KNUT MELLENTHIN

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Der erste jugoslawische Staat und sein Ende im Zweiten Weltkrieg

Am 1. Dezember 1918, wenige Wochen nach Ende des 1. Weltkriegs, wurde durch eine Deklaration des serbischen Monarchen Peter I. das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gegründet. Seit Oktober 1929 führte der Staat den Namen Jugoslawien. Formalrechtlich war das SHS-Königreich (so abgekürzt nach den slawischen Initialen der drei staatstragenden Völker) ein Zusammenschluß des seit 1878 voll unabhängigen Serbiens mit den Gebieten, die bis Kriegsende dem österreichisch-ungarischen Reich unterstanden hatten - in erster Linie also Slowenien und Kroatien. Noch kurz vor der Gründung des einheitlichen Staates hatten Montenegro (ebenfalls schon seit 1878 unabhängig) und die Serben der Vojvodina (bis Kriegsende Teil von Österreich-Ungarn) ihren direkten Anschluß an Serbien erklärt.

Der Name des neuen Königreichs drückte aus, daß es sich, trotz Kontinuität der alten Belgrader Dynastie, um mehr handeln sollte als um den Anschluß zusätzlicher Gebiete an den bestehenden serbischen Staat. Dem Anspruch nach sollte ein freundschaftliches und gleichberechtigtes Verhältnis zwischen den drei im Staatsnamen genannten Völkern bestehen, die nach "Sprache und Blut" als Engverwandte innerhalb der größeren nationalen Gruppe der Süd-(jugo-)Slawen galten. Der Staatsname drückte aber auch aus, welche Bevölkerungsgruppen von vornherein als minderberechtigt, nicht staatstragend oder gar nicht eigenständig, definiert wurden. So die Bewohner Makedoniens (seit den Balkankriegen 1912-13 Teil Serbiens), die Albaner des Kosovo (ebenfalls seit 1912-13 serbisch), die Muslime Bosniens und die Ungarn der Vojvodina. Beispielsweise war es üblich, die Makedonen, unter denen es eine militante separatistische Bewegung gab, als "Südserben" zu bezeichnen. Die Muslime galten je nach Standpunkt der Betrachter entweder als religiös entartete Kroaten oder als zwangsislamisierte Serben.

Nation im Schnellkurs

Die Idee des "Jugoslawismus" oder ursprünglich "Illyrismus" (nach einem alten Volks- und Landschaftsnamen aus der Römerzeit) war im 19. Jahrhundert unter kroatischen und serbischen Intellektuellen entstanden, als überall in Europa der nationalistische Trend vorherrschte, "gleiches Blut" müsse unter dem Dach einheitlicher Staaten versammelt werden. Sachlich gab es dafür wenig Voraussetzungen, weil die Südslawen niemals in der Geschichte ein gemeinsames Reich gebildet hatten, sondern sich schon seit ihrer Einwanderung auf den Balkan vor mehr als Tausend Jahren auseinanderentwickelt hatten. Das Gebiet Jugoslawiens hatte sich auch nie zu einem einheitlichen Wirtschafts- und Verkehrsraum entwickeln können. Sowohl Österreich-Ungarn wie auch das Osmanische Reich hatten in ihren jeweiligen Imperien nur einen schwachen Zentralismus ausgeübt und daher zwangsläufig viel Raum für regionale Sonderentwicklungen lassen müssen.

Mit der Gründung des SHS-Königreichs wurde versucht, innerhalb weniger Jahre einen nachholenden Prozeß der Bildung zur Nation zu vollziehen, der in England oder Frankreich mehrere Jahrhunderte gedauert hatte. Selbst die Nachzügler Deutschland und Italien hatten für den Zusammenschluß zum nationalen Einheitsstaat zumindest mehrere Jahrzehnte gebraucht, wobei der Kampf um die Hegemonie auch mit militärischen Mitteln ausgetragen worden war.

Im SHS-Königreich machten die Serben fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Das Königshaus war serbisch, die Armeeführung war serbisch, der zentrale Verwaltungsapparat war überwiegend serbisch. Es konnte ja auch gar nicht anders sein, da nur Serbien, das schon seit Jahrzehnten ein unabhängiger Staat war, administrative, militärische usw. Strukturen besaß, die über die Ebene der kommunalen Selbstverwaltung hinausreichten. Kraft dieses Vorsprungs war Serbien auch in der Lage, die Einnahmen des Staates, zu denen Kroatien und Slowenien schon damals überdurchschnittlich beitrugen, im Interesse seiner eigenen wirtschaftlichen Entwicklung umzuverteilen. Auf der anderen Seite hatten die bürgerlichen und intellektuellen Schichten der Kroaten und Slowenen aus der langen Zeit der Abhängigkeit von Ungarn und Österreich eine starke Tradition des Kampfs gegen die Zumutungen einer Zentralmacht mitgebracht.

So waren heftige innere Widersprüche des neuen Staates vorprogrammiert. Es gab auf Seiten beider Hauptgruppen, der Serben und der Kroaten, auch viele Ideologen und Politiker, die - mit der jeweils eigenen nationalistischen Sichtweise - ganz ernsthaft und pseudo-wissenschaftlich die These vertraten, beide Völker seien in ihrer Geschichte, Kultur und "Mentalität" so grundverschieden, daß sie unmöglich in einem Staat zusammenleben könnten. Einige serbische Nationalisten sahen das Aufgehen ihres im "Freiheitskampf gegen das türkische Joch" entstandenen traditionsreichen Staates in einem neuen Völkerrechtssubjekt, in dem die serbische Hegemonie keine von vornherein ausgemachte Sache war, mit sehr gemischten Gefühlen. Auf kroatischer Seite hatten die Verfechter eines eigenen Nationalstaats nur vorübergehend den kürzeren gezogen.

Tatsächlich sprachen gerade aus national-kroatischer Sicht 1918 mehrere Punkte für eine enge Verbindung mit dem militärisch und außenpolitisch stärkeren Serbien: Kroatien allein hatte, was den Kriegsausgang und die Folgen anging, bestenfalls einen zweifelhaften Status. Kroatische (und slowenische) Soldaten und Offiziere - als später prominentester unter ihnen: Tito - hatten gezwungenermaßen in der österreichisch-ungarischen Armee mitgekämpft. Erst der Zusammenschluß mit Serbien befreite Kroatien definitiv von dem Risiko, von den westlichen Großmächten als Kriegsverlierer behandelt zu werden. Ja, es verhalf ihnen im größeren südslawischen Kontext sogar zur Teilhabe am Status einer Siegermacht. Von Bedeutung war das vor allem in der Auseinandersetzung mit Italien, dem 1915 als Belohnung für seinen Kriegseintritt an der Seite Frankreichs und Englands große Teile Kroatiens versprochen worden waren. Im Endeffekt konnte Italien als Kriegsbeute immer noch Istrien samt dem Hafen von Rijeka (ital. Fiume), die Küstenstadt Zadar (Zara), sowie ein paar Inseln behalten, aber das von Italien insgesamt beanspruchte Dalmatien blieb beim SHS-Königreich.

Wie in allen Teilen Jugoslawiens war damals auch in Kroatien die Wirtschaft fast ausschließlich agrarisch, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ländlich-bäuerlich. 79 Prozent lebten von der Landwirtschaft, nur 4,5 Prozent von Handwerk und Industrie. Die Bauernpartei war mit großem Abstand die Hauptpartei Kroatiens in der gesamten Zeit von der Staatsgründung 1918 bis zur Zerschlagung Jugoslawiens durch die deutsche Armee 1941. Die Politik der Bauernpartei schwankte immer wieder zwischen Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Belgrad - verbunden mit Bemühungen um eine föderative Reform der Staatsstrukturen -, wechselnd mit militantem Separatismus und Boykott der zentralen Institutionen. Wie unbestimmt und wechselhaft die Partei auch in ihrer sonstigen Orientierung war, ist daran zu sehen, daß sie 1924 der Moskauer Bauerninternationale beitrat, Ende der dreißiger Jahre sich aber teilweise der faschistoiden Rechtspartei (Ustascha) annäherte.

Was bitte ist ein Sporazum?

Ein entscheidender Bruchpunkt in der Entwicklung des ersten jugoslawischen Staates war die Erschießung der Brüder Radic, Führer der Kroatischen Bauernpartei, durch einen serbischen Abgeordneten im Parlament am 20. Juni 1928. Die Bauernpartei verlangte nunmehr einen selbständigen, nur durch eine Personalunion an der Spitze mit Belgrad verbundenen Status. Sie boykottierte das Parlament und lehnte überhaupt jede Zusammenarbeit mit Vertretern Belgrads und der Regierungsparteien ab.

Um der Staatskrise Herr zu werden, verkündete der König Anfang Januar 1929 seine persönliche Diktatur. Das Parlament und kurz darauf auch die Parteien und die Gewerkschaften wurden aufgelöst, die Verfassung suspendiert. Im Oktober 1929 wurde der Staat verwaltungsmäßig neu geordnet und erhielt den Namen Jugoslawien. Dies, ebenso wie die Festlegung völlig neuer Bezirke, zielte auf eine noch stärkere Zentralisierung des Staates. Alle Symbole der Einzelvölker wurden abgeschafft oder verboten.

Auch als dann Anfang der dreißiger Jahre die Diktatur etwas gelockert wurde und wieder Vereine legal gegründet werden konnten, blieben solche mit religiösem oder nationalem Hintergrund verboten. Auf diese Weise wurde versucht, mit Notstandsmaßnahmen und Gewalt ein jugoslawisches Staatsvolk im Eilverfahren zu produzieren. Um die Vorherrschaft der Regionalparteien zu brechen, wurde im Juli 1933 eine "Jugoslawische Staatspartei" aus der Taufe gehoben, die aber nur aufgrund autoritär regulierter und verfälschter Wahlen regieren konnte. Nicht besser war es mit der "Jugoslawischen Radikalen Union", die etwas später die Nachfolge der Staatspartei antrat.

Die Verschärfung der außenpolitischen Situation vor allem durch den Kriegskurs des Deutschen Reichs führte ab Anfang 1939 zu einem versöhnlicheren und kompromißbereiten Kurs Belgrads gegenüber Kroatien, offenbar auch aufgrund der Empfehlungen und des Drucks von Seiten Frankreichs und Englands. Am 26. August 1939, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurde zwischen der Belgrader Regierung Cvetkovic und dem Führer der Kroatischen Bauernpartei, Macek, das "Sporazum" (= Verständigung, Abkommen) vereinbart. Es sah als Hauptpunkt die Bildung einer weitgehend autonomen kroatischen Verwaltungseinheit vor, zu der auch Teile von Nord- und Zentralbosnien sowie der Hercegovina gehörten. Fünf kroatische Minister wurden in die Zentralregierung aufgenommen; Macek wurde Stellvertretender Ministerpräsident. Außerdem sollten auf repräsentativere Weise als bisher Neuwahlen stattfinden, zu denen es jedoch bis zum Untergang des jugoslawischen Staates nicht mehr kam.

Bei beiden nationalen Hauptgruppen hinterließ dieser Kompromiß Unzufriedenheit. Vor allem große Teile der Serben in Kroatien fühlten sich von Belgrad "verraten und verkauft"; sie forderten eine direkte Verbindung mit Serbien. Umgekehrt sahen Teile der Kroatischen Bauernpartei Macek als "Verräter an den nationalen Interessen" an, mit dem Ergebnis, daß der Einfluß der faschistoiden Ustascha-Kreise auf den rechten Flügel der Partei wuchs. Auch aus Sicht der Befürworter eines zentralisierten Einheitsstaates mußte man wohl zur Schlußfolgerung kommen, daß ein sehr hoher Preis gezahlt worden war: Kroatien hatte einen Sonderstatus erlangt, der in Jugoslawien einmalig war und Nachahmer geradezu provozieren mußte.

Zunehmende Abhängigkeit von Deutschland

Außenpolitisch war der jugoslawische Staat zunächst Teil des von Frankreich inspirierten Bündnissystems, das in erster Linie ein Wiedererstarken des deutschen Imperialismus hemmen sollte. Durch die "Kleine Entente" war Belgrad mit der Tschechoslowakei und Rumänien verbunden. Gemeinsames Hauptinteresse dieser drei Staaten war allerdings zunächst nicht Blockbildung gegen Deutschland (das in den zwanziger Jahren von ihnen nicht als große Bedrohung gesehen wurde), sondern Abwehr einer habsburgischen Restauration in Österreich und revanchistischer Ambitionen Ungarns. (Alle drei Länder hatten große ungarische Minderheiten.) Der Regierungsantritt der NS-Partei in Deutschland führte zunächst dazu, daß sich die Zusammenarbeit im Rahmen der "Kleinen Entente" festigte, auch auf militärischem Gebiet.

Andererseits nahm der wirtschaftliche Einfluß Deutschlands in Jugoslawien während der dreißiger Jahre entscheidend zu. So stieg der deutsche Anteil an Jugoslawiens Importen von knapp 14 Prozent 1934 bis 1940 auf 53,7 Prozent. Außerdem gingen 36 Prozent der jugoslawischen Exporte nach Deutschland, während es 1934 nur 15,4 Prozent gewesen waren. Besonders wichtig für das Agrarland Jugoslawien war, daß Deutschland fast zwei Drittel seiner landwirtschaftlichen Exporte abnahm. Seit Ende der dreißiger Jahre war das Deutsche Reich mit Abstand Jugoslawiens wichtigster Handelspartner, woraus sich auch ein zunehmendes Abhängigkeitsverhältnis ergab.

Außenpolitisch war die Belgrader Regierung seit etwa 1938 um eine Entspannung der Beziehungen zu Deutschland und Italien bemüht. Die Zerschlagung der Tschechoslowakei zwischen Herbst 1938 und Frühjahr 1939 brach nicht nur den stärksten Partner aus der "Kleinen Entente" heraus, sondern ließ auch in vielen der kleineren und mittelgroßen Staaten Zweifel an den Aussichten einer Konfrontationspolitik gegen die nazistisch-faschistischen Allianz wachsen. Die Unfähigkeit oder der Unwille Frankreichs und Englands, wirkungsvoll für die Tschechoslowakei Partei zu ergreifen, warf grundsätzlich die Frage auf, welcher Schutz eigentlich noch im Fall einer deutschen Aggression von ihnen zu erwarten wäre.

Der Kriegsverlauf (der schnelle Untergang Polens, die militärische Niederlage Frankreich im Frühjahr 1940) ließ Länder wie Ungarn und Bulgarien, die sich bis dahin noch knapp bedeckt gehalten hatten, offen an die Seite des "Dreierpakts" Deutschland-Italien-Japan treten. Staaten wie Rumänien, die noch einige Jahre vorher Bestandteil des westlichen Bündnissystems gewesen waren, orientierten sich rasch entsprechend den neuen Kräfteverhältnissen um.

Auch Jugoslawien war in dieser Phase des Krieges heftigem Druck ausgesetzt, sich der nazistisch-faschistischen Allianz anzuschließen. Am 25. März 1941 unterzeichnete schließlich die Regierung Cvetkovic-Macek den Beitritt zum "Dreierpakt", nachdem Ungarn, Rumänien und die Slowakei diesen Schritt im November 1940 und Bulgarien am 1. März 1941 getan hatten. Zuvor hatte die deutsche Seite den jugoslawischen Vorbehalt akzeptiert, von den sich aus dem Pakt eigentlich ergebenden militärischen Verpflichtungen freigestellt zu werden.

Hauptmotiv Belgrads für den Beitritt war die Befürchtung, anderenfalls sehr schnell und total isoliert einem Angriff Italiens (das seit Herbst 1940 schon Krieg gegen Griechenland führte) und vielleicht auch Deutschlands gegenüberzustehen. Doch war die konkrete Schlußfolgerung aus dieser allgemein geteilten Einschätzung der Lage in den herrschenden Kreisen Jugoslawiens so umstritten, daß knapp zwei Tage später, in der Nacht zum 27. März 1941, Teile der militärischen Führung putschten und die Regierung samt dem König für abgesetzt erklärten.

Am 5. April schloß die neue Regierung einen Freundschafts- und Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion, die zu dieser Zeit noch einen ebensolchen Vertrag mit Deutschland hatte. Nach Lage der Dinge war klar, daß das sowjetisch-jugoslawische Abkommen von deutscher Seite als "unfreundliche Geste" interpretiert werden würde und daß es auch weltweit als Signal einer (vorsichtigen) Umorientierung Moskaus verstanden wurde. Die deutsche Führung plante seit Dezember 1940 konkret den Überfall auf die UdSSR, was in Moskau selbstverständlich nicht unbemerkt geblieben war. (Die These, Stalin habe mit dem deutschen Überfall nicht gerechnet, kann sich nur auf den Zeitpunkt, also Sommer 1941, beziehen; darüber, daß Deutschland angreifen würde, machte sich Stalin keine Illusionen.)

Die neue Belgrader Regierung gab in Berlin und Rom sofort das Versprechen ab, an ihrer außenpolitischen Orientierung werde sich nichts ändern. Der Beitritt zum "Dreierpakt" solle zwar nicht ratifiziert, aber auch nicht aufgekündigt werden. Dennoch entschied Hitler, auf jeden Fall den jugoslawischen Staat anzugreifen und zu zerschlagen. Ohnehin war für Anfang April 1941 ein deutscher Überfall auf Griechenland seit längerem geplant und vorbereitet. Nun wurde diese Planung kurzfristig auch auf Jugoslawien ausgeweitet. Am 6. April begann der deutsche Angriff, unterstützt durch Vorstöße aus Italien und Ungarn. Am 17. April unterzeichnete der jugoslawische Oberbefehlshaber die bedingungslose Kapitulation.
Zerstückelung Jugoslawiens

Der besiegte Staat wurde folgendermaßen aufgeteilt:

Slowenien

wurde zu etwa einem Drittel von Italien und zu zwei Dritteln von Deutschland annektiert. Zunächst war geplant, das Gebiet direkt ans Großdeutsche Reich anzuschließen, doch wurde diese Entscheidung zweimal verschoben und dann nicht weiterverfolgt. Indirekt fand ein Anschluß aber dadurch statt, daß das besetzte Slowenien je zur Hälfte den angrenzenden Verwaltungseinheiten Kärnten und Steiermark unterstellt wurde.

Hitler hatte die Devise ausgegeben, "dieses Land wieder deutsch zu machen", offenbar unter Bezug darauf, daß es schon vor 1000 Jahren zum Deutschen Reich gehört hatte, was aber beispielsweise auch für Nord- und Mittelitalien hätte gesagt werden können. Ethnisch war Slowenien niemals deutsch, sondern im Gegenteil waren Teile Südkärntens und der Steiermark slawisch besiedelt gewesen.

"Dieses Land wieder deutsch zu machen" hieß in der Sprache deutscher Beamter auch: "In fünf Jahren wird es hier keine Slowenen mehr geben." Dafür gab es drei Methoden: Zwangsweise "Eindeutschung" der Bewohner, unter anderem in der Weise, daß nur noch deutsch gesprochen werden sollte; Ansiedlung deutscher Kolonisten; Vertreibung und Zwangsumsiedlung. Geplant war, fast ein Drittel der Bevölkerung (220.000-260.000 Menschen) nach Kroatien abzuschieben, wobei vor allem Intellektuelle, "feindselige Elemente", "politisch Unzuverlässige" und Bewohner bestimmter Zonen vorgesehen waren. Die Listen der zu Vertreibenden waren teilweise von den Verbänden der "Volksdeutschen", also der deutschen Minderheit in Slowenien, aufgestellt worden.

Tatsächlich blieb die Realität hinter den Plänen zurück: Bis Kriegsende wurden nach jugoslawischer Schätzung "nur" 63.000 Slowenen deportiert, und etwa 17.000 weitere flüchteten vor dem Nazi-Terror. Nur etwa 16.000 Deutsche, meist aus dem von Italien besetzten Teil Sloweniens stammend, konnten neu angesiedelt werden.

Kroatien

wurde dem Namen nach ein unabhängiger Staat, der außer Kroatien selbst auch das gesamte Gebiet von Bosnien und Hercegovina umfaßte. In den deutsch-italienischen Absprachen hatte Hitler zunächst verkündet, er sei an Jugoslawien absolut uninteressiert und respektiere dort die Vorherrschaft Italiens, mit der einzigen Ausnahme Sloweniens. Demnach war die italienische Regierung davon ausgegangen, daß Kroatien uneingeschränkt ihr Vasallenstaat werden würde. Doch setzte die deutsche Regierung dann die Teilung Kroatiens in zwei Besatzungszonen durch, wobei der größere Teil (mit Zagreb, Banja Luka und Sarajevo, sowie mit den meisten Industriegebieten und Bodenschätzen) unter deutsche Kontrolle kam. Als "Kompensation" durfte Italien den größten Teil der dalmatinischen Küste annektieren.

Das faschistische Ustascha-Regime, das in Kroatien in weitgehender Abhängigkeit von den beiden Besatzungsmächten "herrschte", war erst nach dem Einmarsch von diesen eingesetzt worden. In Jugoslawien selbst schon seit Ende der zwanziger Jahre illegalisiert, waren die Ustaschi bis zum Krieg eine zahlenmäßig nicht sehr bedeutende Exilorganisation gewesen, die in erster Linie von Italien beherbergt und unterstützt wurde. Die deutsche Regierung hatte bis 1941 den Versuch favorisiert, ein einheitliches Jugoslawien unter ihre Kontrolle zu bringen, statt auf die Unterstützung der Separatisten zu setzen.

Im Gegensatz zu der geringen Zahl ihrer Exilmitglieder - Schätzungen sprechen von insgesamt 2000, jedenfalls weit weniger als 10.000 - hatte die Ustascha in den letzten Vorkriegsjahren in Kroatien Fuß fassen können, indem sie planmäßig in der Bauernpartei und anderen Organisationen arbeitete und zunehmend Einfluß in nationalistischen und separatistischen Kreisen gewinnen konnte. Aus zeitgenössischen Berichten geht hervor, daß die Proklamation des unabhängigen Staates in der kroatischen Bevölkerung breite Zustimmung fand, die zwar nicht unbedingt der Ustascha galt, aber von dieser doch auch nicht einfach zu trennen war.

Indessen begann mit der Unterordnung der Ustascha unter die Besatzungsmächte, insbesondere mit der Abtretung großer Teile Dalmatiens, auch schon die Frustration nationalistischer Sektoren, die anfangs das neue Regime begrüßt hatten. In kurzer Zeit hatte die Ustascha fast alle Bevölkerungsschichten so gegen sich aufgebracht, daß ein Arbeitspapier des deutschen Generalobersten Löhr (Leiter des Wehrmachtkommandos für Südosteuropa) im Februar 1943 konstatierte: "Die tatsächliche Herrschaftsgewalt der Regierung besteht heute jedoch nur noch innerhalb der Mauern der Landeshauptstadt (...) Terrormaßnahmen, Massenverhaftungen, Verurteilungen, Ermordungen (...) führten zu einer Rechtsunsicherheit, Rechtlosigkeit und in weiten Teilen des Landes durch das Treiben der Banden zu chaotischen Verhältnissen. (...) Durch die Willkürherrschaft der Ustaschen (...) und die Unfähigkeit in der Bekämpfung der Banden hat das kroatische Volk das Vertrauen zur Ustascha-Bewegung und zur Regierung verloren. In der Masse der Bevölkerung besteht ein nicht mehr auszulöschender Haß gegen diese Bewegung."

Bekanntlich ging das Ustascha-Regime schon bald nach seiner Einsetzung im April 1941 mit völkermörderischem Terror gegen die serbische Bevölkerung vor, mit dem klaren Ziel, in allen Gebieten des Staates, wo Serben die Mehrheit waren, die Bevölkerungsverhältnisse radikal zu verändern. Neben Massenmord als extreme Methode wurden auch Vertreibung, Einsperrung in Konzentrationslager und Zwangs"bekehrung" zum Katholizismus betrieben. Löhr sprach in der eben zitierten Denkschrift von 400.000 ermordeten Serben.

Es lassen sich viele deutsche Berichte zitieren, in denen der Ustascha-Terror gegen die Serben in schärfsten Worten kritisiert wurde. Typisch ist ein Referat von Heinrich Himmler (Februar 1942), in dem er die "Greueltaten" der Ustascha gegen die Serben als "wichtigste Ursache für das Aufflammen der Bandentätigkeit", also für den breiten Zustrom zu den Partisanenverbänden, bezeichnete.

Zu interpretieren, daß solche Äußerungen reine Heuchelei waren, weil der Ustascha-Terror nur mit deutscher Zustimmung möglich gewesen sei, wäre zu kurz gegriffen. In weiten Teilen Jugoslawiens war die Kontrolle der Besatzungsmächte tatsächlich äußerst schwach oder überhaupt nicht vorhanden. Eher sind Kritiken wie die eben zitierte als Ausdruck der Schizophrenie und der Schwankungen in der deutschen Politik zu begreifen. So war es die deutsche Wehrmacht gewesen, die das barbarische Prinzip eingeführt hatte, für einen getöteten Deutschen 100 Jugoslawen zu erschießen oder aufzuhängen, das die Ustascha dann exakt übernahm. Zitat aus einem deutschen Armeebefehl vom 28. April 1941, also zu einem Zeitpunkt, wo es noch kaum Partisanenwiderstand gab: "Tritt in einem Gebiet eine bewaffnete Bande auf, so sind auch die in der Nähe der Bande ergriffenen Männer zu erschießen, sofern nicht sofort einwandfrei festgestellt werden kann, daß sie nicht mit der Bande in Zusammenhang gestanden haben."

Auf der anderen Seite gab es tatsächlich auch immer wieder die Erkenntnis, daß solcher Terror kontraproduktiv wirkte, die Ausübung des Besatzungsregimes letztlich eher erschwerte, der Partisanenbewegung Zulauf verschaffte. Das Ergebnis waren widersprüchliche Richtlinien und häufige Wechsel der hauptsächlich verfolgten Taktik.

Serbien,

ungefähr in den Grenzen, die es vor der Verdoppelung seines Territoriums durch die Balkankriege 1912/13 hatte, wurde unter deutsche Militärverwaltung gestellt. Zugleich wurde ein kollaborationsbereites Regime eingesetzt, dem der General Milan Nedic, ein ehemaliger Kriegsminister Jugoslawiens, vorstand. Das Nedic-Regime verfügte über eine Zivilverwaltung mit beschränkten Kompetenzen und über eine eigene kleine Truppe.

Zweifellos waren die Funktionäre, auf die sich dieses Regime stützte, in ihrer großen Mehrheit keine Faschisten und Freunde des Großdeutschen Reichs, sondern Monarchisten und Konservative. Ihre Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht war an zwei Zielen orientiert: Erstens, "die Serben retten"; das bedeutete, einen Rest staatlicher Existenz und den konservativ-monarchistischen Apparats bis zur erhofften deutschen Niederlage zu bewahren und zu einem möglichst gemäßigten Verlauf der Besatzungszeit (ohne größere Angriffe gegen die Bevölkerung) beizutragen. Zweitens, "den Kommunismus bekämpfen"; das bedeutete, gemeinsam mit der Besatzungsmacht zu verhindern, daß die in erster Linie von der KP geführte Partisanenbewegung in Serbien Fuß fassen konnte.

Die meisten Tschetnik-Verbände unterschieden sich vermutlich weder in der politischen Herkunft und Orientierung noch in der Zielsetzung wesentlich vom Nedic-Regime. Personell durchdrangen sich die beiden Bereiche: Im Verwaltungs- und Sicherheitsapparat des besetzten Serbien gab es zahlreiche heimliche Sympathisanten der Tschetniks, und umgekehrt bei diesen V-Leute des Nedic-Apparats.

In Serbien selbst spielten die Tschetnik-Partisanen militärisch keine große Rolle; ihre Hauptkampfgebiete lagen in anderen mehrheitlich von Serben bewohnten Gebieten (Teile Kroatiens und Bosniens sowie Montenegro). Gründe dafür waren: Ganz allgemein waren die Partisanenbewegungen in Serbien relativ schwach. Das mag an der hohen "Effektivität" der direkten deutschen Militärverwaltung wie auch daran gelegen haben, daß andere Landschaften sehr viel günstigere Bedingungen für diese Kampfform boten. Außerdem vertrat die Tschetnik-Spitze generell die Tendenz, sich mit Aktionen gegen die deutsche Armee zurückzuhalten, weil diese regelmäßig Gegenschläge gegen die Zivilbevölkerung zur Folge hatten. Aus der Logik heraus, Serbien über den Krieg hinwegzuretten und mit dem Nedic-Regime zu diesem Zweck zu kooperieren, wurden größere Kämpfe in Serbien für kontraproduktiv gehalten.

Die einzelnen Tschetnik-Verbände waren weitgehend autonom. Ihre Taktik gegenüber den Besatzungsmächten einerseits, gegenüber den sozialistischen Partisanen andererseits, gegenüber den nicht-serbischen Zivilbevölkerungen usw., war uneinheitlich und unkontinuierlich. Nicht nur bestimmte jeder Kommandant seine Politik selbst, sondern er wechselte diese vielleicht auch noch mehrmals im Lauf der Zeit.

In den Gebieten unter italienischer Besatzung gab es (neben einigen autonomen Gruppen) die sogenannten legalen Tschetniks, die von den Italienern bewaffnet und versorgt wurden. Ihre Funktion war die von Söldnern im Dienst der Besatzungspolitik, vor allem der Kampf gegen die sozialistischen Partisanen. Gelegentlich kombinierten sie das mit Plünderungen und Aktionen gegen kroatische oder muslimische Dörfer. Einige Tschetnik-Verbände praktizierten in erster Linie ethnisch motivierten Massenmord, der sich qualitativ vom Ustascha-Terror kaum unterschied. Oft war, wie auch heute, der Weg von der Selbstverteidigung als bedrohte Volksgruppe zu blutigen Rache-Aktionen und von dort zu ganz unprovozierten Massakern nicht weit.

Nach der Kapitulation Italiens im Sommer 1943 übernahm die Wehrmacht teilweise die "legalen Tschetniks" in eigener Regie. Die deutsche Haltung gegenüber den Tschetniks insgesamt war widersprüchlich und wechselhaft. Ansätze deutscher Militärs vor Ort, sich mit manchen serbischen Einheiten zu arrangieren und sie sich nach italienischem Vorbild dienstbar zu machen, wurden mehrfach von scharfmacherischen Anweisungen Hitlers durchkreuzt. Dann wieder wurde der militärischen Führung doch freie Hand gelassen, und es kam zeitweise in manchen Gebieten zu einem faktischen gegenseitigen Nichtangriffsabkommen zwischen Wehrmacht und Tschetniks, gelegentlich auch zur direkten Zusammenarbeit.

Zur Vervollständigung der Aufteilung Jugoslawiens: Montenegro wurde formal ein von Italien abhängiges Gebilde, das noch nicht einmal den Status eines Satellitenstaates hatte. Faktisch war es aber, aufgrund seiner schwer zugänglichen Landschaften und der langen kämpferischen Tradition seiner Bewohner eine uneinnehmbare Hochburg von Tschetniks und sozialistischen Partisanen. Makedonien wurde zum größten Teil an Bulgarien angegliedert, das Mitglied des nazistisch-faschistischen "Dreierpakts" war. Große Teile der makedonischen Separatistenbewegung IMRO, die den jugoslawischen Staat militant bekämpft hatte begrüßten nicht nur den Anschluß an Bulgarien, sondern arbeiteten auch mit der deutschen Wehrmacht eng zusammen. Der Westen Makedoniens und das Kosovo wurden Albanien zugeteilt, das seit 1939 staatsrechtlich zu Italien gehörte.

Die vage Vorstellung, im Zweiten Weltkrieg habe "Kroatien" gemeinsam mit dem nazistischen Deutschland gekämpft, hingegen "Serbien" auf der Gegenseite, und das wiederhole sich in der heutigen Konstellation, wird den historischen Tatsachen nicht gerecht. Noch ärger wird der Fehler, wenn "die Kroaten" von damals und heute mit dem Ustascha-Regime identifiziert werden. Weder Kroatien noch Serbien waren, als die deutsche Armee Jugoslawien zerschlug, demokratisch strukturierte Staaten, die ihren Bevölkerungen auch nur annähernd die Informations-, Diskussions- und Teilhabemöglichkeiten einer bürgerlichen Gesellschaft geboten hätten.

Wo Wehrmacht und Waffen-SS in den besetzten Gebieten nach Kollaborateuren suchten, da haben sie überall solche Kräfte gefunden. Aber es hat beispielsweise aus der Tatsache, daß russische Einheiten in den deutschen Streitkräften mitkämpften, noch niemand die Formulierung hergeleitet, Rußland oder "die Russen" hätten sich am Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Nazis beteiligt. Für Jugoslawien jedoch wird ein analoger Trugschluß recht häufig gezogen.

Der größte Teil aller Jugoslawen hat damals aktiv, unterstützend oder wenigstens sympathisierend auf Seiten der sozialistischen Partisanenbewegung gestanden - ohne signifikante Unterschiede zwischen den einzelnen Völkern. Das war die "Geschäftsgrundlage" der sozialistischen Föderation, und es bleibt auch wahr, nachdem der so geschaffene Staat im Kampf seiner Völker untergegangen ist.

Knut Mellenthin

analyse & kritik, 7. Juli 1993