KNUT MELLENTHIN

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Paul Merker und die Juden

In zwei vorangegangenen Artikeln, die sich mit Aspekten der DDR-Kulturpolitik um 1950 beschäftigten, war mehrfach von einer antijüdischen Kampagne die Rede, die in dieser Zeit, ausgehend von der Sowjetunion, mehr oder weniger im gesamten Ostblock zum Ausdruck kam. In der DDR hatte diese Kampagne ihren Höhepunkt mit der Verurteilung der "Merker-Gruppe" im Dezember 1952, die auf den antijüdischen Slansky-Prozeß in der Tschechoslowakei (November 1952) folgte. Diese Zusammenhänge sollen hier näher betrachtet werden.

Paul Merker, Mitglied des Politbüros, hatte schon auf dem 3. Parteitag der SED im Juli 1950 seine Funktion verloren. Im August 1950 wurde er, zusammen mit mehreren anderen namhaften Funktionären, aus der SED ausgeschlossen. Die damalige "Säuberung", die hier aus Platzgründen nicht ausführlich genug dargestellt werden kann, wies noch nicht die späteren antijüdischen Motive auf. Wie schon im ungarischen Rajk-Prozeß (September 1949) ging es in erster Linie um die Verbindungen, die die Betroffenen während des Krieges zu Noel Field und seinem Bruder Herman unterhalten hatten. (1)

Field hatte eine amerikanische Hilfsorganisation Unitarian Service Comitee (USC) vertreten und sich, vermutlich primär aus persönlicher Neigung, besonders großzügig der kommunistischen Exilierten angenommen. Auf diese Weise hatte er tatsächlich die meisten führenden Kommunisten im Westexil freundschaftlich und intensiv kennengelernt und diese Kontakte wurden teilweise auch nach dem Krieg fortgesetzt.

Im Mai 1949 wurde Field in der Tschechoslowakei verhaftet und an Ungarn ausgeliefert. Der USC galt nun als "imperialistische Agentur", und wer während des Krieges Verbindung zu Field gehabt hatte, war logischerweise selbst ein Agent. (2) Der Kürze halber kann hier nur angemerkt werden, daß diese Bewertung des USC nicht als rein paranoid gelten kann. Tatsächlich stand während des Krieges die Leitung des USC in Verbindung mit dem US-Geheimdienst, und es wurde auch versucht, Kommunisten dafür einzuspannen, Informationen über die Lage in Deutschland, über militärische Ziele usw. zu gewinnen. Aufgrund der Kriegskoalition waren solche Vorgänge aber ganz normal und durchaus nicht "sittenwidrig", zumal ja die Illusion bestand (und von den kommunistischen Parteien gepflegt wurde), diese Koalition könne über den Krieg hinaus die Grundlage einer neuen Weltordnung darstellen. Wer als Kommunist Verbindungen zu Field unterhielt, hatte das in der Regel im Parteiauftrag getan.

Slowakischer Nationalist wird Kosmopolit

Der Slansky-Prozeß im November 1952 brachte eine politische Umorientierung zum Ausdruck, indem nun von Field kaum noch die Rede war, dafür aber "die Zionisten" als Hauptagentur der imperialistischen Subversion eingeführt wurden.

Slansky war bis zum September 1951 Generalsekretär der tschechoslowakischen KP gewesen. Seine Absetzung erfolgte ohne Angabe von Gründen und wurde öffentlich dadurch relativiert, daß Slansky zum stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt wurde. Erst im November 1951 folgte seine Verhaftung.

Damit fand die Vorbereitung eines Schauprozesses, die schon im Herbst 1949 - parallel zum ungarischen Rajk-Prozeß - begonnen hatte, einen überraschenden Abschluß. Als im Spätherbst 1949 die ersten Spitzenfunktionäre verhaftet wurden, war der spätere Hauptangeklagte noch propagandistischer Scharfmacher. Ebenso wie Slansky wurden auch einige leitende Leute des Repressionsapparats Opfer der Lawine, die sie selbst mit losgetreten hatten.

Im Laufe der drei Jahre, die bis zum Prozeß vergingen, veränderte sich nicht nur mehrfach die "Besetzungsliste", sondern auch der Inhalt der Anklage. Der stellvertretende Außenhandelsminister Evzen Löbl, der schon im November 1949 verhaftet worden war und 1952 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, beschrieb später in seinen Erinnerungen den Wandel der Dinge: "Ursprünglich wurde ich des Kontakts mit Herman Field und des Titoismus beschuldigt (...) In der zweiten Dezemberhälfte (1949) wurde ich zum slowakischen bürgerlichen Nationalisten gestempelt. Ich sei angeblich Mitglied der Führung der slowakischen bürgerlich-nationalistischen Fraktion gewesen. Der Leiter dieser Fraktion sei Clementis gewesen, weitere Mitglieder der Leitung wären Novomesky, Husak und ich (...) Ungefähr im März 1951 hörte ich auf, ein slowakischer bürgerlicher Nationalist zu sein. Ich wurde zu einem Kosmopoliten jüdisch-bürgerlicher Herkunft..." (3)

Von den eben Genannten wurde der ehem. Außenminister Clementis ebenfalls im Slansky-Prozeß vor Gericht gestellt (und zum Tode verurteilt), während den "slowakischen Nationalisten" im April 1954 gesondert der Prozeß gemacht wurde. (4)

Der im Aufbau befindliche große Prager Schauprozeß war im Laufe des Jahres 1951 "umpolitisiert" worden, indem er scharfe antijüdische Akzente erhielt. Der tschechoslowakische Historiker Kaplan schreibt das vor allem dem Einfluß der sowjetischen "Berater" zu, die seit Oktober 1949 an der Prozeßvorbereitung teilnahmen und mehr und mehr die politische Orientierung bestimmten: "Bojarsky und nach ihm Alexej Bescasnov, der neue Chefberater, wurden nicht müde, den Untersuchungsbeamten und überhaupt allen politischen Persönlichkeiten die Gefahren auszumalen, welche sich aus der Verschwörung des jüdischen Imperialismus ergäben. Die Russen setzten durch, daß scharfe Antisemiten - z.B. Andrej Keppert als Nachfolger Svabs (5) - hohe Stellen im Sicherheitsdienst erhielten." (6)

Tatsächlich war die antijüdische Kampagne von der Sowjetunion ausgegangen. Schon im November 1948 war dort das Jüdische Antifaschistische Komitee zerschlagen worden, das während des Krieges wichtige bündnispolitische Funktionen getragen hatte. In den folgenden Monaten wurden nach und nach die meisten führenden Mitglieder des Komitees verhaftet. Etliche von ihnen wurden im Juli 1952 in einem Geheimprozeß - die Akten sind anscheinend bis heute noch nicht publiziert - zum Tode verurteilt und im August hingerichtet. Alle diese Repressalien erfolgten aber ohne öffentliche Bekanntmachung; die sowjetischen Stellen waren sogar bemüht, im Ausland erscheinende Meldungen über das "Verschwinden" bekannter jüdischer Schriftsteller usw. zu dementieren.

Der Slansky-Prozeß war der erste, in dem die antijüdische Tendenz nicht nur nicht verborgen, sondern demonstrativ bekundet und propagandistisch verbreitet wurde. Er blieb, vermutlich begünstigt durch den Tod Stalins im März 1953, auch der einzige dieser Art.

Angeklagt: Die Wirtschaftspolitik

Elf von 14 Angeklagten im Slansky-Prozeß waren "jüdischer Abstammung", wie in der Anklage jeweils namentlich vermerkt wurde; von den übrigen waren zwei Tschechen und einer Slowake. Die Anklage hob auch die familiäre Herkunft hervor: "aus einer Kaufmannsfamilie", "Großkaufmannssohn", "Fabrikantensohn" usw. Nur die zwei angeklagten Tschechen kamen "aus einer Arbeiterfamilie" - was ihnen beim Urteil aber auch nichts mehr nützte: sie wurden hingerichtet. Insgesamt gab es elf Todesurteile; drei Angeklagte wurden zu lebenslanger Haft verurteilt: Evzen Löbl, Artur London (ehem. stellvertretende Außenminister) und Vavro Hajdu (gleiche Funktion).

Sieben der Angeklagten waren auf verantwortlichen Posten in der Volkswirtschaft, im Außenhandel sowie im Außenministerium tätig gewesen. Diese Bereiche standen im Zentrum des Prozesses. Angeklagt war der Versuch, die traditionellen Westbindungen der tschechoslowakischen Wirtschaft und Diplomatie nicht völlig zugunsten der UdSSR aufzugeben.

"Mit dem Ziel, den Aufbau des Sozialismus zu verhindern und das Abhängigkeitsverhältnis zu den kapitalistischen Staaten zu verstärken, erhöhten die Verschwörer die Investitionen der verarbeitenden Industrie und senkten wesentlich die Investitionen für die Entfaltung der Rohstoffbasis."

"Die Verschwörer setzten eine ganze Reihe von Handelsverträgen mit kapitalistischen Staaten durch, die für die Tschechoslowakei nachteilig waren, und den Kapitalisten die Möglichkeit boten, sich auf Kosten des tschechoslowakischen Volkes zu bereichern."

"Die Verschwörer versuchten, unsere Warenlieferungen nach der UdSSR und den volksdemokratischen Ländern, ohne Rücksicht auf die Verträge, im größtmöglichen Umfang zu verhindern, indem sie für diese Waren wesentlich höhere Preise als die auf den Weltmärkten gültigen forderten. Demgegenüber lieferten sie die gleichen Waren in die kapitalistischen Staaten zu bedeutend niedrigeren Preisen als in die Sowjetunion, zu Preisen, die tief unter dem Weltpreisniveau lagen.

Die Verschwörer scheuten sich nicht, die Bedingungen der Handelsverträge mit der Sowjetunion und den volksdemokratischen Ländern systematisch und vorsätzlich zu verletzen, indem sie die auf Grund der Verträge für unsere befreundeten und verbündeten Länder hergestellten und bestimmten Waren im letzten Augenblick nach dem Westen umdisponierten. Die vereinbarten Lieferfristen wurden nicht eingehalten, wodurch die Pläne der befreundeten Länder Störungen ausgesetzt wurden, und nicht selten wurden zum Schluß Waren und Erzeugnisse niedriger Qualität geliefert. (..) Damit sabotierten sie den Sozialismus nicht nur bei uns, sondern bemühten sich, den sozialistischen Aufbau auch in den volksdemokratischen Ländern zu hemmen." (7)

Loebl, der damals im Ministerium für Außenhandel arbeitete, hat nach seiner Rehabilitierung ausführlich und genau dargestellt, daß hinter diesen Vorwürfen reale Widersprüche standen. Ihm selbst wurde im Prozeß vorgeworfen, dafür verantwortlich zu sein, daß der tschechoslowakische Außenhandel noch zu 55 Prozent mit den kapitalistischen Staaten abgewickelt wurde. Für Konflikte hatte auch gesorgt, daß die CSR sich für ihre Nicht-Beteiligung am Marshall-Plan mit sowjetischen Großkrediten, Getreidelieferungen und weiteren "Pflastern" (Loebl) "entschädigen" ließ. Ein anderer Streit ergab sich daraus, daß Loebl dafür eintrat, Uran meistbietend an die USA (statt mit weniger Gewinn an die UdSSR) zu verkaufen. Insgesamt dürfte Loebl aber recht haben, wenn er behauptet, in jedem Punkt die Zustimmung seiner Regierung und der Parteispitze gehabt zu haben. (8)

"Die unterwühlende Tätigkeit der Zionisten ..."

In einem eigenen Anklagepunkt (IX.) wurde die "zionistische Connection" behandelt: "Slansky, Geminder (9) und die übrigen Verschwörer unterstützten und beschützten mit besonderer Aufmerksamkeit die unterwühlende Tätigkeit der Zionisten, dieser verläßlichen Agentur der amerikanischen Imperialisten." (10)

Laut Anklageschrift sei 1947 auf einer Geheimberatung in Washington zwischen US-Präsident Truman, Außenminister Acheson, dem ehem. US-Finanzminister Morgenthau, Ben Gurion (später israelischer Ministerpräsident) und Sharet (später israelischer Außenminister) "der sogenannte ,Morgenthau-Plan` vereinbart worden, der die Bedingungen festsetzte, unter welchen die Vereinigten Staaten Israel unterstützen würden. Bestandteil dieses Planes war die Forderung, daß die zionistischen Organisationen zu einer breitangelegten Spionage- und Zersetzungstätigkeit in den volksdemokratischen Ländern im Interesse der Förderung der Weltherrschaftsbestrebungen der amerikanischen Imperialisten verwendet werden." (11)

Hauptpunkt der Anklage war in diesem Zusammenhang der Vorwurf, die von den USA betriebene wirtschaftliche Destabilisierung und Abhängigmachung der CSR sei wesentlich mit Hilfe "zionistischer" Kapitalisten sowie Israels erfolgt. Weiter heißt es in der Anklageschrift: "Unter dem Schutz der Verschwörer betrieb in der CSR die amerikanische jüdische Organisation JOINT (12), die sich mit Spionage, Sabotage, dunklen Devisenmachenschaften, Schleichhandel und Schmuggel befaßte, eine umfangreiche Tätigkeit. Die verschiedensten zionistischen Organisationen vom Typ des ,Betar` (13) beschäftigten sich ungestraft mit verschiedener unterwühlender Tätigkeit, gaben staatsfeindliche Flugblätter heraus, bildeten Terroristen aus und organisierten die illegale Flucht kapitalistischer feindlicher Elemente ins Ausland." (14)

Im Hintergrund dieser Vorwürfe ist zu sehen, daß die Tschechoslowakei tatsächlich zeitweise eine Sonderrolle gespielt hatte, und zwar mit Billigung der sowjetischen Führung: 1948 war die CSR Drehscheibe für Waffenlieferungen an die Zionisten, was in einer schwierigen Phase des militärischen Kampfes um Palästina von erheblicher Bedeutung war. Das ging einher mit speziellen engen, teilweise selbstverständlich konspirativen und auch geheimdienstlichen Verbindungen zwischen Prag und zionistischen Organisationen, Geldgebern usw.

Als sich ab Herbst 1948 die sowjetisch-israelischen Beziehungen verschlechterten, vollzog die CSR diesen Wandel mit einer gewissen Zurückhaltung und Verspätung nach, wozu möglicherweise ebenfalls sowjetisches Einverständnis vorlag. (Der Gedanke, nicht sofort "sämtliche Brücken abzubrechen", müßte auch aus Moskauer Sicht seine Logik gehabt haben.)

Dieser Hintergrund könnte erklären, warum gerade in der CSR die Kriminalisierung solcher Verbindungen und die Abstempelung der "Zionisten" und "Kosmopoliten" zu Sündenböcken für die reale wirtschaftliche Misere weit größere Dimensionen annahm als in irgendeinem anderen Ostblockland.

Die SED zieht Lehren

"Von besonderer Bedeutung im Prozeß gegen die Slansky-Bande waren die Enthüllungen über die verbrecherische Tätigkeit der zionistischen Organisationen." (Einige Lehren aus dem Prozeß gegen das Verschwörerzentrum Slansky; Beschluß des ZK der SED, 20.12.52)

Der Slansky-Prozeß sollte, besonders in seinen "antizionistischen" Elementen, ein Lehrstück für die "internationale Arbeiterbewegung" darstellen. Staatsanwalt Urvalek betonte in seiner Schlußrede die Allgemeingültigkeit der politischen Ergebnisse: "Der Prozeß führt allen kommunistischen und Arbeiterparteien die Gefahr vor Augen, mit der der Zionismus in seiner Eigenschaft als Büro des amerikanischen Imperialismus sie bedroht. Seit jeher sind die zionistischen Organisationen durch die tausend Fäden der Klasseninteressen mit dem Weltkapitalismus verbunden. Daher waren sie für den Befreiungskampf der Arbeiterklasse gefährliche Organisationen. Die Gefahr, die der Welt von den internationalen zionistischen Organisationen her droht, ist seit der Errichtung des amerikanischen Protektorates - des sogenannten Staates Israel - größer geworden. (...) Der Prozeß zeigt uns mit aller Schärfe die Gefahr, mit der uns der Zionismus bedroht. Er hat aber auch eine internationale Tragweite, denn nicht nur unserer Kommunistischen Partei, sondern auch den anderen kommunistischen Arbeiterparteien gilt diese Warnung, ihre Reihen nicht von diesem gefährlichen Werkzeug der amerikanischen Imperialisten infiltrieren zu lassen." (15)

Die SED-Erklärung "Einige Lehren ..." sollte dem primär von der sowjetischen Führung ausgehenden Drängen nach Verallgemeinerung der "antizionistischen" Akzente des Prager Prozesses Genüge tun. Im Vergleich mit den Vorwürfen gegen Slansky und Genossen zeigt sich jedoch, daß die SED dieser Verpflichtung nur vordergründig nachkam, sich ihr genau besehen aber entzog, soweit ihr eigener Spielraum (und vielleicht auch die Unterstützung einiger sowjetischer Funktionäre in der DDR) es zuzulassen schien.

Zweifellos übernahm die SED Inhalt und Diktion der "antizionistischen" Kampagne ohne wesentliche Abstriche. Der Unterschied lag darin, daß die SED der intendierten strafrechtlichen Dimension auswich. Im Zusammenhang mit den "Zionismus"-Vorwürfen war in der SED-Erklärung von einer Schädigung oder Gefährdung der DDR nicht die Rede. Verbal wurde die Moskauer "Theorie" akzeptiert, daß in allen sozialistischen Ländern imperialistische Agentennetze in die Parteiführungen eingedrungen seien, aber praktisch wurden daraus keine Konsequenzen gezogen.

Zwar nannte die SED-Erklärung Merker einen "Agenten" und trug damit der Tatsache Rechnung, daß einige Angeklagte des Prager Prozesses ihn persönlich belastet hatten. Tatsächlich aber wurde in der Erklärung Merker lediglich sein politisches Verhalten in den Jahren 1939-45, erst im französischen und dann im mexikanischen Exil, vorgeworfen. In erster Linie ging es um zwei Artikel, die Merker für die in Mexiko produzierte KPD-gesteuerte Zeitung "Freies Deutschland" geschrieben hatte. Das hatte sich mehrere Jahre vor Gründung der DDR abgespielt, und die SED hatte bis zum Slansky-Prozeß keine öffentliche Kritik an Merkers alten Texten geübt.

Offensichtlich war das, was man Merker vorwarf, allenfalls eine politische "Abweichung". Schlimmstenfalls hätte man damit ein Parteiverfahren begründen können, aber ganz sicher keinen Strafprozeß. Es ist sogar fragwürdig, ob das Material für eine innerparteiliche Verurteilung ausgereicht hätte. Zwar waren Merkers 1942 oder 1944 formulierte Positionen zum Zionismus, zum kommenden Staat Israel, zur jüdischen Nationalität und zur "Wiedergutmachung" mit der SED-Politik von 1952 nicht mehr zu vereinbaren. Dennoch waren sie zum Zeitpunkt der Niederschrift möglicherweise KPD-konform gewesen oder hatten sich in einem zugestandenen Spielraum des Experimentierens bewegt. Die Ansichten und/oder Aussagen der KPD/SED zu einigen dieser Fragen hatten sich seither stark verändert, aber das war nie Gegenstand einer öffentlichen Erörterung gewesen. In der Erklärung zum Slansky-Prozeß blieb dieser Umstand selbstverständlich unerwähnt.

Angeklagt wegen Aufenthalt in Mexiko

In der Hauptsache stellte die Erklärung vom Dezember 1952 eine Abrechnung mit der Politik der KPD-Gruppe im mexikanischen Exil dar. (16) Viele Mitglieder dieser Gruppe gerieten in den Jahren 1950-52 in den Sog der "Überprüfungen", "Säuberungen" und Strafverfahren:

Merker, als Mitglied des Politbüros einer der ranghöchsten KPD-Funktionäre in jenen Jahren, war offensichtlich der außenpolitische Vordenker des Kreises und produktivster Autor des "Freien Deutschland". Die bestimmenden Artikel zur jüdischen Thematik wurden alle von Merker geschrieben. (17)

Alexander Abusch war Chefredakteur des "Freien Deutschland" und als solcher für die politische Linie der Zeitung mitverantwortlich. Die SED-Erklärung zum Slansky-Prozeß erwähnt, daß Abusch diese Funktion hatte, was wohl als Tadel zu interpretieren ist. Da es in der Erklärung auch heißt, die Zeitung "entwickelte sich immer mehr zu einem Publikationsorgan zionistischer Auffassungen", wäre Abusch eigentlich von erheblicher Mitschuld nicht freizusprechen gewesen. Andererseits wurde durch das Attribut "Genosse", das Merker konsequent verweigert wurde, ein gnädiger Ton angestimmt. Tatsächlich hatte Abusch, selbst jüdischer Herkunft, der 1951 in eine schwere "Überprüfung" geraten war, zum Zeitpunkt Ende 1952 wohl schon das Schlimmste hinter sich. Es folgte eine schöne Karriere, die ihn schließlich ins Amt des Kulturministers trug.

Das härteste Schicksal unter Merkers Genossen in Mexiko hatte der aus der Tschechoslowakei stammende André Simone (früher Otto Katz): er war einer der Angeklagten im Slansky-Prozeß und wurde hingerichtet. Simone hatte zusammen mit Abusch das erste Braunbuch zum Reichstagsbrand-Prozeß redigiert; außerdem war er Autor des zweiten Braunbuchs "Dimitroff contra Göring" und redaktionell verantwortlich für das Buch "Das braune Netz", in dem die internationalen Aktivitäten der Nazis angegriffen wurden.

Für das "Freie Deutschland" schrieb Simone zahlreiche Artikel, darunter engagierte Propaganda für die Sowjetunion und für Stalin. - In der SED-Erklärung zum Slansky-Prozeß findet sich an eher versteckter Stelle, ohne weitere Erläuterung, der bemerkenswerte und bösartige Satz, André Simone habe die "zionistische Politik" der Gruppe "inspiriert", und Merker habe sie in der Presse "verkündet".

Zu den regelmäßigen Autoren des "Freien Deutschland" in Mexiko gehörte auch Rudolf Feistmann, der Chefredakteur der gleichfalls in Mexiko unter Regie der KPD herausgegebenen Zeitung "Demokratische Post". - Nach dem Krieg wurde er Leiter der außenpolitischen Redaktion des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland". Er geriet - wie u.a. auch Merker - schon 1950 in eine "Parteisäuberung", die sich an den Rajk-Prozeß in Ungarn (September 1949) anschloß. Feistmann zog es nach einer "Befragung" durch die Zentrale Parteikontrollkommission vor, sich am 7. Juni 1950 selbst umzubringen. Die DDR-Medien meldeten eine Fleischvergiftung und brachten ehrende Nachrufe.

Der Rechtsanwalt und Staatsrechtler Leo Zuckermann hatte sich im "Freien Deutschland" für finanzielle "Wiedergutmachung" an den Juden und am jüdischen Volk ausgesprochen. In der DDR wurde er Staatssekretär, Chef der Präsidialkanzlei von Wilhelm Pieck und Leiter der Außenpolitischen Kommission beim ZK der SED. Als Jude und Mitglied der mexikanischen Exilgruppe doppelt gefährdet, verließ Zuckermann am 21. November 1952, dem zweiten Tag des Slansky-Prozesses, die DDR in Richtung Westberlin.

Der frühere Reichstagsabgeordnete Erich Jungmann zählte neben Merker, Simone und Abusch zu den produktivsten Autoren des "Freien Deutschland". Er war Sekretär des von der KPD-Gruppe in Mexiko ins Leben gerufenen Antifa-Bündnisses "Bewegung Freies Deutschland". - Wegen eines Artikel im "Freien Deutschland" wurde Jungmann in der SED-Erklärung zum Slansky-Prozeß namentlich kritisiert, er vertrete gleiche Ansichten wie Merker; jedoch war dieser Angriff wie im Fall von Abusch durch das Beiwort "Genosse" entschärft. Jungmann kam mit einem kleinen Karriereknick davon.

"Deutschland und die Juden"

Das "Freie Deutschland" (zuletzt unter dem Namen "Neues Deutschland") erschien von November 1941 bis Juni 1946 in Mexiko. Real wurde die Zeitung von der dortigen KPD-Gruppe bestimmt; ihrem erklärten Anspruch nach war sie aber ein Forum aller "Freien Deutschen", d.h. aller deutschen oder deutschsprachigen Antifaschisten. Die Auflage lag im Durchschnitt bei 3.500 oder 4.000 (18). Die meisten Exemplare gingen an Abonnenten in Lateinamerika, sowie auch in den USA.

Paul Merker war im FD mit insgesamt 72 Artikeln und kleineren Beiträgen vertreten. Er hat also etwa doppelt soviel geschrieben wie Erich Jungmann (37 Texte) und André Simone (32 Texte), die nach Merker die fleißigsten Autoren waren. (19) Von dessen 72 Texten befaßten sich fünf mit dem Themenkreis "Juden und Deutschland". Einen weiteren Artikel, der 1952 von der SED kritisiert wurde, schrieb Jungmann für die Februar-Ausgabe 1945. (20)

Daneben gab es im FD zahlreiche andere Artikel zu "jüdischen Themen", wie etwa zwei Aufsätze von Leo Katz über die Geschichte des Antisemitismus (21) und über dessen angeblich geglückte Abschaffung in der UdSSR (22). Der einzige noch programmatisch zu nennende Artikel zum Problemkreis "Juden und Deutschland" wurde von Paul Mayer, einem jüdischen Nichtkommunisten, geschrieben. (23). Zum Einzelthema "Wiedergutmachung" gab es außerdem einen Artikel von Leo Zuckermann. (24)

Merker schrieb zum Thema erstmals im FD vom Oktober 1942. (25) Er argumentierte in diesem Artikel, daß an den Verbrechen gegen die Juden nicht nur die reaktionären Klassen Deutschlands schuldig seien, sondern daß das deutsche Volk insgesamt eine schwere Verantwortung auf sich geladen habe. "Verantwortlich für diese Schandtaten sind auch alle, die sich nicht der Schmutzwelle des Antisemitismus entgegenwarfen." Allerdings war die Tendenz zu erkennen, die Kommunisten doch wieder zu entlasten und umso stärkere Vorwürfe gegen die SPD zu richten.

Ein zweiter Punkt des Artikels beschäftigte sich mit der Funktion des Antisemitismus, die Merker in klassischer Weise definierte: "Der Antisemitismus ist für die reaktionärsten Teile der herrschenden deutschen Monopolisten und Großgrundbesitzer nichts als ein Mittel, sich zu bereichern" und die "Opfer" der kapitalistischen Entwicklung, "d.h. die Gewerbetreibenden und andere Angehörige kleinbürgerlicher Berufe, von den wirklich Schuldigen an ihrer zunehmenden Verelendung abzulenken." Der Antisemitismus sei "schwärzeste Reaktion, nicht nur gegen die Juden, sondern gegen die ureigensten Interessen der arbeitenden Klassen und Schichten des deutschen Volkes wie anderer Völker gerichtet".

Ein dritter Punkt galt dem geschichtlichen und aktuellen Schicksal der Juden: Selbst sehr reiche Juden hätten sich ihrer Position niemals sicher sein können. "Zahlreiche jüdische Großbürger haben das weder gesehen noch geglaubt und arbeiteten, indem sie sich auf die Seite der Reaktion stellten und manchmal sogar die Nazibewegung finanziell unterstützten, an ihrem eigenen und am Untergang ihrer Mitbürger." Der Kampf der Juden um die Lösung ihrer Probleme sei "untrennbar verbunden mit dem Befreiungskampf der Arbeiter und des Mittelstandes". Wo die wirkliche Zukunft der Juden liege, zeige das Beispiel der Sowjetunion.

Bis hierhin hatte Merker sehr konventionell klassische marxistische Standpunkte referiert. Er verließ diesen Boden jedoch dort, wo er als praktische Schlußfolgerung die Forderung nach einem jüdischen Nationalstaat unterstützte. Zwar war das 1947/48 auch die offizielle Politik der Sowjetunion, aber nach stalinistischem Brauch konnte eine verbrecherische Aktivität auch darin bestehen, daß jemand zu früh das später angeblich richtige getan oder ausgesprochen hatte.

Ein weiterer Punkt dieses ersten Merker-Artikels behandelte die "Wiedergutmachung": "Die den jüdischen Staatsbürgern zugefügten wirtschaftlichen Schäden werden im Rahmen der eingeschlagenen wirtschaftlichen Orientierung wieder gutgemacht. Die Entschädigung erfolgt sowohl an die Rückkehrer, wie an diejenigen, die im Ausland zu bleiben wünschen." Jeder Jude deutscher Nationalität müsse nach dem Krieg das Recht haben, auf Kosten des deutschen Staates entweder nach Deutschland zurückzukehren oder sich in einem Land seiner Wahl niederzulassen.

Im FD vom März 1943 nahm Merker zu Diskussionen und Widersprüchen Stellung, die sein Artikel ausgelöst hatte. In der Hauptsache ging es damals schon um das gleiche Problem, das 1952 in der SED-Erklärung im Mittelpunkt stand: man dürfe doch nicht den jüdischen Bankiers und Großkapitalisten ihre Millionen zurückgeben. Merker verwies demgegenüber auf seine Formulierung: Wiedergutmachung "im Rahmen seiner ökonomischen Orientierung" (er zitierte sich selbst nicht ganz genau). Das Programm der "Freien Deutschen" fordere bekanntlich die Nationalisierung der monopolisierten Großindustrie, der Großbanken und des Großgrundbesitzes, denn nur dadurch könne der Faschismus mit der Wurzel ausgerottet werden. Daher wäre es "widernatürlich, z.B. den Rothschilds ihren Anteil an diesen Monopolen zurückzugeben". Zwar müsse die Rückerstattung der geraubten Besitztümer im Prinzip unabhängig von der Klassenzugehörigkeit erfolgen, aber die Festsetzung einer Höchstgrenze werde notwendig sein. In erster Linie werde es darum gehen, jüdischen Handwerkern, Ärzten, kleinen und mittleren Industriellen ihre früheren Betriebe zurückzugeben.

In einem Artikel in der Ausgabe April 1944 des FD (26) wiederholte Merker im Wesentlichen die eben skizzierten Standpunkte. Neu war die klare Aussage: "Die Zugehörigkeit zu einer nationalen jüdischen Bewegung, wie z.B. zum Zionismus, schließt die Zugehörigkeit deutscher Staatsbürger jüdischer Herkunft zur Bewegung Freies Deutschland nicht aus." Merker beantwortete damit die (anscheinend schriftlich vorliegende, aber nicht publizierte) Anfrage eines "Freundes", "ob die jüdischen Mitglieder der Bewegung Freies Deutschland nicht in einen Gewissenskonflikt geraten müssen, der sich aus dem unter der Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung stärker entflammten Nationalgefühl ergibt".

Außerdem argumentierte Merker in diesem Artikel gegen Widersprüche des "Freundes" in Sachen Wiedergutmachung und forderte einen "energischen Minderheitenschutz" für die Juden, da sich historisch erwiesen habe, daß bloße formelle juristische Gleichheit keinen ausreichenden Schutz biete.

In den Ausgaben Juni bis August 1944 gab das FD einige "Briefe an die Redaktion" zur Diskussion "über die Zukunft der deutschen Juden" wieder. Erneut stand die Frage der finanziellen Wiedergutmachung im Vordergrund. Trotz der Ankündigung, die Redaktion behalte sich vor, Paul Merker die Gelegenheit zu einem "Schlußwort" zu geben, erfolgte dieses unmittelbar nicht. Die Diskussion wurde nach der August-Ausgabe kommentarlos abgebrochen.

Der nächste Artikel Merkers zum Thema erschien erst im Oktober 1945. (27) Abgesehen von der Wiederholung früherer Aussagen bestand der Hauptpunkt in der Frage, ob Juden nach Deutschland zurückkehren sollten. Von vielen Juden wurde das damals kategorisch abgelehnt. Hierzu schrieb Merker nun, es sei für eine Beantwortung dieser Frage vielleicht noch zu früh, und selbstverständlich sei das eine Entscheidung der Juden selbst. Auf deutscher Seite bestehe aber jedenfalls die Verpflichtung, Voraussetzungen für eine Rückkehr zu schaffen ("Wiedergutmachung", Ausrottung des Antisemitismus), "und unabhängig davon die nationalen Bestrebungen des jüdischen Volkes zu unterstützen."

Letztmals nahm Merker zum Thema im FD, bzw. nun schon ND, vom März/April 1946 Stellung, wo er den Diskussionsbeitrag eines Dr. J. Lourie beantwortete. Dieser hatte die Frage nach national-kultureller Autonomie der Juden außerhalb Palästinas aufgeworfen. Merker schrieb dazu u.a.: "Die Anerkennung der nationalen Zugehörigkeit der Juden, die es wünschen, zum jüdischen Volk würde meines Erachtens deren Anerkennung als ethnische Gruppe einschließen."

Was die SED Merker 1952 vorwarf

In der SED-Erklärung zum Slansky-Prozeß bildete die Frage der "Wiedergutmachung" den Schwerpunkt der Vorwürfe gegen Merker. Als Hintergrund bietet sich die Tatsache an, daß gerade ein Vierteljahr zuvor, im September 1952, ein entsprechendes Abkommen zwischen der BRD und Israel geschlossen worden war, und daß von jüdischer Seite auch Forderungen an die DDR gestellt wurden. Weniger plausibel ist die Deutung, Merker sei "ausgeschaltet" worden, weil er in dieser Frage eine andere Haltung eingenommen hatte (28): Merker war ja schon im August 1950 abgesetzt worden, noch bevor die israelische Regierung ihre konkreten Forderungen benannt hatte, und arbeitete seither als Kellner. Im übrigen wurde, wie schon erwähnt, bei den "Säuberungen" von 1950 der ganze Themenkreis Juden/ Israel / Zionismus / "Wiedergutmachung" überhaupt nicht erwähnt - und spielte allem Anschein nach auch tatsächlich keine Rolle. Zu untersuchen bliebe noch, ob das "Freie Deutschland" in Sachen Wiedergutmachung tatsächlich eine Sonderposition vertrat, oder ob es sich damit nicht eher im Rahmen der offiziellen KPD-Politik bewegte, wenn auch vielleicht etwas engagierter und weitgehender als andere Teile der Partei. Daß die Sache allerdings schon damals umstritten war, zeigen die Debatten im FD, wobei anzumerken ist, daß solche "Leserdiskussionen" in der Zeitung keineswegs üblich waren.

Ein zweiter Punkt der Vorwürfe betraf die Unterstützung der Staatsgründung in Palästina, aber Merker war dabei wohl kaum über das hinausgegangen, was dann 1947/48 offizielle SED-Position war. Am 12. Juni 1948 (einen Monat nach der Gründung Israels) gab das ZK der SED eine Broschüre heraus, die mit einer Erklärung Merkers eingeleitet wurde, dann Auszüge aus der UNO-Rede Gromykos für die Teilung Palästinas enthielt, und in der auch eine Erklärung des DDR-Präsidenten Pieck abgedruckt war, in der es hieß: "Wir betrachten die Schaffung eines jüdischen Staates als einen wesentlichen Beitrag, um Tausenden von Menschen, denen der Hitlerfaschismus die schwersten Leiden zufügte, den Aufbau eines neuen Lebens zu ermöglichen." (29) - Das Abrücken von dieser positiven Haltung zu Israel setzte schon im Herbst 1948 ein, war jedoch anfangs noch keineswegs als abrupter Wandel zu erkennen.

Wirklich eine Sonderposition hatte Merker vermutlich mit seinem Plädoyer für die Anerkennung der Juden als nationale Minderheit/Nationalität im deutschen Staat vertreten. Jedenfalls scheint es für eine solche Forderung in der DDR nie Sympathien gegeben zu haben, obwohl das sowjetische Vorbild doch dafür gesprochen hätte, sich in diese Richtung zu bewegen, und obwohl die DDR am Beispiel der sorbischen Volksgruppe sehr bemüht war, sich mit einer großzügigen Minderheitenpolitik zu profilieren.
Bündnispolitische Experimente

Insgesamt ist festzustellen, daß von der KPD-Gruppe in Mexiko und vom FD in relativer Autonomie eine Bündnispolitik gegenüber jüdischen Kreisen versucht wurde, die tatsächlich neue Elemente beinhaltete und ein politisches Experiment darstellte. Sicher war es ungewöhnlich, daß im FD jedes Auftreten zionistischer Politiker in Mexiko, jede jüdische Veranstaltung, mit einer wohlwollenden Meldung zur Kenntnis genommen wurde. Ungewöhnlich war auch, daß die mexikanische Exilgruppe der KPD den Versuch unternahm, im Rahmen der Gruppe "Menorah" - die hebräische Bezeichnung des siebenarmigen Leuchters - oder auch der "Bené Berith" (wörtlich: Söhne des Bundes; die bekannteste, international organisierte jüdische Loge) mit nicht-kommunistischen, bürgerlichen Juden zusammenzuarbeiten. Eine spanischsprachige Monatszeitschrift, die in Mexiko herauskam und sich an jüdische Leser richtete, hieß "Tribuna Israelita". Ihr (anonymer) Chefredakteur soll André Simone gewesen sein, und Rudolf Feistmann war einer der Redaktionsmitarbeiter, ebenso wie der Kommunist Leo Katz, der auch im FD schrieb. (30)

Andererseits hatte zur gleichen Zeit auch die sowjetische Führung nichts dagegen einzuwenden, daß Juden ihres Landes Kontakte zu Zionisten der USA und anderer Länder unterhielten. Noch 1948 schrieb Merker, und er hatte vermutlich Grund für seinen Optimismus: "Nach Äußerungen von Mitgliedern der sowjetischen UN-Delegation, die an der Bearbeitung der Palästinafrage teilnahmen, wird die Sowjetunion auch die Alijah (= Einwanderung) sowjetischer Juden nach Palästina gestatten. Die Führer des Judentums in der Sowjetunion werden von nun an im direkten Kontakt mit dem jüdischen Zentrum in Palästina stehen." (31)

Diese Dinge verwandelten sich aber in ein Problem, als die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen sich nach dem Krieg rasant verschlechterten und als Israel, wider alle Hoffnungen, seinen Platz an der Seite der USA statt an der der Sowjetunion einnahm. Nunmehr wurde rückwirkend kriminalisiert, was zum Zeitpunkt der Ereignisse nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert worden war.

So war die "antizionistische" Kampagne der frühen fünfziger Jahre auch Ausdruck einer Politik, die sich nicht kritisch der eigenen Praxis stellte, die taktisch bedingte Entscheidungen nicht im Licht gewandelter Bedingungen aufarbeitete, sondern die heute als "Verbrechen" verwarf, was gestern noch offiziell als richtig oder zumindest als zulässig gegolten hatte. Insofern war dann auch immanent logisch, daß sich das größte Mißtrauen ausgerechnet gegen die aktivsten, mutigsten und fähigsten Antifaschisten richtete. Schon die Teilnahme am Spanischen Krieg oder das Überleben faschistischer Gefängnisse und Lager galt nun als Beweismittel der Anklage.

Mit geschlossenem Visier

Den weiteren Gang der Dinge beschreibt Robin Ostow in ihrem Buch über Juden in der DDR so: "Diesem Rundschreiben (Erklärung zum Slansky-Prozeß) folgten antijüdische Hetzartikel in der Parteipresse, der Ausschluß von Juden aus hohen Ämtern sowie verstärkte Kontrolle und Überwachung von Juden in der DDR. Die Vorsteher der Jüdischen Gemeinden in der DDR wurden verhört und aufgefordert, Erklärungen zu unterschreiben, in denen sie das AJDC (die internationale jüdische Hilfsorganisation Joint) als eine Organisation amerikanischer Agenten denunzierten, Zionismus mit Faschismus gleichstellten, gegen die Todesurteile der Rosenbergs (jüdisches Ehepaar, das in den USA wegen angeblicher Spionage für die Sowjetunion hingerichtet wurde) protestierten und Wiedergutmachungszahlungen als Ausbeutung des deutschen Volkes bezeichneten. (...) Bei fast allen Juden wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt und Personalausweise beschlagnahmt. Die Bewohner wurden angewiesen, sich in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes aufzuhalten". (32)

Wieweit dieses Bild zutrifft, ist schwer einzuschätzen. In der DDR durfte zu diesen Vorgängen nicht publiziert werden, und anscheinend wurde dazu nicht einmal geforscht. Jedenfalls fehlt bis heute eine auch nur näherungsweise zusammenfassende Darstellung dieses Abschnitts. Einzelne Autoren wie Wolfgang Kießling und Wilfriede Otto haben offenbar dazu zu arbeiten begonnen.

Robin Ostow schreibt, die Politik der DDR-Führung habe sich ab Mitte Juni 1953 "schlagartig" geändert. "Antijüdische Maßnahmen wurden eingestellt, und man begann mit der Rehabilitierung der Juden und ihrer Gemeinden." (S. 17) - Für den "Fall Merker" galt das jedenfalls noch nicht: Merker wurde im März 1955 in einem Geheimprozeß zu acht Jahren Zuchtshaus verurteilt; die Anklageschrift wurde bisher nicht publiziert, so daß noch unklar ist, was ihm vorgeworfen wurde.

Im Juli 1956, nach dem 20. Parteitag der KPdSU, wurde eine Erklärung veröffentlicht, in der es ohne weitere Angaben zur Sache lediglich hieß: "Das Zentralkomitee stellte nach Prüfung der Angelegenheit Paul Merker fest, daß die ihm zur Last gelegten Anschuldigungen in der Hauptsache politischer Natur sind, die eine strafrechtliche Verfolgung nicht rechtfertigen." Im Gegensatz zu mehreren anderen wurde Merker damit aber noch nicht wieder in die Partei aufgenommen. Seine parteiinterne Rehabilitierung folgte erst 1958.

Öffentlich wurde aber bis zum Ende der DDR die "Episode" 1950-52 nicht nur nicht selbstkritisch kommentiert, sondern durfte nicht einmal erwähnt werden. Typisch dafür sind die Memoiren von Alexander Abusch (Mit offenem Visier, Berlin 1986), in denen zwar ausführlich und freundschaftlich die Rolle Merkers im mexikanischen Exil gewürdigt wird, aber der daraus 1952 konstruierte Kriminalfall mit keinem Wort erwähnt oder auch nur angedeutet wird. Vermutlich ließ vor allem die Rücksichtnahme auf den einzigen noch lebenden Hauptschuldigen, Erich Mielke (Staatssekretär im MfS seit Februar 1950), selbst aus dem historischen Abstand von über 30 Jahren kein klärendes Wort zu.

Knut Mellenthin

analyse & kritik, 3. Juni 1992

Anmerkungen:

1) Ausgeschlossen wurden 1950 zusammen mit Merker: Leo Bauer (Leiter des Deutschlandsenders), Bruno Goldhammer (leitender Mitarbeiter des Amtes für Information des Ministerrates), Willi Kreikemeyer (Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn), Lex Ende (bis Oktober 1949 Chefredakteur des "Neuen Deutschland") und Maria Weiterer (Ostsekretärin beim Bundesvorstand des Frauenbundes DFD). Ihrer Funktionen enthoben, aber wegen "geringerer Schuld" nicht aus der SED ausgeschlossen wurden: Bruno Fuhrmann (Instrukteur beim ZK), Hans Teubner (Leiter an der Parteihochschule), Walter Beling (Mitglied des SED-Parteivorstands) und Wolfgang Langhoff (Intendant am Deutschen Theater). Mehrere der Ausgeschlossenen wurden noch im August 1950 verhaftet. Ende und Kreikemeyer verstarben aufgrund der barbarischen Haftbedingungen. Leo Bauer wurde von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt, was dann in 25 Jahre Strafarbeitslager umgewandelt wurde.

2) Eine gute Gesamtübersicht über die großen Prozesse der Jahre 1949-52 und speziell zum "Fall Field" bietet: Georg Hermann Hodos, Schauprozesse; Berlin 1990. - Interessante Einzelaufsätze, besonders zu den "Säuberungen" in der DDR und in der KPD, finden sich in: Wolfgang Maderthaner u.a. (Hrg.), "Ich habe den Tod verdient". Schauprozesse und politische Verfolgung in Mittel- und Osteuropa 1945-1956; Wien 1991.

3) Eugen Löbl, Die Aussage. Hintergründe eines Schauprozesses; Stuttgart 1978, S. 35.

4) Husak, der bis Mai 1950 Chef der slowakischen Landesregierung gewesen war, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Später "rehabilitiert", war er nach der Besetzung der CSSR (August 1968) ab April 1969 Erster Sekretär der KPC und seit 1975 auch Staatspräsident.

5) Karel Svab war stellvertretender Minister für nationale Sicherheit gewesen und in dieser Funktion maßgeblich an der ersten Phase der Prozeßvorbereitungen beteiligt. Er wurde Anfang 1951 verhaftet und im Slansky-Prozeß zum Tode verurteilt.

6) Karel Kaplan, Die politischen Prozesse in der Tschechoslowakei 1948-1954; München 1986, S. 202. Die Rolle der sowjetischen "Berater" bei der antijüdischen Umfunktionierung des Prozesses wird auch in dem Untersuchungsbericht hervorgehoben, den die KPC 1968 publizierte: Jiri Pelikan (Hrg.), The Czech Political Trials 1950-54; 1971, S. 102-103. (Deutsche Ausgabe: Das unterdrückte Dossier).

7) Das Protokoll des gesamten Prozesses erschien 1952 in Prag auch in einer deutschsprachigen Ausgabe. Die Anklagerede ist außerdem in dem Buch von Loebl (siehe Anm. 3) dokumentiert, die Schlußrede des Staatsanwalts in dem Buch von London (siehe Anm. 15). Zitate hier nach Loebl, S. 108-109, S. 115 und S. 118-119.

8) Loebl, s.o., S. 22-34. Diese realpolitischen Aspekte des Prozesses kommen in den meisten Darstellungen viel zu kurz oder tauchen überhaupt nicht auf.

9) Bedrich Geminder, ehem. Leiter der internationalen Abteilung des Sekretariats des ZK der KPC.

10) Loebl, s.o., S. 128-130.

11) Loebl, s.o., S. 129.

12) Joint Distribution Comitee, internationale jüdische Hilfsorganisation.

13) revisionistische, d.h. rechtszionistische Jugendorganisation.

14) Loebl, s.o., S. 130.

15) Zitiert nach: Artur London, Ich gestehe; Hamburg 1970, S. 311.

16) Hans-Albert Walter: Deutsche Exilliteratur, Bd. 4, Exilpresse; Stuttgart 1978, S. 190. - Eine Gesamtdarstellung bietet außerdem: Wolfgang Kießling, Exil in Lateinamerika; Frankfurt 1981. (Leider folgt diese Arbeit eng den Vorgaben der Parteilinie der SED und der DDR-Zensur. Der gesamte "Fall Merker" blieb ausgespart.) - Sehr wichtig ist in unserem Zusammenhang: Fritz Pohle, Das mexikanische Exil; Stuttgart 1986. Das Buch von Pohle bietet die vermutlich ausführlichste Darstellung über die Bündnispolitik der Merker-Gruppe gegenüber dem deutsch-jüdischen Exil.

17) Manche Publizisten aus dem Gebiet der DDR behaupten in neueren Veröffentlichungen, Merker sei Jude gewesen. So Angelika Timm im "Morgen" vom 10./11.11.90 (in einer späteren Bearbeitung dieses Artikels für die "Tribüne" im Herbst 1991 ließ sie den Juden weg), und zuletzt noch Olaf Groehler in der "konkret" 5/92. Die Herkunft dieses Gerüchts ist unklar. Merker selbst bezeichnete sich im FD vom Oktober 1942 ausdrücklich als "nichtjüdischen Antifaschisten". - Im übrigen bietet der Artikel von Groehler in der "konkret" eine sehr kompetente Übersicht über die Defizite der DDR-Geschichtsschreibung zur deutschen Judenverfolgung und Judenvernichtung.

18) Walter (s.o.), S. 190.

19) Walter (s.o.), S. 247.

20) Zur Notkonferenz des Jüdischen Weltkongresses. Jungmann bekräftigte dort erstens das Bekenntnis zur "Wiedergutmachung", die auch "von größter politischer Bedeutung", nämlich "eine der Voraussetzungen der Umerziehung des deutschen Volkes" sei. Zweitens widersprach Jungmann den jüdischen Stimmen, die den "Neuaufbau einer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland" ablehnten.

21) Antisemitismus als Barometer. FD vom Januar 1942.

22) Die Juden in der Sowjetunion. FD vom November 1943.

23) Deutsche und Juden. FD vom Dezember 1943.

24) Der Rechtsanspruch der deutschen Juden auf Wiedergutmachung. FD vom September 1944.

25) Hitlers Antisemitismus und wir. In der SED-Erklärung falsch datiert auf August 1942.

26) Brief an einen Freund. Die Bewegung Freies Deutschland und die Zukunft der Juden.

27) Die Juden und das neue Deutschland.

28) So Angelika Timm, siehe Anm. 17.

29) zit. nach: Helmut Eschwege, Fremd unter meinesgleichen, Ch. Links Verlag 1991, S. 63-64.

30) Die vermutlich beste Darstellung der Mitarbeit der KPD-Gruppe in der "Menorah" und anderen jüdischen Vereinigungen findet sich bei Pohle (siehe Anm. 16), besonders S. 311-338. - Mit dem Verhältnis zwischen FD und jüdischem Exil beschäftigt sich Walter besonders auf den Seiten 226-236. Nahezu verschwiegen wurde diese Thematik hingegen in der Arbeit von Kießling.

31) Paul Merker, Der neue Staat des jüdischen Volkes entsteht; "Die Weltbühne", Februar 1948, S. 115.

32) Jüdisches Leben in der DDR; Frankfurt 1988, S. 15-16.