KNUT MELLENTHIN

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Spiel mit dem Feuer: US-Marine provoziert vor Irans Küste

Mit der Präsentation eines eigenen Video versucht der Iran jetzt, der Produktion eines angeblichen Flottenzwischenfalls in der Straße von Hormus durch die US-Regierung entgegenzutreten. Das von den USA am Dienstag vorgestellte, vier Minuten lange Video sei eine grobe Fälschung, betonen das iranische Verteidigungsministeriums und die Revolutionsgarde. Es handele sich um alte Archivaufnahmen, die mit selbst produziertem Ton unterlegt worden seien. Tatsächlich sind Bild und Ton des amerikanischen Videos auffallend unsynchron. Die US-Regierung erklärt das damit, dass sie getrennt aufgenommen und dann zusammengeschnitten worden seien.

Die Straße von Hormus ist an der schmalsten Stelle nur etwa 50 Kilometer breit. Sie verbindet den Golf von Oman, in dem die US-Marine ständig eine Flotte und mindestens einen Flugzeugträger in bedrohlicher Nähe zum Iran bereit hält, mit dem Persischen Golf. Am Sonntag, dem 6. Januar, war es in der Meerenge zu einer Begegnung zwischen fünf unbewaffneten iranischen Patrouillenbooten und drei großen amerikanischen Kriegsschiffen gekommen. Nach offizieller Darstellung der USA hatten die winzigen, aber sehr wendigen und schnellen Boote der Iraner die drei Kriegsschiffe "belästigt". Über Funk soll nach amerikanischen Angaben der Satz gefallen sein: "Ich komme jetzt zu Ihnen, und Sie werden in wenigen Minuten explodieren."

Erst als die Amerikaner drohten, das Feuer zu eröffnen, hätten die Schnellboote abgedreht. Die US-Schiffe - ein Kreuzer, ein Zerstörer und eine Fregatte - seien "nur noch Sekunden" davon entfernt gewesen, die Boote zu beschießen, heißt es aus Washington. Sollte sich "so etwas" noch einmal ereignen, müsse Iran "die Folgen tragen", drohte Bush’ Sicherheitsberater Stephen J. Hadley.

Im Gegensatz dazu beurteilen alle iranischen Stellen den Vorgang als absolut normal und alltäglich. Die Begegnung sei routinemäßig verlaufen: Die Schiffe hätten sich gegenseitig identifiziert und seien dann weitergefahren. Die US-Regierung spiele die Sache nur wegen des Besuchs von Präsident George W. Bush in Israel und den Staaten der arabischen Halbinsel hoch.

Unabhängig von Unterschieden in der Darstellung ist der zentrale Punkt unstrittig: Die amerikanischen Kriegsschiffe waren nach Aussagen der US-Regierung kurz davor, die iranischen Boot in internationalen Gewässern militärisch anzugreifen und damit möglicherweise einen Krieg auszulösen. Und dies lediglich deshalb, weil die Iraner die US-Schiffe angeblich "belästigt" hatten. Dabei waren die Patrouillenboote, selbst nach amerikanischer Darstellung, zu keinem Zeitpunkt näher als 200 Meter an die drei Kriegsschiffe herangekommen. Das ist nach internationalem Recht selbstverständlich kein Grund, das Feuer zu eröffnen.

Parallelen zum "Tonkin-Golf-Zwischenfall" drängen sich auf: Anfang August 1964 waren zwei Zerstörer der US-Flotte angeblich zwei Mal von nordvietnamesischen Schnellbooten angegriffen worden. Den ersten Vorfall hatte die US-Regierung in wesentlichen Punkten falsch dargestellt, und den entscheidenden zweiten, mit dem sie dann ihre "Reaktionen" rechtfertigte, hatte Washington sogar frei erfunden. Aufgrund des "Tonkin-Zwischenfalls" winkte der US-Kongress drei Tage später im Eilverfahren eine Resolution durch, die Präsident Lyndon Johnson völlig freie Hand für Militäroperationen in ganz Südostasien gab.

Nach Angaben der Sunday Times vom 6. Januar will die israelische Regierung während des am heutigen Mittwoch beginnenden Bush-Besuchs den Gästen nicht nur ihre neuesten Erkenntnisse über das iranische Atomprogramm präsentieren, sondern sie auch über ihre Pläne für Militärschläge informieren. Diese Behauptung des Blattes stützt sich jedoch auf keine Quellen und wurde von anderen Medien nicht übernommen. Vor fast genau einem Jahr, am 7. Januar 2007, hatte die Sunday Times auf ähnlich unseriöse Weise gemeldet, Israel wolle Mini-Atombomben gegen die unterirdischen Anlagen in Natanz, Isfahan und Arak einsetzen. Seit die Times im Jahr 1981 von Rupert Murdochs News Corporation übernommen wurde, hat sie sich zu einem neokonservativen Kampforgan gewandelt, das besonders in der Sonntagsausgabe häufig Desinformationen aus unklaren Quellen kolportiert.

Die israelische Presse bestätigt lediglich, dass den Amerikanern während des Bush-Besuchs die neuesten Erkenntnisse vorgestellt werden sollen. Diese gehen jedoch nicht wesentlich über das hinaus, was in dem Anfang Dezember veröffentlichten Bericht der US-Geheimdienste steht. Das meldete YNet, die Online-Ausgabe der größten israelischen Tageszeitung Yediot Aharonot, am Montag. Diesem Bericht zufolge verfügen die israelischen Geheimdienste über keine Erkenntnisse, die der Annahme der US-Stellen widersprechen, dass Iran derzeit nicht an der Entwicklung von Atomwaffen arbeitet. 90 Prozent der Informationen beider Seiten seien identisch, heißt es bei YNet.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 9. Januar 2008