KNUT MELLENTHIN

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Noch in diesem Jahr der nächste Krieg?

Ein sehr deutliches Argument für einen Regierungswechsel trug am Dienstag der Militärexperte der israelischen Tageszeitung Haaretz, Ze'ev Schiff, vor. Innerhalb der überwiegend linksliberalen Grundtendenz des Blattes zeichnet sich Schiff regelmäßig als Falke aus. Seinen Kommentar überschrieb er diesmal: "Olmert und seine Regierung sind ungeeignet, den nächsten Krieg zu führen." - Mit einem solchen Krieg werde "nach nachrichtendienstlichen Einschätzungen" noch in diesem Jahr gerechnet, schrieb Olmert, und deshalb sei es unvermeidlich, "dass diese Regierung auf die eine oder andere Art zurücktritt".

Tatsächlich ist der nächste Krieg schon seit mehreren Monaten ein zentrales Thema der israelischen Diskussion. Hauptsächlich wird über syrische Kriegsvorbereitungen im Vorfeld der Golan-Höhen spekuliert, die Israel seit dem Juni-Krieg 1967 besetzt hält und trotz Protest der UNO förmlich annektiert hat. Die Regierung in Damaskus habe die Ausbildung ihrer Streitkräfte intensiviert und modernste militärische Ausrüstung an die potentielle Front geschafft, verkünden Israels Medien.

Sachlich betrachtet ist die Annahme, Syrien könnte einen Angriffskrieg gegen Israel führen wollen, nicht mehr als eine intellektuelle Zumutung. Ein solcher Versuch gegen die stark ausgebaute israelische Abwehr auf den Golan-Höhen wäre Wahnsinn, und niemand, der ernsthaft argumentiert, hält die Regierung in Damaskus für irrational.

Etwas klügere und ehrlichere Leute in Israel sagen deshalb, dass ein von beiden Seiten nicht gewollter Krieg durch eine Kettenreaktion missverstandener Signale und durch eine Aufheizung von gegenseitigem Misstrauen entstehen könne. Diese Befürchtung ist plausibel. Israel könnte ihr aber sehr einfach begegnen: Erstens durch eine eindeutige öffentliche Festlegung, dass kein Angriffskrieg gegen Syrien beabsichtigt ist. Und zweitens durch positives Reagieren auf die starke Verhandlungsbereitschaft in Damaskus.

Knut Mellenthin

Junge Welt, 4. Mai 2007