KNUT MELLENTHIN

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Am Ende der Geduld

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat die Atomenergie-Behörde seines Landes am Sonntag offiziell beauftragt, mit der Produktion von zwanzigprozentig angereichertem Uran zu beginnen. Der Grund ist eínfach: Das Material wird zum Betrieb eines Reaktors in Teheran benötigt, der Isotope für die Behandlung von Krebspatienten herstellt. Der nukleare Brennstoff, den der Iran in den 1990er Jahren aus Argentinien bezogen hatte, geht im Laufe dieses Jahres, vielleicht schon im Frühjahr, zu Ende.

Iran reichert Uran bisher nur auf 3,5 Prozent an, um es als Brennstoff in Atomkraftwerken zu verwenden. Es wandte sich daher im September vorigen Jahres an die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) mit der Bitte, beim Erwerb von zwanzigprozentigem Uran auf dem internationalen Markt zu vermitteln. Das ist im Rahmen des Atomwaffensperrvertrags ein normaler Vorgang. Die IAEA versuchte stattdessen, eine rein geschäftliche Angelegenheit mit dem Grundsatzstreit um das iranische Atomprogramm zu verknüpfen: Die Behörde schlug einen Ringtausch vor, bei dem Iran rund 70 Prozent seiner Lagerbestände an schwach angereichertem Uran nach Russland liefern und am Ende nach etwa einem Jahr Brennplatten mit zwanzigprozentigem Uran aus Frankreich erhalten soll.

Indessen sind die iranischen Erfahrungen mit der Vertragstreue europäischer Firmen sehr schlecht: Viele ließen nach dem Sturz des Schah-Regimes unter US-amerikanischem Druck Abkommen platzen und zahlten noch nicht einmal die schon kassierten Gelder zurück. Teheran macht deshalb das Tauschgeschäft von Garantien abhängig. Außerdem ist den Iranern der Zeitraum von einem Jahr viel zu lang, da sie das Material schon im Frühjahr benötigen. Indessen lehnt es die US-Regierung kategorisch ab, über Änderungen am Vorschlag der IAEA zu verhandeln.

Iran hatte deshalb schon im Dezember angekündigt, dass es angesichts seines zur Neige gehenden Materials für den Teheraner Reaktor bis Ende Januar eine Entscheidung braucht. Anderenfalls werde es selbst mit der Herstellung von zwanzigprozentigem Uran beginnen müssen.

Am Dienstag voriger Woche unternahm Ahmadinedschad einen spektakulären Vorstoß, um aus der Sackgasse heraus zu kommen: Er kündigte an, dass Iran sich auf die verlangte Vorauslieferung seines schwach angereicherten Urans einlassen könne. Allerdings wollte er die Frist bis zur Lieferung der Brennplatten von einem Jahr auf ungefähr fünf Monate verkürzen. Auf diese Vorschläge reagierten die westlichen Regierungen indessen nur mit feindseligen und zynischen Kommentaren.

Offenbar liegt ihnen nichts an einer diplomatischen Lösung des Konflikts. Sie wollen 2010 zum „Jahr der Konfrontation“ mit Iran machen, wie Liam Fox, Verteidigungsminister im Schattenkabinett der britischen Konservativen, am Sonnabend explizit forderte. Wobei Sanktionen keine Alternative zum Krieg sind, sondern nur dessen Vorbereitung dienen.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 8. Februar 2010