KNUT MELLENTHIN

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Dr. Khan und der Atom-Schwarzmarkt

Drei "Schurkenstaaten" wurden von einem pakistanischen Wissenschaftler in illegale Geschäfte verwickelt. Mehr als ein halbes Dutzend Geheimdienste sahen zu.

Am 10. März meldeten die Nachrichtenagenturen, Pakistan habe erstmals die Lieferung von Zentrifugen an den Iran eingestanden. Diese Geräte könnten "genutzt werden, um Atomwaffen herzustellen", erläuterten Agenturen und Zeitungen. Verantwortlich für das vor mehreren Jahren gelaufene Geschäft sei ausschließlich der Wissenschaftler Abdul Kadir Khan gewesen, der seit Herbst 2003 unter Hausarrest steht, betonte Informationsminister Raschid Ahmed. Die pakistanische Regierung habe absolut nichts mit der Lieferung zu tun gehabt.

Wer wollte, konnte sich dieser Meldung bedienen, um die durch nichts bewiesene Behauptung zu bestärken, Iran arbeite heimlich an der Entwicklung von Atomwaffen. In Wirklichkeit war die Neuigkeit schon alt. Khan, der bei seinen Landsleuten als "Vater der pakistanischen Atombombe" hohes Ansehen genießt, hatte am 4. Februar vorigen Jahres im Fernsehen gestanden, in eigener Verantwortung Iran, Libyen und Nordkorea illegal mit atom-industriellen Geräten und Blaupausen beliefert zu haben. Es seien keine pakistanischen Militär- und Regierungsstellen beteiligt gewesen, beteuerte Khan. Kurz zuvor hatte er in Interviews unter anderem zwei Ex-Generäle, die frühere Regierungschefin Benazir Bhutto und den amtierenden Präsidenten Muscharraf als Mittäter, wenn nicht gar Auftraggeber zumindest für seine Geschäfte mit Nordkorea beschuldigt.

Kein Interesse an Vernehmung Khans?

Einem Tag nach diesem Geständnis gewährte Muscharraf, der sich 1999 als Armeechef an die Macht geputscht hat, dem reuigen Sünder gnädig eine Amnestie. Khan, der fast 70 ist und schwer krank sein soll, steht zwar weiter unter Hausarrest, hat aber sein Vermögen behalten und wird vor neugierigen Ermittlern der internationalen Atomenergiebehörde IAEA abgeschirmt. Nicht einmal die Amerikaner durften bisher mit Khan sprechen. Aber vielleicht wollen sie es auch gar nicht. Am 30. März 2004 antwortete John Bolton, Staatssekretär für Rüstungskontrolle im Außenministerium, im Außenpolitischen Ausschuss des Abgeordnetenhauses auf eine entsprechende Frage: "Wir haben nicht um Zugang zu Mr. Kahn gebeten, und wir meinen auch nicht, dass wir das tun sollten."

Am 17. Februar dieses Jahres allerdings behauptete der neue CIA-Chef Porter Gross bei einer Befragung im Senatsausschuss für die Geheimdienste, die US-Regierung habe Pakistan "gedrängt", amerikanische Ermittler zu Khan zu lassen. Auf die Nachfrage, wie die pakistanische Regierung reagiert habe, wollte Gross nicht antworten. Die vorherrschende Version ist bisher, dass erstens Pakistan ein äußerst wertvoller Verbündeter der USA sei, dass zweitens Khan höchstes Ansehen in seinem Land genieße, und dass man daher keinen wirklichen Druck ausüben wolle, um ihn selbst vernehmen zu können.

Vielleicht aber ist das auch überflüssig, weil er den Amerikanern kaum etwas sagen könnte, was sie nicht schon wissen. Einen Tag nach Khans TV-Geständnis prahlte der damalige CIA-Chef George Tenet in einer Rede an der Georgetown Universität, wo er selbst studiert hat: "Wir waren in seiner Wohnung, in seinen Arbeitsräumen, in seinen Wohnräumen. Wir waren überall, wo diese Leute waren". "Unsere Spione unterwanderten mit einer Reihe kühner Operationen seit mehreren Jahren sein Netzwerk." Bei einer späteren Gelegenheit datierte Tenet den Beginn der gemeinsam mit dem britischen MI6 durchgeführten Überwachung und Infiltration gegen Khan auf das Jahr 1997. Das könnte der Wahrheit immerhin bis auf etwa 20 Jahre nahe kommen. Offenbar war Khan schon seit den 70er Jahren Beobachtungsobjekt mehrerer Geheimdienste.

Mit europäischem Know How zur Bombe

Nach einer teilweise in Deutschland absolvierten Ausbildung arbeitete der 1936 geborene Abdul Kadir Khan in den 70er Jahren in einer niederländischen Zentrifugen-Fabrik, die zur internationalen Urenco-Gruppe gehört, an der auch Deutschland beteiligt ist. Auf der Homepage von Urenco Deutschland ist zu lesen: "Die Urenco-Gruppe betreibt in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden Anlagen zur Anreicherung von Uran und versorgt Kernkraftwerke in 15 Ländern in Europa und Übersee. Sie hält am weltweiten Markt für Urantrennarbeit einen Anteil von 15 Prozent (2002)."

Am 18. Mai 1974 testete Indien erstmals offiziell eine Atombombe. Das gab für das mit Indien seit Jahrzehnten verfeindete Pakistan den letzten Anstoß, ein eigenes Atomprogramm zu entwickeln. Bei seinem nächsten Urlaub in der Heimat wurde Khan als führender Wissenschaftler für das Projekt angeworben. Ende 1975 kehrte er endgültig nach Pakistan zurück. In seinem Gepäck hatte er angeblich bei der Urenco gestohlene Blaupausen für den Bau von Zentrifugen für die Uran-Anreicherung. Für diesen Prozess werden Zehntausende von Zentrifugen benötigt. Bis auf etwa 5 Prozent angereichertes Uran wird für die Brennstäbe in Atomkraftwerken verwendet. Um "waffenfähig" zu werden, also für die Herstellung von nuklearen Sprengköpfen dienen zu können, muss Uran auf über 90 Prozent angereichert werden.

Wegen des Diebstahls der Baupläne wurde Khan in den Niederlanden in Abwesenheit der Prozess gemacht. Das 1983 ergangene Urteil wurde später "wegen eines Formfehlers" wieder aufgehoben. Nach einem Bericht der New York Times (26.12.2004) kam der pakistanische Wissenschaftler in der zweiten Hälfte der 70er Jahre und Anfang der 80er Jahre noch mehrmals in die Niederlande. Die dortigen Behörden wollten ihn verhaften, seien aber von amerikanischen Dienststellen überredet worden, nicht gegen Khan vorzugehen, da es besser sei, ihn unter Beobachtung weitermachen zu lassen und seinen Spuren zu folgen.

Israel erwog "Präventivschlag"

Diese Darstellung der New York Times stützt sich nur auf anonyme Quellen: einen "hohen europäischen Diplomaten" und einen "ehemaligen Kongress-Beamten". Die Logik spricht auf jeden Fall dafür, dass Khan seit seiner Rückkehr aus Europa von mehreren Geheimdiensten sehr aufmerksam verfolgt wurde. Dass Pakistan versuchen wollte, mit seinem alten Rivalen Indien atomwaffenmäßig gleichzuziehen, war klar. Die zentrale Rolle Khans bei diesem Projekt war auch kein wirkliches Geheimnis. Neben Indien beobachtete insbesondere Israel die pakistanischen Bemühungen sehr intensiv. Schon 1979 - zwei Jahre vor dem Angriff auf den irakischen Reaktor Osirak - diskutierten israelische Politiker, Militärs und Geheimdienstler über einen "Präventivschlag" gegen das pakistanische Atomprogramm. Letztlich unterblieb dieser aus Rücksicht auf die US-Regierung, die damals gerade dabei war, mit pakistanischer Hilfe in Afghanistan eine islamistische Front gegen die Sowjetunion aufzubauen. Logistische Probleme, vor allem die weite Entfernung zwischen Israel und Pakistan, könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Auch die US-Regierung und ihre Geheimdienste beobachteten das pakistanische Atomprogramm. Dass die USA die Entwicklung einer pakistanischen Atomwaffe verhindern wollten, ist eher unwahrscheinlich. Denn das hätten sie eigentlich schaffen können, da Pakistan finanziell völlig von den USA abhängt und erpressbar ist. Außerdem sind sein Militär ebenso wie sein Geheimdienst ISI seit Jahrzehnten von amerikanischen Dienststellen infiltriert und arbeiten eng mit ihnen zusammen. Aber auch wenn die USA das pakistanische Atomwaffen-Projekt nicht stoppen wollten, so waren sie doch darauf bedacht, über alle Einzelheiten genau informiert zu bleiben.

Zur Reihe der Geheimdienste, die jeden Schritt Khans im Visier hatten, muss man wohl auf jeden Fall die Briten zählen, die noch seit Kolonialzeiten an Pakistan ebenso wie an Indien höchst interessiert sind, dann die Russen, die Pakistan wegen seiner Freundschaft mit den USA und China misstrauen, und schließlich die Niederländer wegen des Blaupausen-Diebstahls.

Selbstversorgung auf dem Schwarzmarkt

Abdul Kadir Khan war also nicht wirklich in der Position, jahrelang unbemerkt einen weltumspannenden geheimen "nuklearen Supermarkt" aufzubauen, wie IAEA-Direktor Mohamed El Baradei es genannt hat. Baradei bezweifelt denn auch die offizielle Darstellung: "Das kann nicht das Werk von Khan allein gewesen sein." Die IAEA habe erst im Jahr 2003 von Khans Geschäften erfahren, so Baradei, während die USA und andere Regierungen Khans Spuren schon seit längerem verfolgt hätten. Der Chef der internationalen Atomenergie-Behörde klagt darüber, dass die USA ihre Erkenntnisse über Khans "Netzwerk" nicht an die IAEA weitergeben. Amerikanische Stellen rechtfertigen ihre Verschwiegenheit mit dem Hinweis, bei der IAEA gebe es "zu viele undichte Stellen".

Das "Netzwerk", das Khan aufbaute und leitete, diente zunächst der Selbstversorgung Pakistans. Da das Land, ebenso wie sein Nachbar Indien, den Atomwaffensperrvertrag nicht unterschrieben hat, darf es offiziell nicht mit Material und Konstruktionsplänen beliefert werden, die dem Aufbau eines Atomprogramms - nicht einmal zu zivilen Zwecken - dienen könnten. Pakistan musste sich also alles, was es nicht selbst produzieren konnte, auf dem offenbar sehr umfangreichen internationalen "Schwarzmarkt" beschaffen. Nach Agentur- und Presseberichten ist Pakistan auf diese Möglichkeit auch heute noch angewiesen, um sich Ersatzteile zu beschaffen.

Führend auf dem nuklearen Schwarzmarkt sind Händler aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aus China, aus Südafrika, das zu Zeiten des Rassistenregimes selbst einige Atomsprengköpfe produzierte, sowie Europäer, insbesondere Deutsche und Schweizer. Der Handel wird zur Tarnung in der Regel über mehrere Zwischenstationen abgewickelt. Zum einen, um die Spuren zu verwischen - was bei den heutigen Überwachungsmöglichkeiten der Geheimdienste aber nur sehr eingeschränkt erfolgreich sein kann -, und vor allem, um einen juristischen Schuldnachweis bis zur Unmöglichkeit zu erschweren. Da es sich überwiegend um Dual-Use-Gerät handelt (das also nicht nur in der Atomindustrie verwendet werden kann) und oft nur um Einzelteile, können die Beteiligten notfalls versichern, sie hätten weder gewusst, wofür das Material gebraucht werden sollte, noch sei ihnen das tatsächliche Zielland bekannt gewesen.

Im Zusammenhang mit Khans "Netzwerk" wurden unter anderem der Schweizer Friedrich Tinner und seine Söhne genannt. Der Familie gehört die Schweizer Firma Traco, die Maschinen für das "Netzwerk" lieferte. Urs Tinner leitete eine im Jahr 2001 gegründete Produktionsstätte des "Netzwerks" in Malaysia, die Zentrifugen-Teile herstellte. Angeblich waren sie für die Ölindustrie in Dubai bestimmt, wurden von dort aber nach Libyen weiterverschifft. An der malaysischen Firma war ein Sohn des dortigen Ministerpräsidenten finanziell beteiligt. Angeblich hat aber außer Urs Tinner, der alle Unterlagen vernichtete, und Khans Partner in Malaysia, Buhary Syed Abu Tahir, der seit Mai 2004 in Haft ist, absolut niemand gewusst, was gespielt wurde und was hinter dem Handel mit Dubai steckte.

Spielmaterial für "Schurkenstaaten"

Genau drei Länder nannte Khan in seinem TV-Geständnis am 4. Februar 2004 als Partner seiner illegalen Geschäfte: Iran, Libyen und Nordkorea. Medienberichte, dass unter anderem auch Ägypten, Saudi-Arabien und Syrien von Khan Gerät und Know How für geheime Atomprogramme erhalten hätten, beruhen noch nicht einmal auf sachlichen Anhaltspunkten, sondern sind reine Spekulation, die oft mit politischen Absichten verbunden ist.

An die genannten drei Länder, alles "Schurkenstaaten" nach offizieller amerikanischer Diktion, hat Khan - nach allem, was darüber bisher mitgeteilt wurde - erstaunlich wenig geliefert. Erstaunlich, wenn man es in Relation zu der sagenhaften Übergröße setzt, zu der Khan in den Medien aufgebläht wird. Es handelt sich um einige wenige Zentrifugen unterschiedlicher, veralteter Typen, ein paar Blaupausen zum Nachbauen, im Fall Libyens 4.000 Zentrifugen-Teile (aber keine einzige komplette, gebrauchsfähige Zentrifuge). In Libyen tauchte überdies, stilvoll in einer Plastiktüte aus einer chemischen Reinigung verpackt, ein Bauplan für eine äußerst primitive, altmodische (und wahrscheinlich nicht funktionsfähige) Atombombe auf, der vermutlich aus chinesischen Basteleien der 60er Jahre stammte. Angeblich hatte Khan seinen Partnern das Päckchen als Überraschungsgeschenk oder Dreingabe auf einen Einkauf zukommen lassen.

Nach den vorliegenden Erkenntnissen hat Khan in keinem einzigen Fall einen wesentlichen Beitrag zum Atomprogramm der Empfängerländer geleistet. De facto hat er aber unter den Augen mehrerer Geheimdienste einige "Schurkenstaaten" in Geschäfte verwickelt, aus denen ihnen die US-Regierung schon ein paar Stricke gedreht hat und die vermutlich auch künftig noch eine propagandistische Rolle spielen werden.

Theater für die Medien

Eine typische Medien-Inszenierung war am 4. Oktober 2003 die als gemeinsame Aktion von CIA und MI6 deklarierte Beschlagnahme des aus Dubai kommenden, unter deutscher Flagge nach Libyen fahrenden Schiffs "BBC China". An Bord fünf Container mit Turbinen-Teilen und anderem einschlägigen Gerät.

Zwei Tage später informierte der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage offiziell die pakistanische Regierung. Im November 2003 wurde Khan unter Hausarrest gestellt, am 19. Dezember legte der libysche Staatschef Gaddafi sein berühmtes offizielles Geständnis über sein dilettantisches Atomprogramm ab und lud anschließend amerikanische und britische Experten ins Land ein, um sich alles anzusehen und abzuschleppen. Es folgte am 4. Februar 2004 der Auftritt Khans im Fernsehen.

Was aber hatte sich in Wirklichkeit abgespielt? Gaddafi, dem angesichts der Isolierung seines Landes zunehmend unwohl wurde, hatte schon im Sommer 2002 Verbindung zum MI6 aufgenommen, um einen Ausweg zu finden. Im März 2003 waren die Kontakte soweit gediehen, dass Gaddafi seinen Sohn Saif zu den Verhandlungen schickte und dass dann auch die CIA eingeschaltet wurde. Hätte Gaddafi in dieser Situation noch versucht, Material für sein Atomprogramm ins Land zu schmuggeln?

Ein weiteres Indiz, dass Khan zumindest zu dieser Zeit an der Leine der Geheimdienste geführt wurde: Schon am 27. März 2001 hatte Präsident Muscharraf den Rücktritt Khans als Chef der nach ihm benannten Firma Khan Research Laboratories, einem zentralen Bestandteil des pakistanischen Atomprogramms, veranlasst. Ob er zu diesem Schritt von der US-Regierung veranlasst wurde oder selbst der Meinung war, das gefährliche Spiel des "Netzwerks" beenden zu müssen, lässt sich nicht klären.

Kurz nach dem 11. September 2001 tauchten Meldungen auf, dass zwei namhafte pakistanische Wissenschaftler aus Khans Team sich in Afghanistan mit Bin Laden getroffen hätten, offenbar um ihm zu einer "schmutzigen Bombe" zu verhelfen. Stephen Hadley, der stellvertretende US-Sicherheitsberater, reiste daraufhin nach Pakistan, um dort offiziell vor Khan zu "warnen". Im Juli und September 2002 gab es mehrere Enthüllungen über Khans Lieferungen nach Nordkorea. Im Oktober 2002, in der letzten Phase der amerikanisch-britischen Kriegsvorbereitungen gegen Irak, wurden zielgerichtet Geschichten über die Kontakte des Khan-"Netzwerks" zu Saddam Hussein in Umlauf gebracht, von denen man später nie wieder etwas gehört hat.

Falls vorher irgendwann noch Zweifel bestanden, so war Khan jedenfalls im Jahr 2003, bevor die US-Regierung sich entschloss, ihn mit der inszenierten Schiffs-Aufbringung offiziell "auffliegen" zu lassen, gewarnt genug, um keine illegalen Geschäfte mehr zu versuchen. So gesehen erklärt sich auch das scheinbar erstaunliche amerikanische Desinteresse, Khan direkt zu vernehmen: Nicht nur, weil er nichts Neues zu erzählen hätte, sondern auch, weil es dann kein ernsthaftes Argument mehr gäbe, die Ermittler der IAEA von ihm fern zu halten.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 18.3.2005