte in Jalta niemand in Frage stellen: Die Alternative hätte in einem Bruch der Allianz oder zumindest in schwerer Uneinigkeit bestanden. Profitiert hätten davon nur Deutschland und Japan. Man konnte in Jalta allerdings eine Festschreibung des militärischen Status quo vermeiden. Und man konnte darüber hinaus die gegebene Aufteilung Europas ausdrücklich als Übergangsstadium definieren. Und genau das geschah tatsächlich in den Konferenzbeschlüssen. Wie der "Erklärung über das befreite Europa" und speziell den Beschlüssen zu Polen und zu Jugoslawien zu entnehmen ist, sollten in allen von den Alliierten besetzten Ländern pluralistische Übergangsregierungen gebildet werden, deren Aufgabe die baldige Ansetzung demokratischer Wahlen sein sollte.

Es ist daran zu erinnern, daß jedenfalls der erste Teil dieser Festlegung weitgehend in die Praxis umgesetzt wurde. In Frankreich und Italien wurden die kommunistischen Parteien an Volksfront-Regierungen beteiligt, im sowjetischen Bereich wurden bürgerliche und pro-westliche Kräfte in die neugebildeten Regierungen aufgenommen. Richtig ist, daß diese Koalitionen alle schon in den Jahren 1946-48 wieder zerfielen. Vergessen wird gern, daß das nicht nur in Osteuropa so war, sondern daß auch in Frankreich und Italien die Kommunisten 1947 unter massivem Druck des Westens aus den Regierungen geworfen wurden. In Griechenland hatte Großbritannien schon Ende 1944 sogar militärisch interveniert, um eine Machtübernahme durch die sozialistisch-kommunistischen Kräfte zu verhindern und ein repressives Regime zu etablieren. Die drei Hauptalliierten haben nach Beendigung des Weltkrieges in vielfacher Weise die Abmachungen von Jalta gebrochen, wobei man sich gern noch streiten kann, wer damit den Anfang gemacht und wer die schlimmeren Vertragsbrüche zu verantworten hat. Tatsache ist jedenfalls, daß die in Europa entstandene Situation nicht das Produkt von Jalta, sondern ganz im Gegenteil die Folge des totalen Bruchs mit Jalta ist. Die Vereinbarungen von Jalta, Punkt für Punkt gelesen und beim Wort genommen, hätten wahrlich eine andere Perspektive für das vom Nazismus und Faschismus befreite Europa bedeuten können.

Ein Besuch in Goebbels' Sudelküche

Die Frage, warum Jalta zu einem dermaßen aggressiv negativ besetzten Begriff werden konnte, obwohl die wirklichen Inhalte dafür genau betrachtet nichts hergeben, führt an die Wurzeln der Legende: die Nazi-Propaganda. Auf die bevorstehende Konferenz von Jalta hatte sich schon seit Monaten die Aufmerksamkeit der Nazi-Führung konzentriert. Man wußte, daß es erhebliche Widersprüche unter den Hauptalliierten und deren Klientelen in den befreiten Ländern gab, und man spekulierte auf den Bruch der Allianz in allerletzter Minute. Oder, sofern man selbst an diesen Bruch schon nicht mehr glaubte, nährte man zumindest im Volk Hoffnungen darauf, um den "Durchhaltewillen" bis fünf Minuten nach zwölf zu strapazieren.

Am 3. Februar 1945, dem Tag vor der offiziellen Eröffnung der Jalta-Konferenz, notierte die Parteizeitung "Völkischer Beobachter" (VB) als Fazit der Entwicklung seit der Teheraner Konferenz (Dezember 1943): "Die Völker Europas wurden unzweideutig an die Sowjets verschachert. England und Amerika haben über ihr Schicksal nichts mehr mitzureden und müssen sich mit der Rolle eines Zutreibers für Moskau begnügen, wofür sie ein Trinkgeld in Gestalt umfangreicher bolschewistischer Warenbestellungen nach dem Krieg erwarten."

Dieses Interpretationsmuster wurde durchgängig beibehalten. Und es erschien vom 3. Februar ab bis weit in den März hinein kaum eine Ausgabe des VB, die nicht auf der Titelseite in großer Aufmachung das Thema "Jalta" aufnahm. Die Bekanntgabe des offiziellen Konferenz-Kommuniqués etwa kommentierte der VB am 15.2. mit den Schlagzeilen: "Das erwartete Ergebnis der Konferenz von Jalta / Vernichtungs- und Haßparolen / Acht Tage Befehlsempfang bei Stalin". Kostprobe aus dem Text: "Dieses Herumreden um die laufenden Kapitulationen der Westmächte vor Moskau ist tatsächlich noch das einzige Recht, das ihnen verbleibt. In der Sache bestimmt der Kreml, was zu geschehen hat, und die Erfahrung zeigt, daß Roosevelt und Churchill dann nur obliegt, mit geschlossenen Augen zu unterschreiben, was ihnen abverlangt wird." Schlagzeilen des VB vom 16.2.: "Unsere Kampfparole gegen die Schlächter von Jalta / Alles für Leben und Freiheit Deutschlands / Roosevelt und Churchill im Schlepptau bolschewistischer Weltrevolutionäre." Am 17.2.: "Jalta - das Todesurteil für den Kontinent / Roosevelt und Churchills Kapitulation gibt Moskau freie Hand." Am 18.2.: "Produkt gemeingefährlicher Gehirne / Jalta: Betrug und Wirklichkeit." Am 20.2.: "Wie in Jalta beschlossen: Moskau deportiert deutsche Arbeiter / Unsere Antwort: Unerbittlicher Kampf gegen die Sklavenhändler." Am 24.2.: "Stalin diktierte in Jalta Dauerkrieg / Wirklicher Friede und bolschewistische Weltrevolution schließen sich aus."

Nazi-Deutschland, das die Völker Europas fünf Jahre lang terrorisiert und ausgeplündert hatte, warb angesichts der vordringenden sowjetischen Armee um Anerkennung seiner Rolle als Bollwerk des christlichen Abendlandes. "Denn es gibt kein Europa ohne Deutschland ... Ein Schrecken ohne Ende wäre das Los Europas, wenn es seine letzte Stütze am Reich verlöre ... Deutschland ist in seinem harten Ringen mit den Sowjets zugleich der Vorkämpfer für die Rettung des Kontinents vor dem Verhängnis ... Mit ihm steht und fällt die alte Welt! ...". (VB, 17.2.) Sogar den USA und Großbritannien diente man sich selbstbewußt als Avantgarde eines vereinigten Kreuzzugs der kapitalistischen Welt gegen die Sowjetunion an: "Dritter Weltkrieg? Er wäre für die Demokratien (d.h. USA und Großbritannien; der Begriff wurde in der NS-Propaganda als Schimpfwort verstanden; Anm. d. Verf.) verloren am Tage seines Ausbruchs! Ihn zu verhindern - das einzige Mittel ihn zu verhindern - ist also Kampf bis aufs Messer, gestützt auf die nicht ersetzbaren, aber auch unüberwindlichen Energien einer eigenen, echten sozialen Revolution. Diesen Kampf führt heute das Deutche Reich." (VB, 17.3.)

Vervollständigt wurde die Kommentierung der Jalta-Konferenz durch täglich zwei bis vier kleine Einzelmeldungen, mit denen gezeigt werden sollte, daß über die von der Roten Armee besetzten Länder ein "Eiserner Vorhang" (10) niedergegangen sei, hinter dem mit Massenmord und Terror nun die "Bolschewisierung" vollzogen werde. Textproben: "So wird Bulgarien erdrosselt" (2.2.); "Finnland unter Moskaus Fallbeil" (10.2.); "Der Balkan unter Moskaus Knute" (11.2.); "Blutjustiz von Sofia macht vor keinem halt" (11.2.); "Moskau diktiert auf dem Balkan" (15.2.); "Polen als Musterbeispiel der Ausrottung" (15.2.); "Rumänien-Probe auf Jalta / Der uhrwerkmäßige Ablauf der Moskauer Regie" (3.3.); "Moskauer Sturmsignale in ganz Europa / Von Griechenland bis Belgien: Vollendete Tatsachen für die Westmächte auch auf dem politischen Sektor" (10.3.). "Rumänien unter Moskaus Joch" (15.3.); "Norweger fürchten Bolschewismus"; "Moskau bereitet Bürgerkrieg in Italien vor / Briten und Amerikaner als beste Wegbahner"; "Moskau macht sich in Schweden breit" (alles aus der Ausgabe vom 23.3.). "Bolschewisten auf Polenjagd"; Moskauer Blutjustiz in Frankreich"; "Die Wühlarbeit in Finnland"; "30.000 Bulgaren vermißt" (alles aus der Ausgabe vom 10.4.).

Ein Vergleich dieser Zitate mit deutschen Pressestimmen aus den Jahren 1948-1958 würde vermutlich die nahezu totale Übereinstimmung in Wort und Geist erweisen. Daß (mit einer kurzen Unterbrechung von nicht einmal zwei Jahren) der Hauptfeind des deutschen Gewaltpatriotismus der gleiche bleiben durfte, war für alle Beteiligten bequem: Die Verlierer brauchten nicht allzu viel umzulernen, und die Sieger konnten ein geschultes Personal mit Berufspraxis übernehmen. Für den VB-Chefkommentator jener Tage, Helmut Sündermann, reichte es immerhin zu einer zentralen Position in der rechtsextremen Szene der Bundesrepublik (11). Im VB vom 11.2.1945 hatte er unter der Überschrift "Erzwingen wir die Wende!" geschrieben: "Die Welt unserer Feinde wird durch nichts anderes zusammengehalten als durch den jüdischen Vernichtungswahn gegen das deutsche Volk und die persönlichen Interessen der drei großen Kriegsverbrecher Roosevelt, Churchill und Stalin ..." Später zum "erfolgreichsten Nachkriegsverleger von nazistischer und radikalnationalistischer Literatur" (12) geworden, rechnete er 1962 in seinem Buch "Potsdam 1945. Ein kritischer Bericht" mit den alliierten Konferenzen von Jalta und Potsdam ab.

Die Jalta-Legende in den USA

Es steht außer Zweifel, daß die maßlose, über alle Tatsachen hinwegstiefelnde Hetze gegen die Jalta-Konferenz ihren Anfang in der Nazi-Propaganda hatte. Ähnliche Töne gab es allerdings schon damals in exilpolnischen Kreisen und bei einer kleinen Gruppe der Konservativen Partei, gegen deren Verratsvorwürfe sich selbst Churchill im Parlament zur Wehr setzen mußte. Die Nazi-Presse registrierte alle derartigen Verlautbarungen mit größter Aufmerksamkeit. Die Polemik, die der mächtige Hearst-Pressekonzern in den USA gegen Roosevelts Politik führte, verschaffte sogar dem Reichspropagandaminister Goebbels in jenen Götterdämmerungstagen noch ein paar vergnügte Momente. (13)

Zur westlichen Blockdoktrin wurde die Diffamierung und "Überwindung" Jaltas aber erst mit dem schrittweisen Übergang zum Kalten Krieg, der nach Roosevelts plötzlichem Tod (12.4.1945) von dessen Nachfolger Truman eingeleitet wurde. In den ersten Jahren nach 1945 sah das noch so aus, daß die US-Regierung zwar in der Praxis die totale Demontage der Jalta-Vereinbarungen betrieb, sich aber propagandistisch immer noch zu Jalta bekannte und dessen Einhaltung von der Sowjetunion einforderte. Das lag nicht zuletzt daran, daß Truman und Roosevelt der gleichen Partei angehörten, den Demokraten, so daß ein direkter Angriff auf das politische Werk Roosevelts von dieser Seite nicht opportun gewesen wäre.

Dafür bemächtigten sich die oppositionellen Republikaner bald des Themas. Jalta spielte eine große Rolle, als der Senator Joseph McCarthy am 9.2.1950 die Öffentlichkeit mit der Enthüllung überraschte, im Außenministerium der USA säßen mehr als 200 eingeschleuste Kommunisten. Die große Ära der Gesinnungsschnüffelei und Agentenhatz war schon seit 1947 im Gang, so daß selbstverständlich auch zu Verdächtigungen gegen das Außenministerium ein Untersuchungsausschuß gebildet werden mußte. Hier ging es u.a. um den Vorwurf, die subversiven Kommunisten im State Department seien verantwortlich für die Kapitulation vor den sowjetischen Forderungen in Jalta und Potsdam. (14)

Im Präsidentschaftswahlkampf 1952 konnte gleichfalls auf das Thema nicht verzichtet werden. Der "Abschied von Jalta" wurde in der maßgeblich von Dulles formulierten Wahlplattform der Republikaner festgeschrieben. Nämlich so: "Teheran, Jalta und Potsdam waren die Orte jener tragischen Fehler, denen weitere folgen sollten. Die Führer der amtierenden Regierung handelten ohne Wissen und Zustimmung des Parlaments und des amerikanischen Volkes. Sie verrieten unsere überwältigenden Siege für einen neuen Feind und für neue Unterdrückung und neue Kriege, die schnell kommen sollten." Und an anderer Stelle: "Die Regierung der USA wird unter republikanischer Führung alle Verpflichtungen ablehnen, die in solchen Geheimvereinbarungen wie denen von Jalta enthalten sind und die der kommunistischen Versklavung helfen." (15)

Der republikanische Kandidat Eisenhower gewann die Wahl. Die angeblichen Geheimverträge von Jalta blieben 1952/53 ein zentrales Stück der Demagogie. So wurde beispielsweise ganz ernsthaft von einem Geheimvertrag erzählt, der in Jalta über die Zukunft Spaniens abgeschlossen und später dem Franco-Regime zugespielt worden sein sollte. (16) Indessen zeichnete sich schon 1953 ab, daß unter der Präsidentschaft Eisenhowers, trotz aller wilden Reden, in der Praxis eine Beruhigung der Beziehungen zur Sowjetunion und zur Volksrepublik China angestrebt wurde. Das Thema "Jalta" verlor an Interesse. 1955 gab das State Department eine vollständige Sammlung aller Aufzeichnungen, Protokolle und Beschlüsse zur Jalta-Konferenz heraus. Nun konnte sich endgültig alle Welt davon überzeugen, daß es selbst nach Auskunft der regierenden Republikaner in Jalta kein Abkommen gegeben hatte, dessen Inhalt nicht schon spätestens 1947 publiziert worden war.

Knut Mellenthin

Arbeiterkampf, 22. Oktober 1984

 

Anmerkungen:

1) Die Ardennen-Offensive im Dezember 1944 war die letzte strategische Gegenoffensive der Wehrmacht. Das Ziel war, aus den Ardennen (im belgisch-deutschen Grenzgebiet) heraus die gegnerische Front keilartig zu durchstoßen und den wichtigen alliierten Nachschubhafen Antwerpen zu erreichen. Die Offensive brach nach großen Anfangserfolgen in wenigen Tagen zusammen. Die Verluste der US-Armee an Toten und Gefangenen durch diese Gegenoffensive waren erheblich, und der Zeitplan für den Vormarsch der Westalliierten wurde gestört.

2) Winston S. Churchill, The Second World War, Bd. VI, S. 198.

3) Die Dokumente der Jalta-Konferenz, soweit sie entweder offiziellen Charakter hatten oder es sich um Akten der amerikanischen Seite handelt, wurden vom State Department der USA 1955 publiziert. Deutsche Ausgabe gleichfalls 1955 unter dem Titel "Die offiziellen Jalta-Dokumente des State Departments". Das Wort "offiziell" ist in diesem Zusammenhang etwas verwirrend: Es gibt von der Jalta-Konferenz an offiziellen Dokumenten lediglich ein nach Konferenzschluß publiziertes Kommuniqué und ein erst nach Ende des Krieges veröffentlichtes Beschlußprotokoll. Hingegen gibt es keine offiziellen, d.h. von den drei beteiligten Parteien abgestimmten Tagungsprotokolle, sondern nur die Aufzeichnungen der einzelnen Parteien. Die erwähnte Ausgabe des State Department enthält lediglich amerikanische Akten. Sowjetische Akten wurden 1967 in Moskau herausgegeben; sie enthalten zugleich Material zu den Konferenzen von Teheran und Potsdam. Eine nicht-autorisierte Übersetzung dieser Dokumentation ist: Teheran-Jalta-Potsdam. Die sowjetischen Protokolle ..., Köln 1968. Zumindest teilweise sind autorisierte Übersetzungen auch in DKP-nahen Publikationen erschienen. Eine wichtige Quelle zum Thema ist außerdem: Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee, Roosevelt und Truman, Berlin 1961 (Moskau 1957).

4) Das zunächst geheime Ergebnisprotokoll der Konferenz unterscheidet sich in vielen Punkten von der gleich nach Abschluß der Konferenz als Kommuniqué publizierten Fassung der Beschlüsse. In meinem Text wird, soweit nicht anders vermerkt, auf das Ergebnisprotokoll Bezug genommen.

5) Rumänien, Bulgarien, Ungarn sowie die Satelliten-Staaten Slowakei und Kroatien. Ferner das mit Deutschland gegen die Sowjetunion verbündete Finnland und selbstverständlich das faschistische Italien mit seiner Kolonie Albanien. Abgesehen von der Tschechoslowakei hatten vor dem Krieg in keinem Land Osteuropas parlamentarisch-demokratische Verhältnisse geherrscht.

6) Edward R. Stettinius, Roosevelt and the Russians. (The Yalta Conference). London 1950, S. 117. Die Gebiete, die unter internationale Kontrolle gestellt werden sollten, waren das Ruhrgebiet, das Saargebiet, Hamburg und der Nordostsee-Kanal. - Stettinius war zur Zeit von Jalta Secretary of State, also Außenminister der USA. Auf S. 261-271 seines Buches setzt er sich mit den Verratsvorwürfen gegen Roosevelt auseinander und belegt Punkt für Punkt seine These, daß in Jalta von sowjetischer Seite mehr Zugeständnisse gemacht worden seien als von amerikanischer. Dabei ist zwar sein subjektives Interesse als einer der Hauptbeteiligten nicht zu vergessen, aber er bringt Fakten und Argumente.

7) Die sog. Curzon-Linie war 1919 von westlichen Politikern als Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion entsprechend den Bevölkerungsverhältnissen vorgeschlagen worden. Im Gegensatz dazu war die polnisch-sowjetische Grenze vor dem 2. Weltkrieg das Ergebnis eines Raubkrieges, den Polen 1921 mit maßgeblicher Unterstützung Frankreichs geführt hatte. Mehrere Millionen Weißrussen und Ukrainer waren auf diese Weise dem polnischen Staat zugeschlagen worden. Die nach dem 2. Weltkrieg festgelegte polnische Ostgrenze enthält gegenüber der im September 1939 durch den sowjetischen Einmarsch entstandenen Linie einige deutliche Verbesserungen zugunsten Polens.

8) Diese Erweiterung der "provisorischen Regierung" erfolgte im Juni 1945. U.a. wurde der Chef der Bauernpartei und frühere Führer der Londoner Exilregierung, Mikolajczyk, in die Regierung aufgenommen. Die Koalition zerbrach im Juli 1946.

9) Ein Abkommen zwischen Tito und Subasic war schon 1944 zustande gekommen. Die Konferenz von Jalta "empfahl" lediglich die unverzügliche Inkraftsetzung dieses Abkommens. Im März 1945 wurde auf dieser Grundlage eine Koalitionsregierung gebildet.

10) Als Erfinder der Anwendung des aus dem Theater stammenden Begriffs "Eiserner Vorhang" auf den sowjetischen Machtbereich gilt weithin Churchill, und zwar mit einer Rede, die er am 5.3.1946 in Fullton hielt. Churchill selbst macht darauf aufmerksam, daß er diesen Begriff schon in einem Telegramm an Truman am 12.5.1945 verwendete (Second World War, Bd. VI, S. 498-499; dort dokumentiert). David Horrowitz (Kalter Krieg. Hintergründe der US-Außenpolitik von Jalta bis Vietnam, S. 55) behauptet unter Berufung John Lukacs (Decline and Rise of Europe, S. 47), der Begriff stamme von Goebbels, der ihn am 23.2.1945 in einer Rede verwendet habe, in der er die Jalta-Konferenz verurteilte. Ich habe keinen anderen Hinweis in der Literatur finden können, daß Goebbels an jenem Tag überhaupt eine Rede gehalten hat. Es gibt eine auch im VB publizierte Rundfunkrede von Goebbels vom 28.2.1945 (Wortlaut siehe "Archiv der Gegenwart", Jg. 1944, S. 6705 ff.), in der aber der Begriff "Eiserner Vorhang" nicht vorkommt. Hingegen findet er sich in Goebbels Tagebuch (u.a.?) unter dem Datum 14.3.1945. Publiziert findet er sich (u.a.?) im VB vom 2.2.1945 (mit Bezug auf Bulgarien) und 10.3.1945 (bezüglich der baltischen Staaten). Reichspressechef Dietrich verwendete den Begriff vorher schon in einer Rede auf dem Kongreß der Union Nationaler Journalistenverbände, 12.12.1944: "Der eiserne Vorhang ging nieder, der furchtbare bolschewistische Terror und seine grauenvolle Praxis - nunmehr von der Welt nicht mehr kontrollierbar - begann ...". (Die Rede ist dokumentiert im "Archiv der Gegenwart", Jg. 1944).

11) Sündermann war in der NS-Zeit Herausgeber der "Nationalsozialistischen Parteikorrespondenz" und seit 1942 Stellvertreter des Reichspressechefs. Nach dem Krieg war er Mitgründer und führender Aktivist der rechtsextremen GfP (Gesellschaft für freie Publizistik) und Leiter des nicht weniger einschlägigen Druffel-Verlages (nach: Kurt P. Tauber, Beyond Eagle and Swastika, Bd. 1, Middletown 1971).

12) Beyond Eagle and Swastika, Bd. 1, S. 477.

13) Unter dem vom VB zitierten "ausländischen Pressestimmen" zur Lage nach Jalta tauchen mehrfach Blätter des Hearst-Konzerns mit Stichworten wie "Eine Niederlage der USA" und "Polens Tragödie" auf. Goebbels vermerkte am 1.3.1945 in seinem Tagebuch: "Der bekannte amerikanische Journalist von Wiegand schreibt einen Artikel über die bolschewistische Weltgefahr, der ganz genau nach einem letzten Artikel unter der Überschrift ,Das Jahr 2000` ausgerichtet ist. Dieser Artikel von Wiegand stellt, da er in sämtlichen Hearst-Blättern veröffentlicht wird, eine wahre Pressesensation dar. Unsere Thesen sind hier in einem Umfange aufgenommen, der wahrhaft staunenerregend wirkt. Die Hearst-Blätter sind ja seit jeher antibolschewistisch eingestellt gewesen; aber daß sie sich in der jetzigen Kriegslage so weit hervorwagen, scheint mir doch einigermaßen bezeichnend zu sein. Jedenfalls wird auch Roosevelt, wenn er sich nunmehr der amerikanischen Öffentlichkeit stellt, auf eine starke Opposition stoßen" - eine Hoffnung, die sich damals noch nicht erfüllte. Zitiert nach: Joseph Goebbels. Tagebücher 1945. Hamburg 1977, S. 64. Der von Goebbels erwähnte Wiegand war Chefkorrespondent der Hearst-Presse für Europa. Sein spezielles Interesse am Nazismus hatte er bereits durch Interviews mit Hitler in den Jahren 1930, 1934, 1938 und 1940 bekundet (nach Andreas Hillgruber, Hitlers Strategie, Frankfurt/M. 1965, S. 146).

14) nach: Richard M. Freeland, The Truman Doctrine an the Origins of Mc Carthyism, New York 1975, S. 347.

15) dokumentiert in History of American Presidential Elections, Bd. 4, New York u.a. 1971, S. 3282 und 3284.

16) "Der Spiegel", Nr. 7/1953, S. 16. Laut "Spiegel" lag ein Bericht über das angebliche Abkommen inzwischen "im Geheimarchiv Francos", von wo er anscheinend direkt an das Nachrichtenmagazin weitergeleitet worden war. Inhalt des Abkommens sollte eine Intervention der Alliierten (einzeln oder gemeinsam) sein, "um nach Beendigung des Krieges in Spanien ein demokratisches Regime zu errichten". Ein "wahrer Kern" dieses vermutlich ganz gezielt ausgestreuten Gerüchts könnte sich aus folgender Mitteilung Churchills ergeben: "Stalin wanted (auf der Konferenz in Potsdam; Anm. d. Verf.) the United Nations to break off all relations with Franco ,and help the democratic forces in Spain` to establish a regime ,agreeable to the Spanish people`." Diesen Vorschlag habe er, Churchill, abgelehnt, und das Thema sei daraufhin fallengelassen worden. (Churchill, The Second World War, Bd. VI, 1954, S. 566).