KNUT MELLENTHIN

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Zerstörte Israel einen syrischen Atomreaktor?

IAEA-Inspektoren beginnen Untersuchung. Spiegel meldet angeblichen Geheimdienstbericht.

Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) sind am Sonntag in Syrien eingetroffen. Sie wollen das Gelände untersuchen, auf dem sich eine Anlage befand, die am 6. September vorigen Jahres von israelischen Jagdbombern zerstört wurde.

Die Hintergründe des Angriffs sind bis heute unklar. Die israelische Regierung hat ihn nicht einmal offiziell zugegeben, kommentiert ihn folglich auch nicht. Syrische Stellen behaupten, es habe sich um eine stillgelegte Militäranlage gehandelt, ohne jedoch Details zu nennen. Statt zu protestieren, war die syrische Regierung bemüht, den Zwischenfall herunterzuspielen. Die Fläche, wo das zerstörte Gebäude gestanden hatte, wurde im Oktober 2007 eingeebnet und inzwischen neu bebaut.

Im April schließlich, über sieben Monate nach dem israelischen Angriff, präsentierte die US-Regierung die Behauptung, bei der Anlage in Al-Kibar habe es sich um einen mit nordkoreanischer Hilfe erbauten Atomreaktor gehandelt, der kurz vor der Fertigstellung stand. Zweck der Anlage sei gewesen, Plutonium für die Herstellung von Atomwaffen zu produzieren. Die von den USA vorgelegten Beweise waren allerdings spärlich und kaum aussagekräftig. Auch konnte die US-amerikanische Erklärung, warum man monatelang mit diesen „Enthüllungen“ gewartet hatte, nicht überzeugen: Angeblich seien militärische „Vergeltungsaktionen" Syriens gegen Israel zu befürchten gewesen.

Internationale Experten, darunter auch die IAEA, bezweifeln die US-amerikanischen Darstellungen. Das fragliche Gebäude in Al-Kibar verfügte weder über Sicherungsanlagen noch einen ausgebauten Zufahrtsweg. Es lag überirdisch und war auf gewöhnlichen, frei zugänglichen Satellitenfotos schon vor mehreren Jahren leicht zu erkennen, was nicht gerade dem Schema einer geheimen Produktionsstätte von Atomwaffen entspricht.

IAEA-Generalsekretär Mohamed ElBaradei kritisiert, dass Israel das Gebäude zerstörte, statt der IAEA Material für seinen Verdacht vorzulegen. Durch den Angriff sei es erschwert oder vielleicht sogar unmöglich gemacht worden, den Zweck der Anlage zu identifizieren: „Es ist zweifelhaft, ob wir dort irgendetwas finden werden – vorausgesetzt vor allem, dass es dort überhaupt etwas gab.“ – Erst im April hätte die US-Regierung der IAEA ihr „Beweismaterial“ übergeben, gleichzeitig mit der Presse. ElBaradei bezweifelt darüber hinaus, ob Syrien die technischen Fähigkeiten zum Betrieb eines Reaktors und den erforderlichen Nuklearbrennstoff gehabt hätte. Die IAEA hat keine Anzeichen dafür, dass Syrien überhaupt Nuklearbrennstoff besitzt und über eine Wiederaufarbeitungsanlage verfügt, die zur Gewinnung von Plutonium aus einem Reaktor nötig wäre.

Kurz vor Beginn des IAEA-Besuchs in Al-Kibar meldete Spiegel Online am Sonnabend, die Anlage sei „ein gemeinsames syrisch-iranisch-nordkoreanisches Militärprojekt“ gewesen. Zweck sei die Produktion von waffenfähigem Plutonium für den Iran gewesen. Auch bei der Produktion von Chemiewaffen hätten die drei Staaten zusammengearbeitet. Syriens Präsident Baschir al-Assad sei aber dabei, sich von der „Unterstützung des militärischen Nuklearprogramms Irans“ abzuwenden.

Als einzige Quelle der substanzlosen, keine weiteren Angaben enthaltenden Meldung werden „Geheimdienstberichte, die dem SPIEGEL vorliegen“, genannt. Offenbar handelt es sich dabei um Desinformationsmaterial, das ausschließlich dem Hamburger Nachrichtenmagazin zugespielt wurde. Obwohl die Spiegel-Meldung von den Nachrichtenagenturen DPA und AFP aufgenommen wurde, reagierten außerhalb Israels die meisten internationalen Medien auffallend zurückhaltend.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 23. Juni 2008