KNUT MELLENTHIN

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Falsch übersetzt

Wie man ein Zitat verfälscht und trotzdem der Wirklichkeit nahekommt.

Unter reißerischen Überschriften wie „Irans Militärchef sagt, dass Rouhanis Regierung 'von der westlichen Doktrin infiziert' sei“ (Agentur Reuters), „Iranischer Kommandeur kritisiert Regierung wegen Einfluss aus dem Westen“ (New York Times) und „Irans Chef der Revolutionsgarde greift Hassan Rouhanis Regierung an“ (Telegraph, London) berichteten westliche Medien am 10. Dezember über eine „Spaltung zwischen den Hauptpfeilern des Regimes“ (Telegraph), die in dieser Form nicht stattgefunden hatte.

Die iranische Nachrichtenagentur Fars dokumentierte am 24. Dezember, was wirklich passiert war. Die Agentur hatte am 10. Dezember in ihrem landessprachlichen Dienst Auszüge einer Rede verbreitet, die der Chef der Revolutionsgarde, Generalmajor Mohammad Ali Jafari, in einer Teheraner Universität gehalten hatte. Insbesondere ein Satz war von westlichen Medien aufgrund einer Reuters-Meldung aufgegriffen worden. Er lautete: „Die Systeme und Prozeduren, die das administrative System unseres Landes beherrschen, sind das selbe System, das nur geringfügig  verändert wurde und das unglücklicherweise von westlichen Lehren infiziert ist. Es muss einem grundlegenden Wandel unterzogen werden.“

Daraus hatte Reuters durch eine schwerwiegende Falschübersetzung eine Polemik gegen den seit Anfang August amtierenden Präsidenten Rouhani gemacht. Der Satz sah nun plötzlich so aus: „Das Militär, die Systeme und Prozeduren, die das administrative System des Landes beherrschen, sind die selben wie vorher, aber es wurde etwas modifiziert und unglücklicherweise von westlichen Doktrinen infiziert. Es muss einen grundlegenden Wandel geben.“ - So klang es nun oder wurde wenigstens so interpretiert, als habe Jafari nicht eine Bilanz der 34 Jahre seit dem Sturz des Schah-Regimes gezogen, sondern von den zurückliegenden Monaten seit dem Regierungswechsel gesprochen. Ob es sich nur um einen dummen Übersetzungsirrtum oder um politische Absicht handelte, lässt sich selbstverständlich nicht beweiskräftig klären.

Zum Gesamtbild gehört aber auch, worauf Fars in ihrem Dementi nicht zu sprechen kam, dass Jafari in seiner Rede ganz allgemein von inneren Gefahren und von der Notwendigkeit einer, so wörtlich,  "Kulturrevolution" gesprochen hatte. Wahr scheinen außerdem die Meldungen - jedenfalls gab es dazu kein Dementi - dass Jafari über Außenminister Mohammad Jawad Zarif öffentlich gesagt haben soll: "Wir halten ihn für einen erfahrenen Diplomaten, aber er hat keine Erfahrung auf militärischem Gebiet." - Das bezog sich darauf, dass Zarif zuvor von iranischen Medien mit der Aussage zitiert worden war, der Westen habe vor Irans Verteidigung wenig Angst und könnte Iran zerstören, falls er das wollte.

Der Außenminister hatte dazu noch vor Jafaris Kritik erklärt, seine Sätze seien verdreht und aus dem Kontext gerissen worden. Nach Landessitte ließ Zarif jedoch offen, was er wirklich gesagt und gemeint haben will. Iranische Dementis sind nur in Ausnahmefällen wirklich aufklärend. Und dass zwischen der Revolutionsgarde – einer Parallelarmee mit sämtlichen Waffengattungen, die vermutlich besser ausgerüstet ist als die regulären Streitkräfte – und den Kreisen, die Rouhani repräsentiert, nicht gerade volle Harmonie herrscht, bedarf keiner Übersetzungstricks.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 28. Dezember 2013