KNUT MELLENTHIN

Funktionen für die Darstellung

Schriftgröße:
Darstellung:

Seitenpfad

Bestens aufgestellt

Der Westen vertraut den Führern der libyschen "Revolution". Denn er hat sie selbst ausgesucht.

„Das ist al-Kaida, gegen die die ganze Welt kämpft“, warnte Oberst Muammar Gaddafi zu Beginn des Aufstands in Libyen. Das Thema war nicht sonderlich originell gewählt: Alle arabischen Machthaber, die Probleme mit erheblichen Teilen ihrer Untertanen haben, werben um westliche Unterstützung oder wenigstens Schonung, indem sie sich als alternativlose Vorkämpfer gegen den islamistischen Tsunami darstellen, nach deren Ablösung zwangsläufig die Flut über die gesamte zivilisierte Welt hereinbrechen wird.

Aber hatte Gaddafi nicht vielleicht doch Recht mit seiner Prognose? Schließlich hatte doch sogar Hillary Clinton am 2. März vor dem Außenpolitischen Ausschuss des Senats dargelegt, ihr bereite große Sorge, dass viele der „al-Kaida-Aktivisten“ in Afghanistan und später auch im Irak aus Libyen gekommen seien, und zwar vor allem aus dem Ostteil des Landes, der jetzt das Zentrum des Aufstands gegen Gaddafi ist. Schließlich seien al-Kaida und ihre Untergruppen die größte Gefahr für die USA, und der Kampf gegen sie sei „oberste Priorität“ der Obama-Regierung.

Es fehlte nicht an Mahnern von Rechts und Links, die aus dieser Sorge ein gewichtiges Argument gegen die immer massivere und offenere Unterstützung der libyschen Rebellen durch die NATO machen wollten. Nicht alle argumentierten so grobschlächtig und im Grunde pro-imperialistisch wie Webster Tarpley, der am 24. März einen langen Agitationstext unter der verräterischen Headline „Die libyschen Rebellen der CIA: Die selben Terroristen, die US- und NATO-Truppen im Irak töteten“ vorlegte. Bush, so schrieb Tarpley dort, habe al-Kaida lediglich als Vorwand für militärische Angriffe verwendet. Der jetzige Präsident hingegen gehe sehr viel weiter: „Die Obama-Methode besteht darin, al-Kaida zu benutzen, um unabhängige Regierungen zu stürzen und die betreffenden Länder anschließend entweder zu balkanisieren und aufzuteilen, oder sie als Kamikaze-Marionetten gegen größere Feinde wie Russland, China oder Iran einzusetzen. Diese Herangehensweise impliziert eine mehr oder weniger offene Verbrüderung mit terroristischen Gruppen“. Das habe Obama bereits mit seiner Rede in Kairo 2009 – die in Wirklichkeit nur von verlogenen Versöhnungsphrasen an die islamische Welt geprägt war – signalisiert.

Aber was ist wirklich dran an den Warnungen und Vermutungen? Sehr, sehr wenig. Der wichtigste, weil nämlich genau betrachtet einzige Kronzeuge für die These von der Al-Kaida-Nähe der libyschen Rebellen ist Abdul-Hakim al-Hasidi. Die Schreibweisen seines Namens variieren wild. Internetgeschichte machte der Mann, nachdem die britische Tageszeitung Telegraph am 25. März getitelt hatte: „Libyan rebel commander admits his fighters have al-Qaeda links“, also: „Libyscher Rebellenkommandeur gibt zu, dass seine Kämpfer Verbindungen zu al-Kaida haben“. Die Geschichte wurde innerhalb weniger Tage unhinterfragt hundertfach im Netz geklont.

Sie hatte allerdings einige Schönheitsfehler. Erstens: Der Telegraph hatte versäumt, die präzise Funktion al-Hasidis anzugeben. So konnte der Ausdruck „Rebellenkommandeur“ zu übertriebenen Vorstellungen über seine Bedeutung animieren. Tatsächlich war er nach eigenen Angaben lediglich für die Leitung der Verteidigung der kleinen Stadt Derna (50.000 Einwohner laut Wikipedia, bis zu 80.000 nach anderen Quellen) verantwortlich. Zweitens: Der Telegraph bezog sich mit seiner Darstellung auf ein Gespräch mit al-Hasidi, über das die italienische Zeitung Il Sole 24 Ore am 22. März berichtet hatte. Eine Aussage, dass seine Kämpfer Verbindungen zu al-Kaida hätten, kam darin jedoch überhaupt nicht vor. Liest man daraufhin den Telegraph-Artikel noch einmal genau, wird man feststellen, dass selbst deren Text die gewagte Headline nicht stützt.

Was al-Hasidi den italienischen Journalisten angeblich gesagt hatte, war lediglich, dass einige seiner Leute zuvor in Afghanistan und im Irak gekämpft hätten. Wer darin per se etwas Negatives sehen will, mag es tun, aber selbst dann konstituiert das noch nicht unbedingt Verbindungen zu al-Kaida. Über sich selbst sagte der „Rebellenkommandeur“, dass er in Afghanistan gekämpft habe, 2002 im pakistanischen Peschawar festgenommen und an die Amerikaner ausgeliefert worden sei. Die hätten ihn an Libyen weitergereicht, wo er zunächst inhaftiert und 2008 freigelassen wurde. Er verurteile die Anschläge vom 11. September und ganz generell Angriffe gegen unschuldige Zivilisten.

Dass ein nicht sehr bedeutender örtlicher Befehlshaber der Rebellen Internetgeschichte machte, verdankte er der Propaganda der libyschen Regierung. Am 24. Februar hatte der stellvertretende Außenminister Khaled Kaim vor EU-Diplomaten dramatisch behauptet, in Derna sei ein islamistisches Emirat unter Leitung eines gewissen al-Hasadi errichtet worden, der ein ehemaliger Guantanamo-Gefangener sei. Nun drohten dort „talibanische“ Verhältnisse. Am 3. März legte Gaddafi höchstpersönlich mit der Behauptung nach, dass „ein ehemaliger Guantanamo-Gefangener sich zum Emir von Derna ausgerufen“ habe.

Daraufhin hatte die New York Times Journalisten in die ostlibysche Stadt geschickt, die unter anderem mit al-Hasidi gesprochen hatten. Das Ergebnis erschien am 7. März unter der Headline „Diverse Character in City Qaddafi Calls Islamist“, was man dem Sinne nach wohl ungefähr übersetzen kann mit „Unterschiedliche Erscheinungen in der Stadt, die Gaddafi als islamistisch bezeichnet hat“. Al-Hasidi wurde dort zitiert mit der Aussage, er habe keinerlei politische Ambitionen und sei fest überzeugt, dass Libyen niemals ein taliban-artiger Staat werden könne. „Ganz unmöglich. Die Leute hier sind schon Moslems, wir brauchen keinen Islamischen Staat, der uns das erzählt. Wenn ich extremistische Vorstellungen hätte, würden die Leute nicht zu mir stehen.“

Il Sole 24 Ore berichtete später zusätzlich, dass al-Hasidi die Geschichten über die Ausrufung eines Emirats Derna als frei erfundenen Blödsinn dementiert und zudem betont hatte, niemals in Guantanamo gewesen zu sein.

Eine im Netz ungeprüft weiterverbreitete Behauptung ist, dass al-Hasidi Mitglied der Libyschen Islamischen Kampfgruppe (LIFG) sei. Diese militante Geheimorganisation soll 1995 von ehemaligen Afghanistankämpfern gegründet worden sein. Am 3. November 2007 gab die angebliche Nummer 2 von al-Kaida, der Ägypter Aiman al-Zawahiri, bekannt, dass sich die LIFG mit al-Kaida vereinigt habe.

Das wäre freilich ein starkes Indiz für alle, die den „Rebellenkommandeur“ mit der Zentrale des Bösen in Verbindung bringen wollen. Aber woher stammt die Behauptung über seine Mitgliedschaft in der Islamischen Kampfgruppe? Sie stand nicht in der New York Times, sie stand auch nicht in Il Sole 24 Ore, und es ist ungewiss, ob sie von Seiten der libyschen Regierung vorgebracht wurde. Nachweisbar ist nur, dass der Telegraph diese Behauptung am 25. März verbreitete – und sich dabei auf nichts weiter berief als nicht näher bezeichnete „US-amerikanische und britische Regierungsquellen“. Wesentlich schwächer kann ein unsolides Gerücht überhaupt nicht daherkommen.

Zur LIFG ist außerdem anzumerken: Für al-Zawahiris Behauptung, die Gruppe habe sich an al-Kaida angeschlossen, gibt es keine Belege. Gut dokumentiert ist hingegen, dass sechs namhafte, führende Mitglieder der LIFG, die sich in libyscher Haft befanden, Ende September 2009 ein über 400 Seiten starkes Papier vorlegten, in dem es um eine kritische Aufarbeitung der Geschichte und der politischen Linie der Gruppe ging. Ein wesentlicher Punkt war darin die Abwendung von gewaltsamen Kampfformen. Das Dokument war Ausdruck und Ergebnis eines von der libyschen Regierung mindestens zwei Jahre zuvor eingeleiteten „Versöhnungsprozesses“. Im Ergebnis kamen mehrere hundert Gefangene, angeblich LIFG-Mitglieder, frei. Die letzten wurden im Februar 2011, wenige Tage vor Beginn des Aufstands, aus der Haft entlassen.

Die Vermutung oder Behauptung, dass militante Islamisten oder gar Terroristen aus dem Umkreis von Al-Kaida in der gegen Oberst Gaddafi gerichteten Rebellion eine maßgebliche oder auch nur relevante Rolle spielen, ist bisher nicht durch Tatsachen erhärtet worden. Mehr noch: Es gibt für diese Annahme nicht einmal plausible Indizien, die wenigstens einen Anfangsverdacht begründen würden. Keiner der offiziell für die Rebellen sprechenden Politiker und Militärs ist nach seiner Biographie diesem Spektrum auch nur näherungsweise zuzuordnen oder mit ihm in Verbindung zu bringen. Es gibt aus diesem Personenkreis nicht eine einzige bekannt gewordene Äußerung, die sich in eine solche Richtung deuten oder auch nur verzerren lassen könnte. Die prinzipienlose Selbstauslieferung der maßgeblichen Rebellen an den US-amerikanisch geführten westlichen Imperialismus und ihr von keinerlei Würde oder Selbstbewusstsein gehemmtes Betteln um dessen Militärhilfe gegen Teile ihres eigenen Volkes sind das absolute Gegenteil von allem, was man bei militanten Islamisten erwarten würde. Es fällt schwer, für dieses Verhalten überhaupt historische Parallelen zu finden.

Zweifellos sind unter den Unterstützern und bewaffneten Kämpfern der Rebellion militante Islamisten. Alles andere wäre völlig unlogisch. Es ist aber nicht zu erkennen, dass sie einen spürbaren Einfluss auf den Gang der Ereignisse nehmen oder mit eigenen Vorstellungen in Erscheinung treten. In Bengasi und anderen von den Rebellen über längere Zeiträume hin beherrschten Städten sind bisher keine Verordnungen erlassen worden, die eine fundamentalistische Handschrift tragen. Auch die Kampfweise der Rebellen lässt nicht auf Verbindungen zu international agierenden islamistischen Organisationen schließen. So wird zum Beispiel die angebliche Präsenz zahlreicher „Selbstmordattentäter“ bisher nicht durch entsprechende Aktionen reflektiert.

Darüber hinaus ist die Vorstellung, dass an Al-Kaida angelehnte Kräfte in irgendeinem Teil der arabischen Welt die Staatsmacht übernehmen könnten, präzedenzlos und generell unrealistisch. Sie gehört als Kinderschreck in das Propaganda-Arsenal der Imperialisten und der mit ihnen engstens verbundenen arabischen Regime. Ob Al-Kaida überhaupt noch eine materielle Existenz führt oder jemals geführt hat, sei dahingestellt. Jedenfalls hat sie weder ein politisches und soziales Programm noch ein organisatorisches Netzwerk, das einen Volksaufstand tragen könnte.

Der Verdacht, dass die Regierungen der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und anderer bedeutender westlicher Staaten ausgerechnet mit Al-Kaida paktieren würden, um eine Militärintervention in Nordafrika zu legitimieren, ist freilich nicht ohne verschwörungstheoretischen Charme. Auch die nicht ganz so weit gehende Annahme, dass die imperialistischen Staaten innerhalb von nur zwei, drei Wochen hochriskante Wetten auf Leute abschließen würden, die sie angeblich noch gar nicht kennen und deren Strukturen sie nicht durchschauen – wie zu Beginn der libyschen Rebellion allen Ernstes behauptet wurde – hat selbstverständlich ihren Reiz. Auf solche eigentlich absurden Hypothesen können sich rechte und linke Kritiker der Intervention ebenso wie Menschen mit stark durchmischten Weltanschauungen leicht verständigen. Es liegt jedoch der Verdacht nahe, dass diese Legenden in erster Linie dazu führen, den Blick für das Offensichtliche zu trüben: dass es sich um einen glänzend geplanten, sorgfältig vorbereiteten Umsturzversuch handelte, und dass die maßgeblichen Akteure keine terroristischen Schmuddelkinder, sondern wohlbekannte, zuverlässige Spielfiguren der imperialistischen Mächte sind.

Betrachten wir den Ablauf der Ereignisse. Die Kundgebungen gegen Gaddafi, die von Anfang an mit Gewalttätigkeiten verbunden waren, begannen Mitte Februar und setzten sich am 17. Februar als sogenannter „Tag der Wut“ landesweit fort. Innerhalb weniger Tage nahmen die Proteste vor allem im Osten des Landes, aber keineswegs nur dort, die Form eines bewaffneten Aufstands dar. Etliche der Behauptungen über das Vorgehen der Sicherheitskräfte, wie etwa den angeblichen – technisch völlig unzweckmäßigen - Einsatz von Artillerie und Flugabwehrraketen gegen „friedliche Demonstranten“, kann man als Propagandamärchen beiseite legen. Schließlich waren die Führer des Aufstands offensichtlich von vornherein darauf aus, durch nicht nachprüfbare Behauptungen über das Vorgehen der Staatsorgane ein militärisches Eingreifen des Westens herbeizuführen. In Wirklichkeit gibt es keine Belege, dass die libysche Führung signifikant brutaler reagierte als die Regime Tunesiens, Ägypten, Jemens oder der arabischen Halbinsel, die alle keinen Schrei nach „humanitärer Intervention“ auf sich zogen.

Dennoch setzte schon innerhalb der allerersten Tage nach dem Beginn des Aufstands eine Welle von Rücktritten ein, die mit angeblichen Grausamkeiten und unverhältnismäßig schweren Militäreinsätzen gegen die Protestbewegung begründet wurden. Den Anfang machte am 21. Februar Libyens Botschafter in Indien, Ali al-Essawi. In seiner Erklärung sprach er von Dingen, deren Augenzeuge er auf seinem Posten ganz sicher nicht gewesen war, wie etwa von Bombenangriffen libyscher Kampfflugzeuge auf Zivilisten und von „Massakern“ ausländischer Söldner an der Bevölkerung. Bevor er nach Indien mehr oder weniger abgeschoben worden war, gehörte al-Essawi unter anderem als Minister für Wirtschaft, Handel und Investitionen zu den führenden Reformern seines Landes. In dieser Funktion war er ein guter Bekannter US-amerikanischer und anderer westlicher Diplomaten. Wenige Tage nach seinem Rücktritt wurde er einer der beiden außenpolitischen Reisebotschafter der Rebellen und war unter anderem an deren Anerkennung durch Frankreich entscheidend beteiligt.

Ebenfalls am 21. Februar verließ der libysche Botschafter in Bangladesch, Ahmed Attia Hamed Elimam, seinen Posten. Wenig später wurde der Rücktritt von Justizminister Mustafa Abdul Jalil bekannt, der angeblich der „exzessiven Gewaltanwendung gegen die Protestierenden“ nicht mehr zusehen wollte. Am nächsten Tag quittierte auch Innenminister Abdul Fatah Junis den Dienst und erklärte sich für die Rebellen. Außenminister Mussa Kussa, der sich am 30. März den britischen Behörden stellte, war ein später Nachzügler der wie verabredet laufenden großen Absetzbewegung. Zu Beginn des Aufstands hatte er die Rebellen noch ganz im Sinn der Regierungslinie als fanatische islamistische Terroristen dargestellt.

Bevor er im März 2009 ins Kabinett berufen wurde, war Kussa seit 1994 Leiter des Auslandsgeheimdienstes gewesen. Schon zuvor war er jahrelang in diesem Bereich tätig, soll Attentate geplant, Morde an Exil-Oppositionellen in Auftrag gegeben und die Unterstützung von nationalen Befreiungsbewegungen organisiert haben. Praktisch alles, was Libyen und speziell Gaddafi jemals vorgeworfen wurde, vom La-Belle-Anschlag (1986) bis zur Lockerbie-Bombe (1988), war auch mit Kussa in Verbindung gebracht wurde. Die US-Regierung zögerte dennoch nicht lange, am 4. April, nur fünf Tage nach seiner „Flucht“ aus Libyen, die gegen ihn verhängten Sanktionen aufzuheben und seine beschlagnahmten Konten freizugeben. Die EU folgte am 14. April. Seiner schnellen Rehabilitierung und Amnestierung kam offenbar zugute, dass er – hauptsächlich wohl im Auftrag Gaddafis - seit dem 11. September 2001 eng mit den westlichen Geheimdiensten bei der weltweiten Terrorismusbekämpfung kooperiert hatte.

Am 27. Februar, gerade einmal zehn Tage nach Beginn des Aufstands, wurde in Form des Nationalen Übergangsrats eine repräsentative und anscheinend von allen Rebellen anerkannte politische Führung gebildet. Die Gespräche darüber hatten, so weit bekannt wurde, schon am 24. Februar begonnen. Offiziell bekanntgegeben wurde die Existenz des Rates am 5. März. Er bestand aus 31 Mitgliedern, die angeblich die Regionen und Städte Libyens repräsentierten. Aber nur zwölf Namen wurden öffentlich genannt, was mit Sicherheitsrücksichten begründet wurde.

Den Vorsitz des Führungsgremiums übernahm der erst wenige Tage zuvor zurückgetretene frühere Justizminister Jalil. Als Sprecher und später auch stellvertretender Vorsitzender fungierte Abdul Hafiz Ghoga, Vorsitzender der Anwaltskammer von Bengasi, der sich als Verteidiger politischer Gefangener einen Namen gemacht hatte. Sein Sprecheramt übt er mit gelegentlichen Eigenmächtigkeiten und Widersprüchlichkeiten aus. Mit der Zuständigkeit für „militärische Angelegenheiten“ wurde Omar al-Hariri betraut. Wegen der aufgeflogenen Planung eines Putsches gegen seinen früheren Kampfgefährten Gaddafi war er 1975 zum Tode verurteilt, später aber zu einer Haftstrafe begnadigt worden. In den letzten Jahren bis zu seinem Anschluss an die Rebellen hatte er nur noch unter Hausarrest gestanden.

Verantwortlich für „auswärtige Angelegenheiten und internationale Verbindungen“ wurde neben dem schon erwähnten Ali al-Essawi gleichberechtigt auch Mahmud Jibril. Er hatte 1980 und 1985 akademische Abschlüsse in Politischen Wissenschaften und Strategischer Planung an der Universität von Pittsburgh (USA) gemacht und anschließend dort jahrelang unterrichtet. Außerdem entwickelte er unter amerikanischer Regie Kursprogramme für leitende Manager in arabischen Ländern. Jibril kehrte erst 2005 nach Libyen zurück und stieg auffallend schnell, kaum zwei Jahre später, zum Führer der zentralen Arbeitsgruppen für Wirtschaftsreformen und Privatisierung auf. Er verdankte das, wie viele andere Reformer auch, der Protektion durch Gaddafis Sohn Saif al-Islam. In seinen Funktionen war Jibril ein sehr geschätzter Gesprächspartner und Informant der amerikanischen Botschaft in Tripolis, wie einige Berichte aus dem WikiLeaks-Fundus zeigen. Die Entwicklung enger und allseitiger Beziehungen zwischen beiden Ländern war eines seiner zentralen Themen. Jibril gilt als Freund des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und stand neben ihm, als dieser am 10. März bekanntgab, dass Frankreich als erstes Land der Welt den Nationalen Übergangsrat als einzige legitime Regierung Libyens anerkannt hatte.

Am 23. März gaben die Rebellen die Bildung einer provisorischen Regierung, offiziell als „Exekutivkörperschaft“ des Übergangsrates bezeichnet, bekannt. Sie bestand zunächst nur aus wenigen Schlüsselministerien. Premierminister wurde Jibril. Die weiteren Posten bekamen al-Hariri („militärische Angelegenheiten“), al-Essawi ( Außenpolitik) und Ali Tarhuni (Wirtschaft, Handel, Finanzen und Öl).

Tarhuni hatte als Gegner Gaddafis seine Heimat schon als junger Mann verlassen und war in die USA emigriert. An der Universität von Michigan hatte er 1978 und 1983 akademische Titel in Volkswirtschaftslehre erworben. Anschließend war er in den Vereinigten Staaten im universitären Lehrbetrieb und als Unternehmensberater tätig gewesen. Von dort kehrte er erst im Februar dieses Jahres nach Libyen zurück, um fast sofort einen zentralen Posten in der Rebellen-Regierung zu übernehmen.

Während die Stellung von al-Hariri als Verteidigungsminister anscheinend im Wesentlichen nur eine symbolische Funktion hatte, wurde mit der praktischen Führung der Rebellenstreitkräfte der frühere Innenminister General Junis beauftragt. Er bekam jedoch Konkurrenz durch Oberst Khalifa Haftar, der am 14. März (oder etwas früher) aus den USA kommend in Bengasi eintraf und sich wenige Tage später schon als neuer Militärchef des Übergangsrates vorstellte. Er sei der Oberkommandierende, Junis sei ihm untergeordnet, behauptete Haftar in selbstherrlichem Ton. Die Entscheidung im Rat fiel jedoch schließlich zugunsten von Junis.

Der Oberst war ein Gaddafi-Anhänger der ersten Stunde und hatte 1969 als junger Kadett dessen Putsch gegen König Idris unterstützt. Haftars Weg zum militanten Regimegegner begann, als er 1987 im Tschad zusammen mit über hundert anderen libyschen Soldaten gefangen genommen wurde. Gaddafi hatte, ebenso wie Frankreich, jahrelang militärische Einmischung in die permanenten Bürgerkriege des Tschad betrieben. Einem CNN-Bericht vom 6. April zufolge stellte sich Haftar dem Herrscher des Tschad, Hissène Habré, und damit auch der CIA zur Verfügung, um eine gegen Gaddafi gerichtete Truppe, genannt Libysche Nationalarmee, aufzubauen. Diese wurde der 1981 unter kräftiger amerikanischer Mithilfe gegründeten Nationalen Front für die Rettung Libyens angegliedert, die ein scheinbar demokratisches und liberales, keinesfalls islamistisches Programm vertrat.

Haftars Söldner kamen jedoch gar nicht erst zum Einsatz. Habré wurde im Dezember 1990 gestürzt, sein Nachfolger Idriss Déby strebte eine Aussöhnung mit Libyen an. Amerikanische Dienststellen unternahmen hinter den Kulissen große Anstrengungen, um in Afrika ein neues Quartier für die „Nationalarmee“ zu finden. Nach einer Odyssee, die die Truppe nach Nigeria, Zaire (Kongo) und Kenia führte, blieb der Regierung in Washington schließlich nichts anderes übrig, als 300 libysche Söldner in die USA fliegen zu lassen und sie dort als „politische Flüchtlinge“ aufzunehmen. Soweit die Darstellung von CNN.

Haftar selbst kam in Falls Church, Virginia, unter, das nur wenige Kilometer von der CIA-Zentrale Langley entfernt ist. Er lebte dort fast zwanzig Jahre, bis er sich in Bengasi meldete, um die militärische Führung zu übernehmen. Selbst wenn Haftar schließlich nur zweiter Mann hinter Juni wurde, ist der Vorgang hochauffällig: Ein Mann, der letztmals vor 23 Jahren Soldaten im Kriegseinsatz kommandiert hat, wird von den Rebellen fast augenblicklich in eine leitende Stellung gehievt. Ohne massive Protektion und Einflussnahme US-amerikanischen Dienststellen bliebe dieser rasante Aufstieg völlig unerklärlich.

Man darf die unglaublich schnelle und scheinbar reibungslose Bildung der Aufstandsführung wohl als ein historisch vorbildloses Meisterstück betrachten. Das weist auf die perfekte Planung der gesamten Operation, aber auch auf das marionettenhafte Funktionieren der wichtigsten libyschen Akteure hin. Immerhin waren zuvor zehn bis zwanzig zum Teil grundverschieden ausgerichtete exiloppositionelle Gruppierungen unter einen Hut zu bringen. Außerdem musste das starke Misstrauen vieler Altoppositioneller gegen die gerade erst aus dem Führungskreis um Gaddafi Ausgeschiedenen in irgendeiner Weise beruhigt und stillgestellt werden. Letztlich war das vermutlich nur dadurch zu bewerkstelligen, dass einige ausländische Dienste und Regierungen ein strammes Regiment über den „Vereinigungsprozess“ führten. Vielleicht hatten deren Bemühungen, die Kräfte und Personen zusammenzubringen, denen eine solche Operation zuzutrauen war, auch schon vor längerer Zeit begonnen. Logisch wäre das allemal, aber konkret beweisbar ist es bisher noch nicht.

Knut Mellenthin

Huntergrund, 2. Quartal 2011