KNUT MELLENTHIN

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Che Guevaras "Botschaft an die Trikontinentale"

Als im Frühjahr 1967 Che Guevaras Mesaje a la Tricontinental, eine Grußbotschaft an die „Solidaritätskonferenz der Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas“, in Havanna veröffentlicht wurde, befand der kubanische Revolutionär sich bereits mit unbekanntem Aufenthaltsort außer Landes. Erste Gerüchte, dann einzelne Berichte, dass sich Guevara mit einer kleinen Guerillagruppe in Bolivien befand, wurden schließlich durch die Meldung seines Todes offiziell bestätigt. Nachdem er am 8. Oktober 1967 während eines Gefechts gefangen genommen worden war, wurde er am folgenden Tag unter Mitwirkung eines exil-kubanischen CIA-Agenten erschossen.

Che Guevaras Botschaft, die vor allem an die gespaltene kommunistische Weltbewegung gerichtet war, wurde in der Übersetzung von Rudi Dutschke und Gaston Salvatore unter dem Titel „Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam“ zu einem der wichtigsten Texte der deutschen Protestbewegung. Als Sprechchor war das „Zwei, drei, viele Vietnam“ auf zahlreichen Demonstrationen zu hören. Die RAF machte sich einige Jahre später Che Guevaras Aufforderung, den revolutionären Krieg gegen den US-Imperialismus weltweit zu entfachen, unter dem ebenso primitiven wie falschen Slogan „Jeder kann anfangen“ auf ihre Art zu eigen.

Heute, wo weder von einer kommunistischen Weltbewegung noch von einer koordinierten globalen Kampffront gegen den Imperialismus die Rede sein kann, verdient es die Botschaft des kubanischen Revolutionärs, erneut zur Hand genommen und im aktuellen Zusammenhang gelesen zu werden.

Che Guevara kritisierte im Anfang seines Textes den „trügerischen Optimismus in vielen Gruppen der verschiedenen Lager“, der umstandslos vom Weltfrieden sprach, den es zu erhalten gelte. „Angesichts des immer größer werdenden Elends, der Erniedrigung und Ausbeutung von großen Teilen der Welt“ müsse „gefragt werden, ob dieser Frieden real ist“. Er stellte damit den Friedensbegriff in Frage, wie er insbesondere von der Sowjetunion und der von ihr geführten Staatengemeinschaft propagiert wurde.

„Es gibt eine schmerzvolle Realität“, schrieb Guevara. „Vietnam, das Land, das die Erwartungen und Hoffnungen der verlassenen Völker vertritt, ist in tragischer Einsamkeit. (…) Die Solidarität der fortschrittlichen Mächte der Welt mit dem vietnamesischen Volk ähnelt der bitteren Ironie, die der Beifall des Pöbels für die Gladiatoren im römischen Zirkus bedeutete.“ Schuld an den Leiden des vietnamesischen Volkes seien „auch die, die in der Stunde der Entscheidung zögerten, Vietnam zu einem unverletzlichen Teil des sozialistischen Lagers zu machen. Zwar hätte die Gefahr eines weltweiten Konflikts bestanden, aber andererseits wäre der Imperialismus zur Entscheidung gezwungen worden. Schuld haben auch die, die einen Krieg von Beschimpfungen und Zänkereien aufrechterhalten, der schon vor langer Zeit von den Vertretern der beiden größten Mächte des sozialistischen Lagers begonnen wurde.“

Gemeint war damit der Streit zwischen den kommunistischen Parteien der Sowjetunion und Chinas, der nach dem XX. Parteitag der KPdSU (1956) immer schneller und weiter eskaliert war – und schließlich 1969 sogar zur bewaffneten Grenzkonfrontation am Wussuli/Ussuri führte.

Che Guevaras Alternative, eine große Zahl von lokalen und regionalen Volkskriegen weltweit zu entfachen, um den Imperialismus von allen Seiten anzugreifen und schließlich zu zerstören, erwies sich als nicht durchführbar – zumindest nicht als isolierter Willensakt einiger weniger Revolutionäre.

Heute, wo der US-Imperialismus und seine NATO-Verbündeten in noch größerem Ausmaß als während der 1960er Jahre verbrecherische Kriege führen, ohne auf koordinierten Widerstand zu stoßen, stellen sich die von Che Guevara aufgeworfenen Themen auf neue Weise und im Grunde noch dringlicher.

Gar keine Frage: Die konkreten Formen des antiimperialistischen Abwehrkampfes in Pakistan, in Afghanistan, im Irak laden nicht zu einer bequemen politischen Solidarisierung unter Sprechchor-kompatiblen Parolen ein. Aber das stellt weder eine Entschuldigung noch eine Rechtfertigung dafür dar, keine adäquaten Proteste zu entwickeln oder die globale NATO-“Counterinsurgency“ nur beiläufig als ein Thema unter vielen anderen zu behandeln. Schon gar nicht heute, wo dieser Krieg, anders als in den 1960er Jahren, ganz ausdrücklich auch „im deutschen Namen“ geführt wird.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 4. November 2009