KNUT MELLENTHIN

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Weinendes Krokodil

Blair bedauert Irak-Krieg nicht und sieht „keine Alternative“ zum Krieg gegen Iran

Tony Blair benutzte am Mittwoch die Vorstellung seiner Autobiographie „Eine Reise“, um für eine militärische Konfrontation mit dem Iran zu werben. In einem Interview mit dem Sender BBC sagte der frühere britische Premierminister: „Ich halte es für völlig inakzeptabel, dass Iran eine Nuklearwaffen-Fähigkeit besitzt, und meine, wir müssen uns auf eine Konfrontation mit ihnen vorbereiten, nötigenfalls militärisch. Ich glaube, es gibt dazu keine Alternative, wenn sie fortfahren, Atomwaffen zu entwickeln.“ - Beweise für Blairs Behauptungen gibt es genau so wenig wie vor acht Jahren im Falle Iraks.

In einem Gespräch mit der britischen Tageszeitung Guardian schaffte es der Ex-Premier sogar, die Kurve zum 11. September 2001 zu kriegen. Wenn es den Attentätern möglich gewesen wäre, hätten sie auch 300.000 Menschen umgebracht, phantasierte Blair und kam dann direkt zur Sache: „Das ist der Punkt...Ich entschied an diesem Punkt, dass man kein Risiko eingehen darf. Das ist der Grund, dass ich in Bezug auf Iran Angst habe und dass ich nicht das Risiko eingehen würde, sie eine Atomwaffen-Fähigkeit bekommen zu lassen.“

Blair hatte im Jahr 2002 mit der Verbreitung unwahrer Behauptungen über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen die Führung bei der propagandistischen Vorbereitung des geplanten Krieges übernommen. Eine erhebliche Rolle spielte dabei möglicherweise die Tatsache, dass der Labour-Chef sein Regierungsamt nicht zuletzt der Unterstützung durch das neokonservative Murdoch-Medienimperium verdankte. Ihm gehören in Großbritannien sowohl die traditionell konservative Times als auch die Sun, das Gegenstück zur Bild-Zeitung. Nach der militärischen Besetzung Iraks durch US-amerikanische und britische Truppen ergaben monatelange Sucharbeiten keine Anhaltspunkte für die Existenz von Massenvernichtungswaffen.

Viele britische Politiker bekennen inzwischen, dass der Irakkrieg ein schwerer Fehler war. Nicht so Blair. In seinem Buch schreibt er: „Ich kann die Entscheidung zum Krieg nicht bedauern.“ Schon die Frage allein, ob er etwas bereue, mache ihn „krank“. Er habe allerdings „den blutigen, zerstörerischen und chaotischen Albtraum, der sich dann entfaltete“, nicht vorausgesehen. Aber auch daran sind natürlich nur andere schuld: „Die Wahrheit ist, dass wir die Rolle Al-Qaidas und Irans nicht voraussahen.“ - Im Übrigen, so Blair, habe Irak zwar keine Massenvernichtungswaffen besessen, nachdem sein chemisches Arsenal infolge des 1991er Golfskriegs vernichtet worden war. Aber er glaube dennoch, dass Saddam Hussein die Absicht gehabt habe, sich irgendwann wieder solche Waffen und darüber hinaus auch Atomwaffen zu verschaffen.

„Viele Tränen“ habe er dennoch vergossen wegen der Opfer dieses Krieges; „mit jeder Faser meines Daseins“ habe er die Gestorbenen und ihre Angehörigen bedauert. Deren Vereinigung Military Families Against the War sprach in diesem Zusammenhang von Krokodilstränen. Im Irak kamen 179 britische Soldaten ums Leben, 315 wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Darüber hinaus starben bis heute 4420 US-Soldaten, rund 32.000 wurden verwundet. Die niedrigsten Schätzungen über die Zahl der getöteten Iraker beginnen bei 100.000. Die Einnahmen aus seinem Buch will Blair der British Legion spenden, die sich um ehemalige Soldaten kümmert. Der Ex-Premier kann es verschmerzen: Sein Privatvermögen wird auf über 30 Millionen Dollar geschätzt.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 3. September 2010