KNUT MELLENTHIN

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Neues von Irans Atomprogramm

Uran-Anreicherung läuft völlig normal, aber Probleme im Reaktor Buschehr

Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) hat am Freitag seine routinemäßigen Vierteljahresberichte über die Atomprogramme Irans und Syriens vorgelegt. Sie sollen auf der nächsten Sitzung des Board of Governors diskutiert werden, die am 7. März beginnt. In dem Gremium sind rotierend 35 Mitgliedsstaaten der IAEA vertreten. Nach dem Reglement der Behörde sind die Berichte zumindest bis zur Sitzung nur für den internen Gebrauch bestimmt, aber es ist schon seit Jahren üblich, dass die Iran-Reports sofort einigen Mainstream-Medien zugespielt werden und gleichzeitig auch im Internet auftauchen.

Israelische und US-amerikanische Medien stellten bereits am Freitagabend spektakuläre Meldungen ins Netz, dass die IAEA „neue Informationen über angebliche iranische Atomwaffen“ (Jerusalem Post) habe. Der Bericht gibt dazu aber denkbar wenig her. Tatsächlich ist nur in einem einzigen Nebensatz die Rede von „kürzlich erhaltenen Informationen“, die der Behörde Anlass zur Besorgnis oder zu Bedenken (concerns) gäben und die man mit dem Iran zu klären (clarify) wünsche. Der Report sagt nichts über Inhalt, Zeitpunkt und Herkunft dieser Informationen. Meistens stammen sie von stark interessierten Geheimdiensten wie CIA, Mossad und BND.

Der Report widerlegt erneut die Legende, dass Irans Atomprogramm durch einen von Israel und den USA produzierten Computer-Virus „um Jahre zurückgeworfen“ worden sei. In der angeblich schwer betroffenen Anlage bei Natanz liegt die durchschnittliche Monatsproduktion von leicht angereichertem Uran (LEU) völlig stabil bei 133 kg. Das entspricht fast genau dem vorangegangenen Berichtszeitraum und und über 10 Prozent mehr als vor einem halben Jahr. Insgesamt besitzt Iran jetzt rund 3600 Kilo LEU. Daraus soll später Reaktorbrennstoff hergestellt werden. Damit haben die iranischen Wissenschaftler aber noch nicht einmal begonnen, und es ist fraglich, ob sie überhaupt schon die dafür nötige Technik haben.

Seit Februar 2010 reichert Iran außerdem in einer oberirdischen Pilotanlage Uran auf knapp 20 Prozent an, um daraus Brennstoff für einen alten Reaktor in Teheran herzustellen. Dort werden Isotope für die Behandlung von Krebspatienten produziert. Iran hat der IAEA am 19. Januar mitgeteilt, dass es in der Pilotanlage auch einen Forschungs- und Entwicklungsbereich einrichten will, um moderne Zentrifugen für die Anreicherung zu testen. Bislang sind in Natanz ausschließlich alte, leistungsschwache und sehr störanfällige Maschinen im Einsatz.

Im Bericht wird ferner erwähnt, dass Iran aus dem Reaktor bei Buschehr, der von einem russischen Unternehmen im vorigen Jahr fertiggestellt wurde, alle Brennelemente wieder herausholen will, um sie zu testen. Sie waren gerade erst im Oktober 2010 eingeführt worden, und der Reaktor hätte in diesem Frühjahr in Betrieb gehen sollen. Die Störung soll nicht mit dem Computerwurm Stuxnet, sondern mit einer möglichen Verunreinigung des Brennmaterials zusammenhängen.

Syrien sieht sich nach wie vor mit der Forderung der IAEA konfrontiert, der Behörde alle vermuteten Atomanlagen zugänglich zu machen. Israelische Kampfflugzeuge hatten im September 2007 ein Gebäude zerstört, bei dem es sich angeblich um einen im Bau befindlichen Reaktor handelte, während es nach syrischen Angaben eine Militäranlage ohne nukleare Bedeutung war. Die IAEA hatte im Juni 2008 Gelegenheit, die Stelle zu untersuchen, wo das Gebäude gestanden hatte, verlangt aber eine erneute Inspektion.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 28. Februar 2011