KNUT MELLENTHIN

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Netanjahu schimpft auf die Welt

Angebliches iranisches Waffenschiff spielte auch 2002 bei der Ausschaltung Arafats eine zentrale Rolle.

Es sollte Benjamin Netanjahus großer Tag werden – und endete mit Enttäuschung und offener Wut gegen den Rest der Welt: Der israelische Ministerpräsident leitete am Montag eine Open-Air-Show im Hafen Eilat, die live im Fernsehen übertragen wurde. Präsentiert wurden Kurzstreckenraketen, Mörsergranaten und Munition für Handfeuerwaffen. Angeblich war das Arsenal an Bord eines Frachters entdeckt worden, den israelische Kriegsschiffe am vorigen Mittwoch vor der eritreischen Küste gekapert hatten. Das unter panamaischer Flagge fahrende Schiff, die „Klos C“, sei im iranischen Auftrag unterwegs gewesen, behauptet die israelische Regierung. Die Waffen hätten ins Gaza-Gebiet geschmuggelt werden sollen. Auf eine bestimmte palästinensische Organisation als Empfänger wollte man sich aber bisher nicht festlegen.

Die angeblich schon seit Monaten vorbereitete Kaperung der „Klos C“ lief unter dem offiziellen Namen „Operation volle Aufdeckung“. Wie der Name andeutet, war das Unternehmen als großer Propagandaschlag gegen Iran gedacht. Rein zufällig wurde der beschlagnahmte Frachter genau am Sonnabend in den Hafen von Eilat eskortiert, als die EU-Außenpolitikchefin Catherine Ashton gerade Teheran besuchte. Ashton agiert gegenüber Iran als Sprecherin der internationalen Sechsergruppe – bestehend aus den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und Deutschland – in den Atomverhandlungen. Diese zu torpedieren war der tiefere Sinn der „Operation volle Aufdeckung“. Denn, so beteuerte Netanjahu in den letzten Tagen immer wieder und zunehmend ärgerlicher: wer Waffen schmuggelt, der baut selbstverständlich auch heimlich Atombomben. Den Iranern sei auch unter ihrem seit August 2013 amtierenden Präsidenten Hassan Rouhani grundsätzlich nicht zu trauen.

Das erhoffte stürmische Echo auf die „volle Aufdeckung“ blieb jedoch außerhalb Israels aus. Am Sonntag begann Netanjahu öffentlich auf Lady Ashton zu schimpfen, weil sie den angeblichen Waffenschmuggel nicht zur Sprache gebracht habe. Geheimdienstminister Juval Steinitz erläuterte vor Journalisten, dass man nach der Kaperung der „Klos C“ erwartet habe, dass Ashton ihren Besuch in Teheran absagen oder wenigstens verschieben würde.

Am Montagabend, nachdem auch die Waffenschau in Eilat keine Wende gebracht hatte, ließ der Premier schließlich seinem Zorn auf die gesamte „internationale Gemeinschaft“ freien Lauf. Er habe „nur eine Handvoll Stimmen“ gehört, die „diese mörderische Lieferung“ verurteilt hätten. Die meisten Regierungen zögen es vor, „den Kopf in den Sand zu stecken“. „Aber wenn wir einen Balkon in irgendeinem Jerusalemer Vorort bauen, tobt und schreit die ganze Welt.“ Das demonstriere „die Ära der Scheinheiligkeit, in der wir leben“. Die Welt müsse „endlich aufwachen“.

Israelische Kriegsschiffe haben schon früher mindestens drei Mal Frachter gekapert, auf denen angeblich in iranischem Auftrag Waffen transportiert wurden. Der bekannteste und politisch folgenreichste Zwischenfall dieser Art war die gewaltsame Aufbringung der „Karine A“ im Roten Meer am 3. Januar 2002. An Bord waren angeblich rund 50 Tonnen Waffen. Israel, damals geführt von Premier Ariel Scharon, behauptete, dass das Militärmaterial für die Palästinenserregierung bestimmt gewesen sei und dass Präsident Jassir Arafat davon gewusst habe. Das war zwar politisch unwahrscheinlich: Die Beziehungen zwischen Iran und der palästinensischen Führung waren wegen deren Verhandlungen mit Israel äußerst angespannt. Trotzdem nahm Scharon diesen Vorwurf zum Anlass, um Arafat in seinem Hauptquartier in Ramallah praktisch unter Arrest zu stellen. US-Präsident George W. Bush stimmte dem provokatorischen israelischen Schritt mit der Begründung zu, dass Arafat „ein Hindernis für den Frieden“ sei. Der Palästinenserführer konnte die von Israel besetzte und eingeschlossene Westbank erst im Oktober 2004 verlassen, um sich nach Frankreich in ärztliche Behandlung zu begeben. Dort starb er am 11. November.

Knut Mellenthin

12. März 2014