KNUT MELLENTHIN

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Auf den falschen Zug gesprungen

„Besorgt“ gab sich Russlands Präsident Dmitri Medwedew am Montag über die Aussage von CIA-Chef Leon Panetta, Iran besitze genug schwach angereichertes Uran, um zwei Atombomben zu bauen. „Was diese Information betrifft, muss sie noch verifiziert werden“, zitierte die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti den Präsidenten, „aber auf jeden Fall veranlassen solche Informationen immer zur Sorge. (…) Wenn die Information der amerikanischen Geheimdienste bestätigt wird, würde das die Lage noch angespannter machen, und ich schließe nicht aus, dass diese Angelegenheit zusätzliche Überlegungen erfordern würde.“

Tatsächlich hatte Panetta allerdings keinerlei Erkenntnisse offenbart, die nicht auch dem russischen Präsidenten oder den Beratern in seiner Umgebung bekannt sein sollten. Wieviel schwach angereichertes Uran der Iran besitzt, kann man in den Vierteljahresberichten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nachlesen. In welchem Tempo dieser Vorrat derzeit anwächst, steht dort ebenfalls. Ob die gegenwärtige Menge für eine Bombe, für zwei oder für anderthalb ausreichen würde, wird von Experten unterschiedlich gesehen. Einig jedoch sind sich selbstverständlich alle Fachleute, dass man aus schwach angereichertem Uran keine Bombe herstellen könnte. Dazu müsste das Uran von jetzt weniger als 5 Prozent auf über 90 Prozent angereichert werden. Das tut Iran nicht. Würde es damit anfangen, müssten diese Arbeitsprozesse der IAEA aufgrund ihres umfassenden Kontrollsystems sofort auffallen.

Panetta äußerte ganz offensichtlich nur hypothetische Überlegungen und nicht etwa neue Erkenntnisse, als er am Sonntag in einem Gespräch mit dem US-Sender ABC sagte, falls sich der Iran jetzt zum Bau einer Bombe entschließen sollte, würde er dafür schätzungsweise zwei Jahre benötigen. Der CIA-Chef setzte hinzu, die US-amerikanischen Geheimdienste wüssten nicht, ob sich die iranische Führung für die Herstellung von Atomwaffen entschieden habe.

Keine neuen Informationen also. Aber trotzdem Stoff genug, um den anscheinend sachlich inkompetenten russischen Präsidenten zu nicht nur überflüssigen, sondern auch gefährlichen Äußerungen zu veranlassen. Seine spontane Bereitschaft zu „zusätzlichen Überlegungen“ ist in der Tat besorgniserregend.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 29. Juni 2010