KNUT MELLENTHIN

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Warnung vor Hysterie

Propaganda und professionelle Analyse sind zwei absolut verschiedene Dinge. „Ich denke, die iranische Führung besteht aus sehr rationalen Leuten“, sagt Israels Generalstabschef Benny Gantz – und widerspricht damit seinem Verteidigungsminister Ehud Barack ebenso wie seinem Premier Benjamin Netanjahu, die ständig so tun, als hätte man es auf der Gegenseite mit unberechenbaren Irren zu tun.

Der Generalleutnant, der seine militärische Laufbahn 1977 als Achtzehnjähriger begann und seinen jetzigen Posten vor 14 Monaten antrat, glaubt auch nicht an die seit 1990 von allen israelischen Regierungen wiederholte These, dass Iran an der Produktion von Nuklearwaffen arbeitet. „Sie gehen Schritt für Schritt auf einen Punkt zu, wo sie sich entscheiden können, ob sie eine Atombombe bauen wollen. Sie haben sich noch nicht für diesen zusätzlichen Schritt entschieden.“ Er glaube auch nicht, dass Irans oberster religiöser Führer, Ajatollah Ali Khamenei, künftig diesen Weg gehen wolle.

Gantz äußerte sich zum Iran, aber auch zur Möglichkeit neuer Militäroperationen im Libanon und im Gaza-Gebiet, in einem ausführlichen Gespräch mit der israelischen Tageszeitung Haaretz, über das diese am Mittwoch berichtete. Israels Generalstabschef reiht sich damit in die große Zahl führender westlicher Profis – Militärs und Geheimdienstleute – ein, die der Propaganda von der kurz vor der Fertigstellung stehenden iranischen Bombe widersprechen. Ihnen zufolge besitzt Iran schon seit mehreren Jahren die technische Fähigkeit zur Produktion von Nuklearwaffen, macht davon aber bisher keinen Gebrauch. Das stimmt mit den offiziellen Aussagen iranischer Politiker überein, das man aus ethischen, religiösen, politischen und militärischen Gründen den Erwerb von Atomwaffen ablehnt.

Die westlichen Profis sind sich auch darin einig, dass Luftangriffe gegen die Nuklearanlagen Irans dessen Atomprogramm nur kurzzeitig zurückwerfen würden, also unter diesem Aspekt nahezu nutzlos wären. Und mehr noch: Vorgebliche Präventivschläge, über die Netanjahu und Barak immer wieder in geradezu exhibitionistischer Lautstärke schwadronieren, sind vermutlich das einzige Mittel, das die iranische Regierung zu einer Überprüfung und Neubestimmung ihrer bisherigen Haltung veranlassen könnte. Sich grundsätzlich die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen offen zu halten, aber diesen Weg bewusst nicht zu gehen, stellt also die beste Versicherung Irans gegen aggressive Absichten der USA und Israels dar. Freilich nur unter der Voraussetzung, dass sich im Westen die Profis gegen die Kriegstreiber durchsetzen.

Deutlich an deren Adresse gerichtet sagte Gantz im Gespräch mit Haaretz: „Wir sind ein besonnener Staat. Israel ist der stärkste Staat der Region und wird es bleiben. Entscheidungen können und müssen sorgfältig getroffen werden, aus historischer Verantwortung, aber ohne Hysterie.“

Knut Mellenthin

Junge Welt, 27. April 2012