KNUT MELLENTHIN

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Times - Psychologische Kriegführung statt Information

Über Londons große alte Tageszeitung The Times kann man immer noch lesen, dass sie als seriöse Publikation mit hohem journalistischen Standard gilt. Eine Untersuchung ergab, dass das 1788 gegründete Stammblatt der Konservativen nach wie vor die wichtigste Tageszeitung für Geschäftsleute ist. Allerdings hat das journalistische Niveau der Times eine rasante Talfahrt durchgemacht, seit Rupert Murdoch 1981 das Blatt zusammen mit der Sonntagszeitung Sunday Times erwarb. Der Neokonservative, dem seit den 70er Jahren auch schon die vulgäre Sun gehört, stellt sein Medienimperium ganz in den Dienst der politischen Propaganda. In deren Zentrum steht spätestens seit dem 11. September 2001 der Krieg gegen die islamische Welt.

Am gestrigen Sonntag meldete die Sunday Times, dass das Pentagon bereits im Juni eine streng geheime Planungsgruppe für einen Luftkrieg gegen den Iran gebildet habe. Ähnliches hat man in der Vergangenheit schon mehrmals gelesen, besonders auch in der Times. Die Herkunft der Nachricht muss man in dem Artikel erst einmal suchen, sie steht im vierten Absatz: "nach Quellen aus dem Verteidigungsbereich". Das Zitieren anonymer "Informanten" war nach dem Platzen der Irakkriegs-Lügen bei den etwas seriöseren Blättern zeitweise in Verruf geraten. Inzwischen blüht das Geschäft wieder wie eh und je. Autorin des Artikels: Sarah Baxter, Washington.

Sie hatte schon am 2. September, ebenfalls in der Sunday Times, berichtet, dass das Pentagon rund 1.200 Ziele für Luftangriffe im Iran festgelegt habe. Als Gewährsmann zitierte sie einen namentlich genannten Vertreter des neokonservativen Nixon Centers. Allerdings blieb offen, woher dieser Mann sein angebliches Wissen bezieht.

Sarah Baxter ist auch eine von drei Autoren, die in der gestrigen Sunday Times über ein angebliches israelisches Kommandounternehmen gegen Syrien berichteten: Die Israelis hätten atomares Material erbeutet. Eine Untersuchung habe ergeben, dass es nordkoreanischer Herkunft war. Die US-Regierung habe daraufhin einem israelischen Luftangriff am 6. September zugestimmt, bei dem die Anlage zerstört wurde. Die Informationen stammen angeblich von "informierten Quellen in Washington und Jerusalem". Tatsächlich ist über den Vorfall vom 6. September jedoch absolut nichts bekannt - außer der syrischen Aussage, ein israelisches Flugzeug habe den Luftraum verletzt und Munition "abgeworfen". Die Regierung in Jerusalem schweigt bis heute völlig.

Eine zuverlässige Quelle, das sollte sich auch in der Linken herumsprechen, sind Meldungen von Times und Sunday Times ganz sicher nicht.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 24. September 2007